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Wahrhaft auferstanden?

Lesedauer etwa 7 Minuten

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Die Tagespost vom 08.04.2020, S. 16 (mit kleineren Abweichungen unter dem Titel: „Die Evangelien vor Gericht“)

Wie verlässlich sind die biblischen Zeugnisse der Auferstehung Jesu?

 

Die neutestamentlichen Osterberichte bereiten dem exegetisch geschulten Leser einiges Kopfzerbrechen. Die Darstellungen weichen in einigen Punkten voneinander ab. Das veranlasste schon Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), den Wegbereiter der historisch-kritischen Bibelauslegung, zur Frage, ob der Auferstehungsglaube vor dem Richterstuhl der Vernunft bestehen könne. Nichtsdestotrotz möchte ich in diesem Beitrag dafür argumentieren, dass es gute Gründe und Argumente für die Verlässlichkeit der Auferstehungsbotschaft gibt.

Unsere aussagekräftigsten Zeugnisse der Auferstehung Jesu sind die Evangelien und die Paulusbriefe. Dass es sich dabei auch um Glaubenszeugnisse handelt, spricht nicht von vornherein gegen ihre historische Verlässlichkeit. Alle vier Evangelien berichten übereinstimmend: Jesus von Nazareth wurde von der römischen Obrigkeit in Jerusalem verurteilt und hingerichtet; er wurde von Josef von Arimathäa, einem reichen Juden, in einem Felsengrab bestattet; einige Jüngerinnen, unter ihnen Maria Magdalena, gingen am frühen Sonntagmorgen zu seinem Grab und fanden es leer vor. Und einige Jünger hatten Erscheinungen des auferstandenen Jesus.

Wie ist der historische Wert dieser Überlieferungen zu beurteilen? Wie lässt sich ihre Entstehung am besten erklären? Um diese Fragen zu klären, müssen die gegebenen Belege einzeln und in ihrem Zusammenhang untersucht werden. Die folgende, kleine Spurensuche beschränkt sich auf die Berichte (1.) von dem leeren Grab, (2.) die Erscheinungen und (3.) den Auferstehungsglauben der ersten Jünger. Der Reihe nach.

Zu (1.) Dürfen wir davon ausgehen, dass Jesus begraben und sein Grab später leer aufgefunden wurde? Dafür sprechen viele gute Gründe. Alle Quellen bezeugen, dass Jesus begraben wurde. Auch sein Begräbnisort war allem Anschein nach bekannt; sonst hätten die Frauen nicht zum Grab gehen können. Die Evangelien berichten darüber hinaus, dass Josef von Arimathäa Jesus in einem Felsengrab bestattete. Da Josef Mitglied des jüdischen Sanhedrins und also für Jesu Verurteilung mitverantwortlich war, ist es eher unwahrscheinlich, dass diese Geschichte von den ersten Christen erfunden wurde. Bezüglich der Überlieferung vom leeren Grab ist zu bedenken, dass die Juden der damaligen Zeit eine leibliche Auferstehung am Ende der Zeit erwarteten (z. B. Joh 11,14). Von daher wäre die Auferweckung eines Toten für sie schwerlich mit dem Verbleib seines Leichnams im Grab vereinbar gewesen. Die Jünger hätten sich in diesem Fall sehr schwergetan, die Auferstehungsbotschaft selbst zu glauben und sie anderen glaubhaft zu vermitteln. Abgesehen davon ist davon auszugehen, dass die jüdischen Obrigkeiten der ganzen Geschichte wohl mit Verweis auf Jesu Grab oder mit der Exhumierung des Leichnams ein Ende zu machen versucht hätten. Schließlich überrascht es, dass Frauen, deren Zeugnis zur damaligen Zeit vor Gericht als wertlos galt, die Entdecker und Hauptzeugen des leeren Grabes waren; im Fall einer Legende wären wohl die männlichen Jünger die Erstentdecker gewesen. Aus diesen und anderen Gründen halten „weitaus die meisten Exegeten … an der Zuverlässigkeit der biblischen Aussagen über das leere Grab fest“, so der auf die Ostertexte spezialisierte Exeget Jacob Kremer. Die Frage, die sich vor diesem Hintergrund stellt, lautet: Warum genau war das Grab leer? Worin besteht die beste Erklärung dafür?

Zu (2.) Wie steht es um die Ostererscheinungen? Sie bilden den zweiten Beleg, den es zu prüfen gilt. Das älteste greifbare Zeugnis bildet diesbezüglich 1 Kor 15,5-9. Der Apostel Paulus überliefert dort eine Liste von Auferstehungszeugen, die er bei seinem 15tägigen Jerusalembesuch von Petrus aus erster Hand erhalten haben mag (vgl. Gal 1,18f). In Übereinstimmung mit den Evangelien nennt er als Erscheinungszeugen Petrus und die Zwölf und darüberhinausgehend auch eine Gruppe von 500 Brüdern. Er betont, dass die meisten zur Zeit der Briefabfassung noch lebten und also befragt werden hätten können. Auch für sich selbst beansprucht Paulus, den Herrn gesehen zu haben (z. B. Gal 1,12.16; 1 Kor 9,1). Angesichts der neutestamentlichen Zeugnisse lässt sich kaum in Abrede stellen, dass es Erscheinungen des auferweckten Jesus gegeben hat, die Einzelpersonen (wie Petrus) und Personengruppen (wie den Zwölf etc.) sowie Anhängern und Gegnern (wie Paulus) zuteilwurden. Die Frage ist von daher nicht, ob es Erscheinungen gab, sondern vielmehr, wie sie am besten zu erklären sind.

Zu (3.) Wie entstand der Osterglaube der Jünger? Historisch gesehen besteht kein Zweifel, dass der Glaube an Jesu Auferweckung das Leben der ersten Jünger entscheidend veränderte. Sie wurden zu freimütigen Verkündern dieses Glaubens, wobei viele von ihnen für ihn das Martyrium erlitten. Nun kann man im Kontext der damaligen Messiaserwartung kaum genug betonen, was für eine Katastrophe die Kreuzigung für die Jünger war. Erst der Glaube an die Auferweckung Jesu befähigte sie, umzudenken und zu glauben, dass Jesus trotz allem der Messias war. Die Entstehung des Christentums steht und fällt von daher mit dem Glauben der ersten Jünger an die Auferweckung Jesu. Worin aber besteht die beste Erklärung für die Entstehung dieses Glaubens? Angesichts des skizzierten historischen Befunds müssen wir nun fragen:

Wie kann man das gemeinsame Vorliegen der genannten Daten und Indizien (leeres Grab, Erscheinungen, Auferstehungsglaube) am besten erklären?

Dazu möchte ich abschließend vier Hypothesen miteinander vergleichen:

(1.) Sehr alt ist die Betrugshypothese (so bereits Mt 27,63f und später der eingangs erwähnte Hermann Samuel Reimarus). Derselben zufolge hätten die Jünger den Leichnam gestohlen und Jesu Auferstehung erfunden. Allerdings gibt es dafür weder historische Anhaltspunkte noch ist es plausibel, dass die Jünger für eine dreiste Lüge so viel Widerstände, ja das Martyrium, in Kauf genommen hätten. Die Betrugshypothese wird daher heute nicht mehr vertreten.

(2.) Sodann wurden Umbettungs- und Grabverwechslungshypothesen erwogen (so etwa Joseph Klausner [1874-1958]). So wäre es etwa denkbar, dass der Leichnam Jesu von Josef von Arimathäa ohne das Wissen der Jünger umgebettet wurde, woraufhin diese irrtümlich geglaubt hätten, Jesus sei auferstanden. Allerdings hätte sich ein solcher Irrtum wohl bald aufgeklärt, und die Erscheinungen werden dadurch auch nicht erklärt. Derartige Hypothesen werden daher heute ebenfalls nicht mehr vertreten.

(3.) Vereinzelt vertreten wird heute die Halluzinationshypothese (so etwa Gerd Lüdemann [*1946]). Sie besagt, dass es sich bei den Erscheinungen um psychogen erklärbare Halluzinationen handelte, die die Jünger irrtümlich meinen ließen, Jesus sei vom Tode erstanden. Gegen diese Hypothese spricht allerdings, dass sie das leere Grab nicht zu erklären vermag und dass die Erscheinungen offenbar vor Einzelpersonen und Personengruppen sowie vor Anhängern und Gegnern stattgefunden haben, was sich nicht ohne weiteres durch den ferndiagnostischen Verweis auf Halluzinationen plausibel machen lässt.

(4.) Die älteste Erklärung lautet: „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.“ Sie ist den bisher genannten Hypothesen insofern vorzuziehen, als sie vergleichsweise einfach ist und die zu erklärenden Gegebenheiten (leeres Grab, Erscheinungen, Auferstehungsglaube) alle auf einmal erklärt. Sofern die Annahme eines Gottes, der in den Weltverlauf eingreifen kann, nicht unmöglich oder sehr unwahrscheinlich ist, lässt sich von der besten verfügbaren Erklärung sprechen. Das frühchristliche Auferstehungszeugnis braucht den Richterspruch der Vernunft nicht zu fürchten; auch nach über 250 Jahren historisch-kritischer Bibelauslegung darf es zuversichtlich sein, aus dem Wettstreit der in Spiel gebrachten Erklärungsversuche letztendlich als Sieger hervorzugehen.

 

Literatur

  • Craig, William Lane: Assessing the New Testament Evidence for the Historicity of the Resurrection of Jesus, New York, Queenston; Lewiston 1989
  • Craig, William Lane: The Son Rises: Historical evidence for the resurrection of Jesus, Wipf & Stock Publishers, 2001
  • Craig, William Lane: On Guard – Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen, München 2015, 237-284
  • Hempelmann, Heinzpeter: Die Auferstehung Jesu Christi – eine historische Tatsache? Argumente für den Osterglauben, Wuppertal 32003
  • Kremer, Jacob: Die Osterbotschaft der vier Evangelien. Versuch einer Auslegung der Berichte über das leere Grab und die Erscheinungen des Auferstandenen, Stuttgart 31969
  • Kremer, Jacob: Das älteste Zeugnis von der Auferstehung Christi. Eine bibeltheologische Studie zur Aussage und Bedeutung von 1 Kor 15,1–11, Stuttgart 21967
  • Pannenberg, Wolfhart: Die historische Problematik der Auferweckung Jesu. In: Grundzüge der Christologie, Gütersloh 1964
  • Pfohl, Gerhard: Geschichtlichkeit der Auferstehung Christi. Eine historisch-juristische Tatsachenprüfung, Nürnberg 2004
  • Wilckens, Ulrich: Hoffnung gegen den Tod. Die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu, Stuttgart 21997

 

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