Ein »ordentliches« Leben in Armut, Ehelosigkeit & Gehorsam

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Ein »ordentliches« Leben in Armut, Ehelosigkeit & Gehorsam

 

Ich erinnere mich noch gut an eine kleine Begebenheit, die ich als Jugendlicher bei einem internationalen Schach-Länderkampf erlebt habe. Wir saßen abends in einer netten Runde zusammen und diskutierten angeregt über den Sinn des Lebens. Im Verlauf des Gesprächs legte einer der uns begleitenden Betreuer seine Karten auf den Tisch: »Ist doch ganz klar«, meinte er, »der Sinn des Lebens lässt sich in drei kurzen Worten zusammenfassen: Sex, Geld und Macht!« Diese Aussage aus dem Mund eines erwachsenen Menschen, der Frau und Kinder hat, machte mich betroffen. Dass viele Menschen wie besessen vom Streben nach Sex, Geld und Macht sind, ist eine Sache. Sie lässt sich mit der Schwäche des Menschen begründen. Eine andere Sache aber ist es, dieses Streben unverblümt zum Lebenssinn schlechthin zu stilisieren.

Alternatives Lebenskonzept

Damals ahnte ich noch nicht, dass ich nicht viel später einen praktischen Gegenbeweis antreten würde. Ich trat in einen Orden ein. Damit entschied ich mich für ein Leben nach den »evangelischen Räten«. Statt Geld, Sex und Macht wählte ich ein Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Natürlich konnten nicht alle diesen Schritt verstehen. Und es fragt sich ja auch: Welchen Sinn hat eine solche Lebenswahl? Hat sie denn überhaupt einen Sinn?

Die nicht mehr ganz geläufige Bezeichnung »evangelische Räte« gibt einen ersten Hinweis. Man spricht von »Räten«, weil es sich nicht um Gebote, sondern um Ratschläge handelt; »evangelisch« werden dieselben genannt, weil sie auf Jesus zurückgehen in den Evangelien überliefert werden. So antwortet Jesus etwa dem reichen Jüngling auf die Frage, was ihm noch fehlt, um das ewige Leben zu gewinnen: »Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach« (Mt 19,21). Bezüglich der Ehelosigkeit betont Jesus, dass es nicht allen gegeben ist, das Wort von der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen zu verstehen. Vielmehr gilt: »Wer es erfassen kann, der erfasse es« (Mt 19,12). Die Lebensweise Jesu und der Apostel, die auf seinen Ruf hin alles verlassen hatten, rief offensichtlich schon damals so manches Kopfschütteln hervor. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Sinn und Wert des Lebens

In seinem Ursprung ist das Leben nach den evangelischen Räten keine Erfindung der Kirche, sondern eine Erfindung des Herrn selbst – eine göttliche Erfindung, wenn man so will. So gesehen stellt sich eigentlich nicht die Frage, ob ein solches Leben einen Sinn hat, sondern nur, welchen Sinn es hat. Die folgenden Überlegungen möchten dazu einige Anregungen geben. Sie gliedern sich in zwei Teile. Der erste Teil entfaltet die evangelischen Räte als Grundhaltungen, die zum Christsein überhaupt gehören. Der zweite Teil bedenkt den besonderen Wert des Ordenslebens.

Die evangelischen Räte haben nicht nur für Ordensleute Bedeutung. Es handelt sich um Grundhaltungen, die zum Christsein überhaupt gehören. Glauben im christlichen Sinn bedeutet, sich in Gottes Liebe geborgen zu wissen, anstatt aus der Angst um sich selbst zu leben. Aus der Angst um sich selbst lebt, wer Reichtum, Macht und Schönheit vergöttert. Worauf er baut, hat keinen festen Bestand. So ist er stets in Sorge. Zudem halten die Dinge der Welt nicht, was sie versprechen. Sie können das Herz des Menschen nicht erfüllen. Jede Form von Weltvergötterung schlägt früher oder später in Verzweiflung an der Welt um.

Armut, Gehorsam, Keuschheit

Die Grundhaltungen der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit bilden ein Gegenprogramm zur Gefährdung des Menschen, geschaffene Wirklichkeiten zu vergöttern. Die Haltung der Armut drückt die Bereitschaft aus, die Güter der Welt mit anderen zu teilen, anstatt sie rücksichtslos an sich zu raffen. Die Haltung des Gehorsams setzt dem selbstsüchtigen Willen zur Machtsteigerung den Willen zum selbstlosen Dienen entgegen. Die Haltung der Keuschheit hat mit der konsequenten Weigerung zu tun, andere Menschen für die eigenen Bedürfnisse und Begierden zu instrumentalisieren.

Die Grundhaltungen der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit wurzeln im Glauben. Sie sind Früchte des Glaubens und haben als solche für alle christlichen Lebensformen große Bedeutung. Für die christliche Ehe gilt etwa: Ordensleuten ähnlich leben Eheleute in einer Gütergemeinschaft. Ihre Armut besteht darin, ihren Besitz miteinander und mit den Bedürftigen zu teilen. Auch die Ehelosigkeit ist in der Ehe angelegt und inbegriffen. Das Eheversprechen schließt die Bereitschaft ein, dem Partner auch in Zeiten längerer Abwesenheit treu zu bleiben; etwa während einer Kriegsgefangenschaft, einer Krankheit oder einer auswärtigen beruflichen Verpflichtung. Das kann bedeuten, auf lange Zeit in »freiwilliger Ehelosigkeit« zu leben. In Bezug auf den Gehorsam gilt schließlich: Die ungeteilte Verfügbarkeit für Gottes Willen lässt sich nicht trennen von der Verfügbarkeit für die Menschen, mit denen man zusammenlebt. Um gemeinsam auf Gott und sein Wort hören zu können, müssen sich Eheleute sich gegenseitig unterordnen (vgl. Eph 5,21).

Nachdem die Bedeutung der evangelischen Räte für das Glaubensleben skizziert wurde, ist nun ihre besondere Bedeutung für das Ordensleben in den Blick zu nehmen.

Ordensleben

Nachfolge Jesu verwirklicht sich auf vielerlei Weise. Zu ihr sind alle Getauften berufen. Die Berufung zum Ordensleben meint darüber hinaus den Ruf zur Nachahmung Jesu in der Übernahme einer speziellen Lebensform. Ihre Faszination und Würde erhält diese Lebensform durch das Beispiel Jesu, der selbst arm, ehelos und im ungeteilten Gehorsam gegenüber seinem himmlischen Vater gelebt hat. Jesus ist das Urbild und Zielbild jeder Ordensexistenz. Wer ihm auf seinem Weg begegnet, kann in sich den Ruf verspüren, alles hinter sich zu lassen, um ihm ungeteilten Herzens zu folgen. Dabei vertraut er auf Jesu Wort: »Sucht zuerst Gott und sein Reich, dann wird euch alles andere dazu gegeben« (vgl. Mt 6,33).

Verzicht und Glaube

Die evangelischen Räte sind mit einem einschneidenden Verzicht verbunden. Dieser Verzicht ist jedoch kein Selbstweck. Er ist Teil eines anspruchsvollen Weges, der eine immer größere Gleichförmigkeit mit Jesus zum Ziel hat. Zu Beginn dieses Weges fällt der Verzicht für gewöhnlich leicht. Unter dem Eindruck der überwältigenden Entdeckung, die der Novize gemacht hat, kann er sagen: »Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft« (Phil 3,8). Früher oder später wird ihm freilich bewusst werden, worauf er verzichtet hat. Diese Erfahrung gehört zum Weg dazu. Wird sie positiv integriert, kann sie eine fruchtbare spirituelle Dynamik auslösen, die zu einer besonderen Offenheit für die Präsenz Gottes und zu einer ausgeprägten Sensibilität für die Menschen führt.

Glauben bedeutet, am Gottesverhältnis Jesu und seiner universalen Sendung zu den Menschen teilzuhaben. Diese Teilhabe konkretisiert sich auf vorzügliche Weise im gemeinschaftlichen Leben nach den evangelischen Räten. Der Wert dieser Lebensform besteht darin, nicht nur ein Lippen-, sondern ein Lebensbekenntnis zu sein. Als solches verweist es auf den Sinngrund menschlicher Existenz; auf Gott, dessen Liebe unter uns dadurch offenbar wurde, dass er seinen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben (vgl. 1 Joh 3,9). Das gottgeweihte Leben macht Christi Gegenwart in der Welt sichtbar. Es macht Christus sichtbar »wie er auf dem Berg in der Beschauung weilt oder wie er den Scharen das Reich Gottes verkündigt oder wie er die Kranken und Schwachen heilt und die Sünder zum Guten bekehrt oder wie er die Kinder segnet und allen Wohltaten erweist, immer aber dem Willen des Vaters gehorsam ist, der ihn gesandt hat« (LG, 46).

Gott & Götzen

Das Ordensleben setzt die besondere Qualität und Radikalität der Lebensweise Jesu fort. Es ist ein leuchtendes Zeichen der Gegenwart Gottes, an dem man sich aufrichten, an dem man aber auch Anstoß nehmen kann. Für eine Gesellschaft, die sich im Diesseits einrichtet und ihre Erlösungsbedürftigkeit einigermaßen erfolgreich verdrängt, wird das Leben nach den evangelischen Räten zu einem Zeichen des Widerspruchs. Es entlarvt den scheinbar so selbstverständlichen Tanz um die goldenen Kälber von Luxus, Sex und Macht als Idolatrie. Der Weg der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams mag steil und manchmal auch steinig sein. Aber er führt weiter. Er führt zur befreienden Einsicht, dass Gott allein genügt – [schon hier, vor allem aber auf ewig] Gott sei Dank.

Literatur

  • Hans P. Buob: Berufen zur Hingabe. Die evangelischen Räte, Linz 1999.
  • Bours, Johannes & Kamphaus, Franz: Leidenschaft für Gott. Ehelosigkeit, Armut, Gehorsam. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 1991.
  • Herzig, Anneliese: In der Spur Jesu: Leben nach den evangelischen Räten, Innsbruck 2012.
  • Kleines Konzilskompendium, hrsg. von Rahner, Karl & Vorgrimler, Herbert Freiburg i. B. 292002.
  • Knauer, Peter: Unseren Glauben verstehen, Würzburg 62001.
  • Müller, Wunibald & Herzig, Anneliese & Scheuer, Manfred: Frei zum Leben. Die Weisheit der evangelischen Räte, Würzburg 1996.
  • Rotzetter, Anton: Aus Liebe zum Leben. Die evangelischen Räte neu entdeckt, Freiburg 1997.
  • Scheuer, Manfred: Die evangelischen Räte, Würzburg 1997.
  • Sudbrack, Josef: Leben in geistlicher Gemeinschaft. Eine Spiritualität der evangelischen Räte für heute und morgen, Würzburg 1988.

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