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Monismus? Eine Einordnung

Lesedauer etwa 5 Minuten

Zum Thema: Was versteht man in der Philosophie unter Monismus? Die vorliegende Abhandlung unternimmt den Versuch einer Begriffsbestimmung.

Dieser Text erschien ursprünglich unter dem Eintrag „Monismus“ in: Staatslexikon der Görresgesellschaft, 8. Aufl., Herder: Freiburg 2019, Bd. 4, Sp. 1883-1885

 

Monismus

 

Monismus (von griech. monos = einzig, allein) ist ein Sammelbegriff für Weltanschauungen oder Wirklichkeitsdeutungen, die Pluralität auf ein einziges Prinzip oder eine einheitliche Realität zurückführen. Demgegenüber nehmen anti-monistische Auffassungen entweder mehrere fundamentale Prinzipien bzw. Realitäten (Pluralismus) oder gar keine fundamentalen Prinzipien bzw. Realitäten (Nihilismus) an.

Der älteste Beleg für den Gebrauch des Begriffs findet sich bei C. Wolff (1679-1754), dem zufolge „Monisten“ solche Philosophen sind, die – anders als etwa der cartesische Dualismus – „nur eine Gattung von Substanzen zugeben“ (Wolff § 32).

Aus einer systematischen Perspektive gesehen lassen sich verschiedene Spielarten von Monismus unterscheiden, deren bedeutendste benannt seien:

1 . Epistemische Monismen: Monismen dieses Typs verzichten soweit als möglich auf ontologische Festlegungen und setzen stattdessen bei der Einheitlichkeit phänomenaler Gegebenheiten an. So plädierte etwa E. Mach (1838-1916) dafür, nicht mehr von Materie und Geist, sondern nur noch von ontologisch neutralen „Elementen“ zu sprechen, die (als phänomenale Konstituenten der psychischen, physischen und psycho-physischen Erscheinungswelt) den Gegenstand der empirischen Wissenschaften ausmachen. Das metaphysikkritische Programm einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“, wie es im „Wiener Kreis“ verfolgt wurde, konnte hier anknüpfen (Mittelstraß, 926).

2 . Ontologische Monismen: Innerhalb dieser Gruppe ist zwischen (teilweise miteinander kombinierbaren) Typen- und Tokenmonismen zu unterscheiden. Während Typenmonismen annehmen, dass es nur einen (fundamentalen) Typ von Entitäten gibt, kennzeichnet Tokenmonismen die Auffassung, dass es nur eine (fundamentale) konkrete Entität gibt. Innerhalb des Typenmonismus ist zwischen Gattungs- bzw. Kategorienmonismen einerseits und Eigenschaftsmonismen andererseits zu differenzieren. Erstere lassen nur einen Typ von (fundamentalen) Entitäten zu, grundsätzlich aber mehrere Eigenschaftstypen, während Eigenschaftsmonismen mehrere Typen von (fundamentalen) Entitäten zulassen, aber nur einen Eigenschaftstyp.

2 . 1 Gattungs- oder Kategorienmonismus: Dieser Auffassung zufolge gibt es (nur) eine fundamentale Gattung oder Kategorie. Unter sie fällt alles, was existiert, während alles andere entweder gar nicht oder nur in einem derivativen Sinn existiert und mithin ontologisch eliminiert oder reduziert werden kann. Demzufolge gibt es zum Beispiel entweder nur Einzeldinge (Individuen), Eigenschaften (Tropen), Ereignisse (Prozesse), Elementarteilchen (Atome), Erlebnisse (Phänomene) etc. Den genannten Kategorien lassen sich entsprechende Nominalismen, Bündeltheorien, Prozessontologien, Atomismen und Phänomenalismen zuordnen, die innerhalb der Metaphysik diskutiert wurden und werden.

2 . 2 Eigenschaftsmonismus: Dieser Auffassung zufolge gibt es nur einen bestimmten Typ von Eigenschaften. Der materialistische Monismus, wie ihn etwa T. Hobbes (1588-1679) vertreten hat, nimmt an, dass alle Eigenschaften letztlich physisch-materieller Natur sind. Der idealistische Monismus, dessen bekannteste Repräsentanten G. W. Leibniz (1646-1716) und G. Berkeley (1685-1753) sind, möchte alle Eigenschaften in letzter Analyse auf mentale bzw. phänomenale Eigenschaften zurückführen. Der neutrale Monismus, wie ihn W. James (1842-1910) und zeitweise B. Russel (1872-1970) vertreten haben, nimmt demgegenüber an, dass weder physische noch mentale Eigenschaften fundamental sind, sondern beiden ein Eigenschaftstyp zugrunde liegt, der weder physisch noch psychisch ist. Nimmt man dagegen an, dass alles sowohl physisch-materiell als auch psychisch-mentaler Natur ist (Zweiaspekte-Theorie), vertritt man eher einen Eigenschaftsdualismus als einen Eigenschaftsmonismus.

Innerhalb des Tokenmonismus (in der Literatur auch als Substanz- oder Existenzmonismus bezeichnet) lässt sich eine exklusive Form, der zufolge es genau eine konkrete Entität gibt, und eine moderatere, inklusive Form, der zufolge es genau eine fundamentale konkrete Entität gibt, unterscheiden.

2 . 3 Exklusiver Tokenmonismus: Dieser Auffassung zufolge existiert genau eine konkrete Entität. Sie hat keine echten Teile, die selbst konkrete Entitäten im Sinn abzählbarer Token darstellen. Diese Position wurde unter anderem Parmenides († 460/455 v. Chr.), B. Spinoza (1632-1677) und F. H. Bradley (1846-1924) zugeschrieben. Diese Deutung ist allerdings umstritten (vgl. Schaffer 2016 mit entsprechenden Literaturverweisen). In der Gegenwartsphilosophie vertreten allem Anschein nach lediglich Horgan & Potrč die Auffassung, dass es nur ein konkretes Objekt, nämlich das raumzeitliche Universum gibt. Aus ihrer Sicht sind andere vermeintliche Objekte (Lebewesen, Personen, Elementarteilchen) nicht volldeterminiert, sondern weisen vage Grenzen auf. Da es vage Objekte nicht geben könne, sei das Universum das einzige konkrete Objekt, das es gäbe.

2 . 4 Inklusiver Tokenmonismus: Dieser Auffassung zufolge existiert genau eine fundamentale konkrete Entität (z. B. der Kosmos). Diese konkrete Entität umfasst viele echte Teile, die selbst konkrete Entitäten sind. Allerdings sind diese Teile selbst nicht-fundamental, sondern hängen von der einen fundamentalen Entität existenziell und essentiell ab. Da existenzielle Abhängigkeit etwa auch von pluralistischen Weltanschauungen wie dem Theismus behauptet wird – konkrete Entitäten können nicht ohne Gott sein –, muss die gesuchte Abhängigkeit muss zumindest auch in dem Sinn essentiell sein, dass die nicht-fundamentalen Entitäten, in dem, was sie sind, letztlich nur vom Ganzen her zu bestimmen sind (nicht aber umgekehrt). Das aber bedeutet: Während pluralistische Ontologien den einzelnen Bestandteilen der Welt einen ontologischen Vorrang gegenüber der Welt als Ganzer einräumen, spricht der inklusive Tokenmonismus der Welt als Ganzer einen ontologischen Vorrang gegenüber ihren Bestandteilen zu. Nach Jonathan Schaffer haben diese Position, die er als „Priority Monism“ bezeichnet, unter anderem Plato (428/7-348/7 v. Chr.), Plotin (205-270), B. Spinoza (s. o.), G. F. W. Hegel (1770-1831), R. H. Lotze (1817-1881), J. Royce (1855-1916), B. Bosanquet (1848-1923) und F. H. Bradley (s. o.) vertreten. Heute habe sie dagegen so gut wie keine Anhänger, wobei Schaffer freilich selbst eine Ausnahme bildet (Schaffer 2010, 2016).

Pantheistische Weltanschauungen (wie sie in Strömungen des Hinduismus oder Daoismus, aber auch in der Stoa oder im Neuplatonismus vorliegen) werden üblicherweise als monistisch klassifiziert. Bezüglich dieser Zuordnung ist allerdings zu beachten, dass der Pantheismus nicht nur monistisch, sondern auch pluralistisch konzipiert werden kann. Das ist der Fall, wenn angenommen wird, dass das Göttliche zwar alles beseelt und umfasst (All-Einheit), aber zugleich andere, nicht-göttliche Basiselemente existieren.

Innerhalb der Gegenwartsphilosophie sind vor allem Typenmonismen (z. B. physikalistische Eigenschaftsmonismen) und monokategoriale Ontologien (z. B. Prozess- oder Tropenontologien) einflussreich, während Tokenmonismen nur sehr vereinzelt vertreten werden.

Dominikus J. Kraschl

 

Literatur

  • Art. „Monismus“. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hrsg. v. Jürgen Mittelstraß, Stuttgart u. a. 1995 (korr. Nachdruck), Bd. 2, 925-927
  • Horgan Terence & Potrč Matjaž, Existence Monism Trumps Priority Monism. In: Goff, Philip (Hg.), Spinoza on Monism, Basingstoke, 51-76
  • Schaffer, Jonathan, Art. „Monism“. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2016 Edition), hrsg. v. Edward N. Zalta, https://plato.stanford. edu/archives/win2016/entries/monism.
  • Schaffer, Jonathan, Monism: The Priority of the Whole. In: Philosophical Review 119 (2010) 31-76
  • Christian Wolff, Psychologia rationalis (1734). In: Ders., Gesammelte Werke II/6, hrsg. v. J. Ècole, Hildesheim u. a. 1972

 

 

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