Kirche am Scheideweg?

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich in: Herder Korrespondenz 2/2020, S. 46-49

Kirche am Scheideweg?

Über verkannte Kränkungen, verzweifelte Diagnosen & verfehlte Therapien

 

Einen synodalen Weg will die katholische Kirche in Deutschland gehen. Bei einigen hat dies große Hoffnungen, bei anderen hingegen schlimme Befürchtungen wachgerufen: Während der Missbrauchsskandal für die einen unwiderruflich deutlich gemacht hat, dass sich die katholische Kirche bis hinein in ihre Grundverfassung ändern muss, läuft ein solches Ansinnen für andere letztlich auf einen Verrat an Evangelium, Überlieferung und Lehramt hinaus. Eine dritte Gruppe plädiert für einen ergebnisoffenen Dialog. Sie möchte dem besseren Argument zur Geltung verhelfen, wobei ihre Vertreter freilich nicht selten den Eindruck erwecken, diese Argumente bereits auf ihrer Seite zu wissen.

Verfolgt man die Stellungnahmen der letzten Monate [seit der Veröffentlichung der MGH-Studie; D. K.], so fällt der bis zum Anschlag gesteigerte Alarmismus, aber auch ein bislang nicht dagewesenes Ausmaß an Empörung, Unterstellungen und Verwerfungen auf. So wartet ein Moraltheologe mit der Schockdiagnose auf: „Diese Kirche tötet“ (D. Bogner, feinschwarz.net 08.04.2019). Ein bekannter Kirchenhistoriker diagnostiziert die wahrscheinlich größte Krise der Kirche seit der Reformation (H. Wolf, Kirche & Leben 12.04.2019). Ein Generalvikar sieht die Kirche gar „in Flammen“ stehen – nicht zuletzt aufgrund einer klerikalen Tyrannei, die in Verbindung mit einer jahrhundertelangen Verdrängung und Verteufelung menschlicher Sexualität den Boden für den grassierenden Missbrauch bereitet hätte (J. Annen, katholisch.de 04.04.2019)

Auch von der angegriffenen oder sich angegriffen fühlenden Seite wird mit scharfer Munition zurückgeschossen: Ein Kardinal hält jenen, die im Licht der Missbrauchskrise eine neue Kirche fordern, entgegen, sie würden „weder glauben noch denken“ (G. L. Müller, kath.net 14.04.2019). Ein Mitbruder im Kardinalskollegium bezeichnet den Versuch, über die Amazonas-Synode schon lange geforderte Strukturreformen auf den Weg zu bringen, als eine „Beleidigung Gottes und seines Plans für die Kirche“ (F. Sarah, kath.net 14.10.2019).

In dieser Situation, in der die Nerven bei vielen blank zu liegen scheinen, kann ein nüchterner Blick auf psychologische Dynamiken nicht schaden, die den innerkirchlichen Kontroversen und Ressentiments zugrunde liegen. Die Abschnitte dieses Beitrags orientieren sich dabei am Dreischritt von Sehen, Urteilen und Handeln.

  • Teil 1 skizziert den fortschreitenden Niedergang der Volkskirche und die damit verbundene Erosion traditioneller Glaubenspraxis.
  • Teil 2 expliziert die These, dass der Niedergang der Volkskirche in Teilen derselben im kirchlichen Selbstbewusstsein Kränkungen hervorgerufen hat, die das Diskussionsklima hintergründig prägen.
  • Teil 3 thematisiert die Frage nach einem konstruktiven Umgang mit diesen Kränkungen und ihren teilweise autodestruktiven Tendenzen. Dabei lässt sich an den Brief anknüpfen, den Papst Franziskus der Kirche in Deutschland mit auf den synodalen Weg gegeben hat.

1 . Sehen:

Der Niedergang der Volkskirche

Seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts beobachtet die religionssoziologische Forschung eine langsam aber stetig fortschreitende Abnahme von Kirchenbindung und Glaubenspraxis; nicht nur, aber eben auch in den Reihen der katholischen Kirche. Während 1952 in Deutschland noch etwa die Hälfte der Katholiken (51%) regelmäßig einen Gottesdienst besuchten, waren es 1975 offenbar nur mehr knapp ein Drittel (32%), 2012 ein knappes Viertel (23%) und 2017 ein knappes Zehntel (9,8%). Unter den 16- bis 29-Jährigen sind es derzeit um die 3%. Die Zahl der jährlichen Kirchenaustritte lag im Jahr 2018 bei etwas über 216 000, wobei eine Trendwende derzeit nicht in Sicht ist. Bis 2060 soll sich die Zahl der Katholiken in Deutschland halbieren.

In Verbindung mit der rückläufigen Zahl der Priesterweihen (1962 waren es noch 557; 1975 waren es 191; 2016 nur noch 77) machen die genannten Entwicklungen deutlich, dass an einem großangelegten Rückbau kirchlicher Institutionen auf lange Sicht kein Weg vorbeiführt. Bereits jetzt werden Pfarreien zusammen­ge­legt, Stellen eingespart, Klöster geschlossen, Bistumszeitungen eingestellt etc. Nichtsdestotrotz wird die katholische Kirche, solange die Kirchensteuerquellen weiter sprudeln, hierzulande ein großer Arbeitgeber bleiben.

Die skizzierten Entwicklungen dokumentieren, dass die Kirche in unseren Breiten massiv an Bedeutung verloren hat. Das betrifft ihre gesellschaftliche Relevanz und politische Mitgestaltungskraft, aber zeugt auch von einer immer seltener gelingenden Glaubensweitergabe. Eine unheilvolle Abwärtsspirale!

Die bisher angestrengten Gegensteuerungsversuche konnten dieser Entwicklung nicht allzu viel entgegensetzen. Das hinterlässt nicht wenige kirchliche Akteure mit einem Gefühl der Ratlosigkeit, Verunsicherung und Ohnmacht. Darüber hinaus machen sich Enttäuschung und Frustration breit, nicht zu reden von nicht enden wollenden Deutungskonflikten und Richtungskämpfen, welche die noch vorhandenen Kräfte binden und lähmen.

2 . Urteilen:

Die verkannte Kränkung

Nach dieser kurzen Schilderung der abnehmenden Kirchenbindung und Glaubenspraxis soll nun nach ihrem Einfluss auf die eingangs geschilderte Krisenstimmung gefragt werden. Die Krisenstimmung hat sich angesichts der 2018 veröffentlichten, von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie augenscheinlich verschärft – manche würden sagen, das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Gleichwohl prägt die Krisenstimmung das Diskussionsklima der Kirche und Theologie unserer Breiten bereits seit Jahrzehnten. Der Einfluss der Kirchenentwicklung auf die gegenwärtige Krisenstimmung ist möglicherweise erheblich größer, als in nicht wenigen Kirchenkreisen bislang wahrgenommen. Diese Annahme möchte ich in diesem Abschnitt anhand folgender These erläutern und entfalten:

Der fortschreitende Niedergang der katholischen Kirche geht mit einem unaufhaltsamen Verlust an gesellschaftlicher Anerkennung und Bedeutung einher. Dieser Ansehensver­lust wird von nicht wenigen Zeitgenossen, die sich mit der Kirche identifizieren und für sie engagieren, als Schmerz und bisweilen auch als Verletzung und Kränkung erlebt. Diese Kränkung, die vielfach nicht bewusst und vor allem nicht verarbeitet ist, lässt sich als Verunsicherung im kirchlich-kollektiven Selbstwert charakterisieren, die für gewöhnlich Gefühle der Ohnmacht, Enttäuschung, ja zuweilen des Ressentiments hervorruft. Die angestaute Enttäuschung und Verärgerung verlangt psychodynamisch gesehen, Ursachen und Verursacher zu benennen. Die mit dieser allzu menschlichen Dynamik verbundene Dramatik besteht nun darin, nach Schuldigen zu verlangen, denen die Misere angelastet und die Schuld aufgelastet werden kann.

Im Zuge der beschriebenen Dynamik kommt es zu innerkirchlichen Lagerbildungen. Sie sind genau besehen vielfältig und vielschichtig, werden vereinfachend aber gerne als eine Art Kontinuum abgebildet, das von traditionalistisch über mehr oder weniger konservativ zu moderat und von dort zu mehr oder weniger liberal reicht. Innerhalb dieser Lager werden bisweilen diametral entgegengesetzte Deutungen der Krise und ihrer Ursachen entwickelt und verbreitet:

Das Narrativ traditionsorientierter Kirchenkreise macht für den kirchlichen Niedergang vor allem die nachkonziliare Anbiederung an den Zeitgeist und die damit verbundene Abkehr von der überlieferten Doktrin und Disziplin verantwortlich. Im Kreuzfeuer der Kritik steht dabei nicht selten eine vermeintlich völlig entgleiste Liturgiereform, deren faule Früchte offensichtlich seien (z. B. Verlust der Theozentrik, des Opfercharakters, des Gespürs für das Heilige etc.).

Das Narrativ progressiver Kirchenkreise macht für den Niedergang dagegen nicht zuletzt die jahrzehntelange Reformverweigerung seitens konservativer Bischöfe und Päpste verantwortlich. Aus ihrer Sicht haben sie eine konsequente Umsetzung der Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils für eine „Verheutigung“ der katholischen Kirche mehr oder minder erfolgreich ausgebremst.

Das traditionsorientierte Deutungsangebot bezieht seine Plausibilität unter anderem aus dem Eindruck, dass die Kirchen vor den Reformen der letzten Jahrzehnte voll waren. Zudem erfuhr und erfährt es in mehr oder minder gemäßigten Spielarten einen gewissen Rückhalt in Teilen der Hierarchie.

Demgegenüber liegt das reformorientierte Deutungsangebot im Strom soziokultureller Entwicklungen und kann auf medialen Rückenwind hoffen. Es bezieht seine Plausibilität aus dem Eindruck, dass das hoffnungslos aus der Mode gekommene Kleid der Mutter Kirche auf die moderne Gesellschaft alles andere als anziehend, ja abschreckend wirkt. So sei etwa die katholische Sexualmoral mit den heutigen Lebensrealitäten nicht mehr zusammenzubringen, der priesterliche Zölibat erscheine in vielen Fällen überfordernd bis gefährlich, die hierarchisch-zentralistische Verfassung sei anachronistisch, anti-demokratisch und missbrauchsanfällig, die Amtstheologie erweise sich als diskriminierend und anti-ökumenisch usf.

Die Anfänge der innerkirchlichen Lagerbildungen reichen weit zurück. Darüber hinaus spielten freilich auch geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen wie die des nachkonziliaren Neuaufbruchs sowie der kirchlichen Verinnerlich­ung ökonomischer und politischer Denkformen eine einflussreiche Rolle. Drei dieser Faktoren seien kurz umrissen:

Kinder des kirchlichen Aufbruchs: Es scheint, dass nicht wenige Katholiken, die von der gesellschaftlichen Hochschätzung der Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg und der kirchlichen Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt wurden, sich schwerlich damit abfinden können oder wollen, dass „ihre Kirche“ nach dem großen Zugehen auf die moderne Gesellschaft mit einem Mal wieder verstärkt in Distanz zu ihr gerät.

Kinder der Selbst- und Mitbestimmung: Unter dem Einfluss der medialen und politischen Öffentlichkeit kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer wachsenden Verinnerlichung und Vorordnung einiger Prinzipien, die vor allem für moderne westliche Gesellschaften und ihre öffentlichen Diskurse eine zentrale Rolle spielen. In diesem Sinn werden etwa die Prinzipien der Gleichberechtigung, der Autonomie und Partizipation mit großer Selbstverständ­lichkeit auch auf die katholische Kirche übertragen.

Kinder des freien Marktes: Die Kirche nach dem Vorbild eines wirtschaftlichen Unternehmens zu denken, stellt eine vergleichsweise junge, aber vermutlich einflussreiche Entwicklung dar. In diesem Sinn wird die Kirche häufig nach dem Modell eines Dienstleistungsunterneh­mens aufgefasst. Ein mir bekannter Priester meinte einmal: Wenn sich ein Produkt wie Coca Cola, das eigentlich niemand braucht, erfolgreich vermarkten lässt, dann auch die Botschaft Jesu; es scheitere jedoch alles „an den alten Deppen in Rom“.

Die genannten Faktoren sind oft die Grundlage für den Eindruck eines Reformstaus. Dabei weist der Blick der Reformbefürworter nicht selten auch blinde Flecken auf: Nicht selten wird zu wenig berücksichtigt, dass wir Zeugen eines tiefgreifenden, ja epochalen Kulturwandels sind, der auch politischen Parteien, örtlichen Vereinen und anderen traditionsreichen Gruppierungen nicht minder zu schaffen macht. Vor allem aber wird die Verheißung, dass die Umsetzung der üblichen Reformforderungen auch nur ein bisschen Frühling in die Kirche bringen könnten, bislang durch keinerlei Anzeichen gestützt. Im Gegenteil:

Die protestantischen Kirchengemeinschaften haben die meisten der im Raum stehen-den Reformforderungen bereits seit Jahren oder Jahrzehnten umgesetzt und können dem kirchlichen Massenexodus dennoch nichts entgegensetzen. Entsprechend sind die Austrittszahlen der evangelischen Kirchengemeinschaften in Deutschland sind keineswegs niedriger als die der katholischen Kirche und auch Kirchenbindung und Glaubenssubstanz erodieren den Statistiken zufolge nicht langsamer. Die Gesamtheit der EKD-Mitgliedskirchen hat in der Zeit von 1950 bis 2019 etwa die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Sie ging von 42 Millionen auf 21 Millionen zurück. Die Zahl der Katholiken blieb im selben Zeitraum dagegen gleich, wobei es von 1950 mit 23 Millionen bis 1990 einen Anstieg auf 28 Millionen gab und seitdem einen Rückgang auf 23 Millionen.

Gewiss wäre es zu kühn, die geringeren Mitgliederverluste primär der Reformresistenz der katholischen Kirche zuzuschreiben; andere Faktoren wie etwa die Migration mag hier eine wesentliche Rolle spielen. Nichtsdestotrotz machen die Zahlen deutlich, dass die öffentliche Wahrnehmung ein verzerrtes Bild von der Realität der katholischen Kirche zeichnet.

Die Diagnose dieses Abschnitts war, dass es in Teilen der Kirche wie eine mehr oder minder unverstandene Kränkung des kollektiven Selbstwerts und ein daraus resultierendes Verlangen gibt, Ursachen und Verursacher namhaft zu machen. Trifft die obige Analyse für Teile der Kirche und Theologie zu, gibt sie einigen Anlass zur Selbstreflexion.

3 . Handeln:

Gemeinsamer Weg der Heilung?

In diesem Sinn wäre etwa zu fragen: Sind wir bereit, die eigene Ratlosigkeit angesichts der fortschreitenden Erosion des Glaubens anerkennen? Lassen wir den Schmerz und die Trauer über den erlittenen Bedeutungsverlust zu, und haben wir Strategien entwickelt sie verarbeiten? Oder übertönen wir Trauer und Schmerz unentwegt durch Reformvorschläge der einen oder anderen Richtung? Auch wäre die Frage zu stellen, ob die vehemente Kritik an den Reformverweigerern der einen oder der anderen Richtung nicht oft genug ein gerütteltes Maß an

(a) Machbarkeitsdenken,

(b) Ressentiment und

(c) Selbstrechtfertigung verbirgt?

Ad (a) Wer die Kirche nach dem Modell eines wirtschaftlichen Unternehmens oder einer politischen Partei begreift, lässt sich auf ein riskantes Unternehmen ein. Die Logik des Reiches Gottes ist eben nun einmal eine andere als die Logik dieser Welt. Papst Franziskus warnt in seinem „Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ vom 20. Juni 2019 eindringlich vor einer Logik „technokrati­schen Denkens“; sie sei „eine der ersten und größten Versuchungen im kirchlichen Bereich“ (Nr. 5). Stattdessen ermuntert Franziskus dazu, das auch in Kirchenkreisen anzutreffende Machbarkeitsdenken, das ganz auf Struktur- und Organisationsreformen setzt, kritisch zu hinterfragen. Bekehrungen können letztlich nicht gemacht, sondern nur erbetet werden.

Ad (b) Echte Bekehrung und einen Ausweg aus der Krise kann es aus darüber hinaus nur geben, wenn sich die katholische Kirche in Deutschland keine Illusionen mehr über ihren desolaten Zustand macht. Anstatt anderen die Schuld zuzuschieben oder die Dinge schönzureden, gilt es, bei aller gebotenen Differenzierung schonungslos anzuerkennen, dass wir in einer über weite Strecken gottlosen Gesellschaft leben, deren Geist auch Teile der Kirche erfasst hat. Es gilt anzuerkennen, dass die „Kultur des Todes“ (Johannes Paul II.) sich weiterhin ausbreitet, bis hinein in eine Gesetzgebung, in der die Achtung vor der Heiligkeit des Lebens der menschlichen Selbstbestimmung weichen muss. In dieser Situation sollte es aus meiner Sicht klar sein, dass die Kirche – und zwar das gesamte Gottesvolk – gerufen ist, gegenüber einer solchen Kultur des Todes und Diktatur des Relativismus aktiv Widerstand zu leisten. Dieser unerschrockene Dienst an der Wahrheit und Gerechtigkeit wird nun zwar nicht dazu führen, angepasste Menschen ihr nachlaufen oder treu zu ihr stehen, aber er wird dazu führen, dass die Menschen, die ein waches Wahrheitsgewissen haben, sich ihr wieder vermehrt zuwenden (Joh 3,21).

Ad (c) Wir neigen als Menschen zur Selbstrechtfertigung, die wiederum ein Ausdruck einer tief im Menschen eingewurzelten Neigung zur Selbstgerechtigkeit ist. Wer andere für die Misere der Glaubenskrise verantwortlich macht, der rechtfertigt sich dadurch indirekt selbst. Und dabei spielt es keine Rolle, ob die Anklage sich gegen Reformen verweigernde oder aber gegen Reformen vorantreibende Bischöfe, Kardinäle oder Päpste richtet. Die Logik der selbstgerechten Schuldverschiebung und des Sündenbockmechanismus lautet stets: Die anderen haben es verbockt! Hätte man uns machen lassen, wäre uns das alles oder zumindest sehr vieles erspart geblieben! Der in allen Teilen der Kirche gegenwärtigen Versuchung zur Selbstrechtfertigung und zur Schuldverschiebung setzt Papst Franziskus mit Nachdruck die geistlichen Heilmittel „des Gebetes, der Buße und der Anbetung“ entgegen: „Ohne diese Perspektive laufen wir Gefahr, von uns selbst oder vom Wunsch nach Selbstrechtfertigung und Selbsterhaltung auszugehen, was zu Veränderungen und Regelungen führt, die auf halbem Weg stecken bleiben.“ (Nr. 12)

Einen Ausweg aus der Krise und eine Reform der Kirche gibt es aus der Sicht des Papstes nicht ohne echte Bekehrung. Mutter Teresa von Kalkutta wurde einmal von einem Reporter gefragt: „Was muss geschehen, damit die sich Kirche sich ändert?“ Darauf Mutter Teresa: „Wir müssen uns ändern. Sie und ich!“ Freilich kann echte Bekehrung weder von oben verordnet noch von unten gemacht werden. Es handelt sich vielmehr um eine unverdiente Gabe, die das Geheimnis des menschlichen Herzens respektiert. Aus der Sicht von Papst Franziskus bedarf es in der gegenwärtigen vor allem einer „pastoralen Bekehrung“ sowie einer Rückgewinnung des „Primats der Evangelisierung“:

„Ein wahrer Wandlungsprozess […] verlangt eine pastorale Bekehrung. […] [Sie] ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leitkriterium schlechthin sein muss, unter dem wir alle Schritte erkennen können, die wir als kirchliche Gemeinschaft gerufen sind in Gang zu setzen; Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche.“ „Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein.“ (Nr. 6-7)

Die Freude am Evangelium ist aber letztlich nur dann echt und tief, wenn sie die Furcht vor der Welt und vor dem Entzug ihrer Anerkennung mehr und mehr vertreibt. Echte Bekehrung und einen Ausweg aus der Krise gibt es deshalb nur, wenn wir wieder lernen, uns der gesunden Lehre, wie wir sie in den Evangelien und in der Überlieferung finden, nicht zu schämen. Das bedeutet, jedem Bitten und Betteln um den Beifall der säkularen Gesellschaft und medialen Öffentlichkeit entschieden entgegenzutreten. Der Apostel Paulus schreibt den Christen aller Zeiten ins Stammbuch: „Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi“ (Gal 1,10).

Die nachkonziliare Theologie bemühte sich um eine Verständigung zwischen Kirche und Welt. Dieses Ansinnen führte häufig leider auch dazu, dass Theologen nicht mehr die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums, sondern vielmehr das Evangelium im Licht des Zeitgeistes deuteten. Es führte und führt mitunter dazu, den garstigen Graben zwischen dem Anspruch des Evangeliums und der modernen Lebenswelt zu verleugnen; mintunter auf eine durchschaubare und doch nicht von allen durchschaute Weise, wenn etwa faktische Lebenswirklichkeiten zu theologisch normativen Größen erklärt werden.

In anderen Ländern beneidet man die Kirche Deutschlands mitunter für ihre vielen hauptamtlichen Mitarbeiter in Seelsorge und Theologie. Zugleich birgt diese behagliche Situation die geistliche Gefahr, sich von der eindrucksvollen Fassade eines wohlorganisierten Apparats blenden zu lassen und die eigene Verschlafenheit und Glaubensarmut zu verkennen. Und es besteht die systemische Gefahr, mehr und mehr „bezahlte Knechte“ in den Schafstall Christi zu holen (Joh 10,12f). Gerät die gesunde Lehre in Konflikt mit dem gesellschaftlichen Mainstream, schämen diese Knechte sich ihrer und mutieren unversehens zu kirchensteuerfinanzierten Propheten wider die Kirche (2 Tim 4,3).

Der synodale Weg wird nur dann ein Weg der geistlichen Erneuerung werden, wenn die verkannten Kränkungen erkannt, die verfehlten Diagnosen durchschaut und die verfehlten Therapien nicht verzweifelt festgehalten werden. Allerdings stehen die Aussichten, dass es in der katholischen Kirche in Deutschland zeitnah zu einem echten Umdenken kommt, nach meiner Einschätzung nicht allzu gut.

 

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