Der Auftrag der Intellektuellen in Gesellschaft und Kirche

Lesedauer etwa 27 Minuten

Zum Thema: Was ist eigentlich ein Intellektueller? An Antworten auf diese Frage fehlt es nicht – weder im deskriptiven noch im normativen Sinn. Der erste Teil des Beitrags stellt unterschiedliche Antworten prominenter Intellektuelle des 20. Jahrhunderts auf die Frage, was ein Intellektueller ist oder sein soll, vor. Der zweite Teil des Beitrags versucht, das spezifische Profil des katholischen Intellektuellen zu skizzieren.

Dieser Beitrag schien ursprünglich in: ETHICA 21 (2011) 4, S. 327-344

Der Auftrag der Intellektuellen in Gesellschaft und Kirche

 

Bildung ist ein hohes Gut. Dieses Gut zeichnet sich gegenüber materiellen Gütern dadurch aus, nicht weniger, sondern mehr zu werden, wenn man es mit anderen teilt. Bildung ist zudem etwas anderes als Wissen. Bloßes Wissen lässt sich problemlos von Fragen des Menschlichen trennen. Bildung nicht. Bildung impliziert die Fähigkeit, erworbenes Wissen in eine organische Gesamtschau einzuordnen, im Hinblick auf das Handeln zu bewerten und es für das Gemeinwohl fruchtbar zu machen. Bildung ist ein hervorstechendes Merkmal der sogenannten Intellektuellen.

Nun könnte man fragen: Was ist eigentlich ein Intellektueller? An Antworten auf diese Frage fehlt es nicht – weder im deskriptiven noch im normativen Sinn.

Im ersten Teil dieser kurzen Vergewisserung sollen einige prominente Intellektuelle des 20. Jahrhunderts selbst zur Sprache kommen. Wie wir sehen werden, gehen ihre Antworten auf die Frage, was ein Intellektueller ist oder sein soll, auseinander. Der Bogen der Konzeptionen spannt sich vom Kritiker und Propheten bis hin zum Anwalt des Bestehenden. Nichts desto trotz lassen sich summarisch einige Grundzüge des Intellektuellen herausschälen, die immer wieder hervorgehoben wurden und werden.

Der zweite Teil des Beitrags geht widmet sich dem katholischen Intellektuellen. Es wird gefragt, worin seine besondere Identität besteht und welche Bedeutung er für Kirche und Gesellschaft besitzt.

1. Eine begriffsgeschichtliche Notiz

Der „Intellektuelle“ stellt – zumindest dem Begriff nach – eine relative junge Erfindung dar. Die Bezeichnung etablierte sich im Zusammenhang mit der sogenannten Dreyfus-Affäre, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der größten innenpolitischen Krisen in der Geschichte Frankreichs ausweitete. Anlass war der Prozess gegen einen französischen Hauptmann namens Alfred Dreyfus, der 1894 wegen Landesverrats und Spionage angeklagt worden war. Seine jüdische Abstammung ließ innerhalb der Armee und weit darüber hinaus antisemitische Stimmen laut werden. Und obwohl sich die Beweise, die zur Verurteilung von Dreyfus führten, als falsch erwiesen, wurde das Urteil nicht revidiert: Dreyfus war nach einem schnellen Prozess degradiert und zu lebenslänglicher Deportation auf die Teufelsinsel von Französisch-Guyana verurteilt worden. Das Vorgehen der Justiz rief eine Welle des öffentlichen Protests hervor. Höhepunkt war ein im Jahr 1898 veröffentlichtes „Manifest des Intellectuels“, das sich an den Präsidenten der Republik richtete. Unter Berufung auf die Ideale der französischen Revolution wurde darin eine Revision des Prozesses gegen Dreyfus gefordert. In diesem Protestschreiben wandte sich zum ersten Mal eine Gruppe namhafter „Intellektueller“ – allen voran Emile Zola und Anatol France – an die politische Öffentlichkeit. Dieses Ereignis darf als Geburtsstunde der „Intellektuellen“ gelten.[1]

2. Die Intellektuellen als Klerus (J. Benda)

Der Traktat „Der Verrat der Intellektuellen (1927)“ des französischen Schriftstellers und Philosophen Julien Bendas (1867-1956) ist eher eine Streitschrift als eine systematische Analyse der intellektuellen Existenz.[2] Das verdeutlicht nicht zuletzt die religiös konnotierte Nomenklatur, der sich Benda bei seiner Darstellung der Intellektuellen und ihres Amtes bedient. Die Intellektuellen bilden für ihn einen Klerus. Sie repräsentieren das Gewissen der Menschheit, indem sie überzeitliche Maß­stäbe wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit hochhalten. Als Klerus stehen die Intellektuellen den Laien gegen­über –, jenen Menschen, die allzu sehr an ihrem materiellen Vorteil, ihrem persönlichen Erfolg und ihrer Beziehung zu den Einflussreichen und Mächtigen interessiert sind. Im Unterschied zu den Laien ist der intellektuelle Klerus weniger auf praktische Ziele, denn auf immaterielle Güter ausgerichtet. Zu ihm gehören Philosophen, Kirchenleute, Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler. Diese geistige Elite lebt in einer Art universalem Raum, der keine Beschränkungen durch nationale Grenzen oder ethnische Identitäten kennt.

Die Ausrichtung auf zeitlos gültige Prinzipien besagt Benda zufolge keineswegs, dass die Intellektuellen die großen gesellschaftspolitischen Fragen und Probleme ihrer Zeit anderen überlassen könnten oder wollten. Es gehört zu ihrer Sendung, „angefeuert von metaphysischer Leidenschaft und den uneigennützigen Prinzipien der Wahrheit und der Gerechtigkeit Korruption an[zu]prangern“. Intellektuelle, die diesen Namen verdienen, müssen „sich für die Schwachen einsetzen und unzulänglicher oder repressiver Autorität die Gefolgschaft verweigern.“[3] Der wahrhaft Intellektuelle ist deshalb ein äußerst mutiges und wortgewandtes Individuum, „dem es gegeben ist, der Macht die Wahrheit entgegenzuhalten“.[4]

Benda zeichnet ein Bild des Intellektuellen als einer prophetisch-symbolischen Existenz. Seine unbeugsame Persönlichkeit, seine Distanz zu den praktischen Belangen und sein „bestechendes Wissen über die Prinzipien der Ewigkeit“ ermöglicht dem Intellektuellen eine ständige Opposition zum Status quo. Über eine Frage schweigt sich Benda allerdings aus. Er erklärt nicht, wie der Klerus der Intellektuellen in den Besitz seines Wissens aus dem Reich der ewigen Ideen gekommen ist.[5]

3 . Die Intellektuellen als neue Klasse (A. Gramsci)

Eine andere berühmt gewordene Beschreibung des Intellektuellen stammt von Antonio Gramsci (1891-1937). Gramsci zählt zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei Italiens und war bis zu seiner Verhaftung durch die Faschisten im Jahr 1924 Abgeordneter im italienischen Parlament. Darüber hinaus betätigte er sich als Journalist und politischer Philosoph. Während seiner Zeit im Gefängnis verfasste Gramsci zweiunddreißig Hefte, die vorwiegend philosophische, soziologische und politische Überlegungen enthalten. Sie wurden als „Gefängnishefte“ bekannt und bilden ein bedeutendes Werk marxistischen Denkens.[6]

Gramscis Vision des Intellektuellen unterscheidet sich grundlegend von der eben skizzierten. Er unterscheidet zwei Typen von Intellektuellen: Einmal den traditionellen Intellektuellen, dessen hervorstechende Merkmale Ortsgebundenheit, Traditionsvermittlung und Stabilität über Generationen hinweg sind. Man findet ihn in den Berufen wie dem des Lehrers, des Priesters und des Beamten. Zum anderem den „organischen Intellektuellen“, dem Gramscis Aufmerksamkeit gilt. Diesen modernen Typus des Intellektuellen kennzeichnet nicht so sehr seine politische und ökonomische Unabhängigkeit. Es handelt sich vielmehr um „Funktionäre des Überbaus“, die sich in „mehr oder minder enger Verbindung mit einer gesellschaftlichen Hauptklasse“ organisieren.[7]

Der moderne Intellektuelle ist dabei zugleich der spezialisierte Experte, der alles daransetzt, aktiv auf die Gesellschaft einzuwirken. Und genau diese neuen Intellektuellen bilden nach Gramsci eine neue Klasse im sozialen Gefüge. Sie üben jene grundlegenden Funktionen aus, die aus einer modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind und ohne die sie nicht funktionieren kann. Die Intellektuellen von heute finden sich in zahlreichen neuen Berufssparten. Zu ihnen gehören Radio- und Fernsehleute, akademische Berufe, Computer-Spezialisten, Unternehmensberater, Medienanwälte, Marktanalytiker, Regierungs- und Politikberater und vor allem Journalisten. Im Sinne Gramscis könnten alle, die mit der Herstellung, Verarbeitung und Verbreitung von gesellschaftspolitisch relevantem Wissen zu tun haben, als Intellektuelle bezeichnet werden.

Freilich: Das Portrait des Intellektuellen, das Gramsci entwirft, läuft Gefahr, den Intellektuellen zu einem gesichtslosen Experten oder Spezialisten zu degradieren. Ist der organische Intellektuelle, der sich der Klasse, der Partei oder auch nur dem jeweiligen gesellschaftlichen Trend verpflichtet weiß, dadurch nicht auch dem Spiel der Machtinteressen ausgeliefert?

4 . Der Intellektuelle als Repräsentation der Marginalisierten (E. Said)

Für einen Mittelweg zwischen den extremen Standpunkten Bendas und Gramscis plädiert der berühmte amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said (1935-2003). Weil er sich wiederholt für die Rechte der Palästinenser in Israel und den besetzten Gebieten einsetzte, galt Said als Sprachrohr der Palästinenser in den Vereinigten Staaten.

Für Said kennzeichnet es den Intellektuellen, „eine Botschaft, eine Sicht eine Haltung, Philosophie oder Meinung in der Öffentlichkeit und für die Öffentlichkeit zu repräsentieren, zu verkörpern und zu artikulieren.“[8] Der ganze Daseinszweck des Intellektuellen bestehe darin, auf der Grundlage universeller Prinzipien wie Freiheit und Gerechtigkeit, all jenen Menschen eine Stimme zu geben, deren Rechte mit Füßen getreten werden und deren Freiheit von den Mächtigen missachtet wird.

Der Intellektuelle existiert nach Said im Schnittpunkt zwischen öffentlicher und privater Sphäre: Er geht nicht darin auf, ein Symbol für eine allgemeine Idee oder Sache zu sein; denn das, was er öffentlich vorträgt und repräsentiert, ist sein persönlicher Standpunkt, seine private Sensibilität, sein eigener Erfahrungshintergrund, seine individuelle Stimme und Präsenz.[9]

Eine zentrale These Saids lautet: Es ist die „Kunst des Repräsentierens“, die den Intellektuellen auszeichnet und ausmacht.[10] Um dieser Kunst gerecht zu werden, bedarf es der Sprachmächtigkeit ebenso wie des Wissens um den passenden Augenblick für sprachliche Interventionen. Beide Momente sind nach Said von zentraler Bedeutung für das intellektuelle Handeln.

Intellektuelle besitzen in der Sicht Saids eine Berufung; eine Berufung, die sie erfüllen, aber auch verraten können. Da sich Massenkunst und Massendenken zunehmend an den Bedürfnissen der Politik und der Ökonomie orientieren – wenn sie von diesen nicht gar gelenkt werden –, muss sich die An­strengung des Intellektuellen heute auf die politische Öffentlichkeit konzentrieren. Dieser politischen Sendung kann der Intellektuelle nur gerecht werden, wenn er der Wahrheit unbedingt verpflichtet ist. Mit anderen Worten: Er kann seiner Sendung nur entsprechen, wenn er ebenso engagiert wie beharrlich dem rationalen Denken und der moralischen Urteilsfindung dient.

Der Intellektuelle ist für Said weder ein romantischer Idealist noch ein aktivistischer Friedensstifter. Er ist jemand, „dessen ganzes Wesen auf einer kritischen Geisteshaltung beruht, einer Geisteshaltung, die nicht gewillt ist, gängige Formeln oder Klischees, geschweige denn die glatten, stets so entgegenkommenden Formulierungen und Gesten der Mächtigen und Erfolgreichen zu akzeptieren.“[11] Zu den zentralen Aufgaben des Intellektuellen gehört es deshalb, entlarvende Alternativen zum Status quo aufzuzeigen. Seine Berufung stellt ein mühevolles Ringen der Vernunft dar. Dieses Ringen ist nicht nur niemals abschließbar. Es bleibt immer auch vorläufig und unvollkommen.[12]

Said zeichnet das Bild eines Intellektuellen, das sich sowohl vom Typus des unkritischen und deshalb leicht zu vereinnahmenden Funktionärs ebenso als auch von dem des romantisch-heldenhaften Idealisten, dessen Kassandrarufe ungehört bleiben, abhebt. Zur Berufung des Intellektuellen gehöre es vielmehr, zwischen den Fronten – d.h. zwischen Einsamkeit und Anpassung – zu existieren.

Insbesondere die Auswirkungen des modernen Professionalismus stellen für Said eine besonders große Bedrohung für das Amt des Intellektuellen dar. Ein Beispiel dafür wäre der gut bezahlte, aber ängstlich angepasste und jargonbesessene Universitätsprofessor, der keinerlei Interesse für die Welt außerhalb des Hörsaals aufbringt und dem niemand in der Gesellschaft besondere Aufmerksamkeit schenkt.[13]

Der Professionalismus äußert sich in verschiedenen Zwängen. Zunächst übt Said Kritik am zunehmenden Spezialistentum. Dieses gehe nicht selten mit einer ängstlichen Konzentration auf die eigene Karriere einher und führe mitunter zu eigenartigem Desinteresse gegenüber Fragen und Problemen, die die eigenen Forschungsinteressen überschreiten. Sodann erachtet Said die Zwänge der Political Correctness als verheerend für jedes echt kritische Denken.[14] Diese Zwänge führen dazu, dass Argumente, die außerhalb des akzeptierten Diskussionsrahmens liegen, konsequent ignoriert werden – wenn sie nicht sogar mit gesellschaftlicher Ächtung quittiert werden. Ein weiterer Zwang des Professionalismus besteht nach Said in einer unvermeidlichen Annäherung an Macht und Autorität.[15] Die Prioritäten der universitären Forschung werden von staatlichen und wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Dies hat zur Folge, dass Fragen der Moral und der Gerechtigkeit immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden; im Rahmen einer uneingeschränkten Herrschaft des Marktes bestimmen letztlich Großkapitalisten über die Verteilung der Forschungsgelder. Damit steht aber die denkerische Unabhängigkeit auf dem Spiel – und mit ihm das Amt der Intellektuellen.

In Anbetracht dieser besorgniserregenden Entwicklungen optiert Said entschieden für einen intellektuellen Amateurismus. Er versteht darunter das Selbstverständnis eines Intellektuellen, der sich als denkendes Mitglied der Gesellschaft nicht das Recht nehmen lässt, auch bei einer ausschließlich technischen und hochprofessionalisierten Tätigkeit moralische Anliegen zu thematisieren. Und dies selbst dann, wenn er damit rechnen muss, der Macht und Autorität als „unbelohntes, amateurhaftes Gewissen“ entgegenzustehen.[16]

6 . Intellektuelle Arbeiter und Intellektuelle (P. Baran)

Paul A. Baran (*1926) arbeitete als marxistischer Ökonom und Hochschullehrer an der Stanford University. In einem berühmt gewordenen Essay mit dem Titel „The Commitment of the Intellectual“ (1966) unterscheidet er zwischen den „intellectual workers“ auf der einen und den „intellectuals“ auf der anderen Seite.[17]

Der intellectual worker hebe sich nicht prinzipiell vom manual worker ab. Ebenso wie dieser frage der intellectual worker nicht nach dem Sinn oder der Bedeutung, die seine Tätigkeit für die Totalität des gesellschaftlichen Prozesses besitzt. Der intellectual worker begreife sich als treuer Diener, als gewissenhafter Funktionär oder als Sprecher eines Systems, dessen Ordnung er nicht hinterfragt, sondern als gegeben hinnimmt. Er neige zur „Grundhaltung eines ‚ethischen Neutralismus‘, in dem der Zusammenhang von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Methoden und bestimmten gesellschaftlichen Werten geleugnet wird“[18].

Während einer Technokratie „intellectual workers“ genügen, bedarf die Demokratie darüber hinaus der „intellectuals“. Sie halten kritische Distanz zu den Apparaten der Macht und nehmen die geistige Anstrengung auf sich, die verschiedenen Sphären des Wissens und der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu einer Einheit zu verbinden. Dies gelingt ihnen, indem sie ihre jeweilige fachspezifische Kompetenz einbringen und diese mit der Gesellschaft, ihren Problemen und ihrer Entwicklung als Ganzer zu verknüpfen suchen. Intellectuals besitzen eine moralische Funktion in der Gesellschaft: Sie bestehen auf dem Zusammenhang zwischen Wissen(schaft) und Moral, indem sie eine Verantwortung einfordern, die über die bloße Veröffentlichung gefundener Wahrheiten hinausgeht. Ihre Fähigkeit zur Gesamtsicht sowie ihre unbedingte Verpflichtung gegen­über der Wahrheit – im Sinn einer rückhaltlosen Bereitschaft zur rationalen Analyse der realen gesellschaftlichen Verhältnisse und Möglichkeiten –, ermöglicht es Intellektuellen, eine in die Zukunft weisende sozialkritische Stimme zu sein. Die Intellektuellen erweisen sich – ähnlich wie bei Benda und Said – als das Gewissen der Gesellschaft.[19]

7 . Die Intellektuellen und die kritische Öffentlichkeit (C. W. Mills, P. Bourdieu)

Auch der amerikanische Soziologe C. Wright Mills (1916-1962) verortet den politischen Auftrag der Intellektuellen in ihrer gesellschaftskritischen Funktion. Vorrangige Aufgabe der Intellektuellen sei es, jene gesellschaftlichen Lügen zu demaskieren, die unverantwortliche Machtverhältnisse aufrechterhalten. Dazu bedarf der Intellektuelle, wie Baran betont, nicht nur der Autonomie gegenüber der politischen und ökonomischen Macht, sondern ebenso gegenüber dem akademischen Establishment.

Mills hat das Verdienst, die Bedeutung der kritischen Öffentlichkeit für den Intellektuellen herausgearbeitet zu haben. Er unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen „public“ und „mass“: Zwar lasse sich nicht verhindern, dass die Massenmedien durch die herrschenden politischen Mächte instrumentalisiert werden. Die daraus resultierende Machtlosigkeit und Marginalisierung der politisch unabhängigen Intellektuellen sollte diese aber nicht davor abhalten, das kritisch-emanzipatorische Potenzial der Massenmedien zu erkennen und gezielt zu nützen.[20]

Ähnlich wie Baran und Mills betont auch Pierre Bourdieu (1930-2002), dass es Intellektuelle als Wissenschaftler und Künstler kennzeichnet, ihre je spezifische Kompetenz in einen öffentlich-politischen Diskurs einzubringen. Indem sie dies tun, werden Intellektuelle zu Kulturproduzenten. Um ihrer Rolle als Kulturproduzenten gerecht werden zu können, bedürfen sie jedoch der intellektuellen Unabhängigkeit. Ihre spezifische Autorität ist gegründet „auf ihre Zugehörigkeit zu einer relativ autonomen Welt der Kunst, der Wissenschaft und der Literatur und auf all die mit dieser Autonomie verknüpften Werte: moralische Kraft, Interesselosigkeit, Uneigennützigkeit, Kompetenz usf.“[21]

Der Intellektuelle besitzt nach Bourdieu eine irreduzible Doppelnatur, die sich in der Spannung zwischen intellektueller Autonomie und politischer Aktivität verwirklicht. Da sich Intellektuelle dem einen wie dem anderen verpflichtet wissen, sind sie auf Institutionen angewiesen, die ihnen die Möglichkeit bieten, im Namen ihrer spezifischen Autorität kollektiv in die Politik einzugreifen. Bourdieu plädiert im Zuge dessen für die Errichtung einer intellektuellen Körperschaft (eine „Internationale der Intellektuellen“).[22]

Bourdieu betonte nicht nur die Verantwortung der Intellektuellen, den Ansprüchen und Auffassungen jener ihre Stimme zu verleihen, die sonst kein Gehör finden würden. Er brachte in die Diskussion über die akademischen Intellektuellen und ihr Verhältnis zu Politik und Gesellschaft auch das Moment der kritischen Selbstreflexion ein. Ziel der Selbstreflexion sei die „Aufklärung der Aufklärer“.[23]

8 . Der Intellektuelle: einige summarische Beobachtungen

Die Frage, was ein Intellektueller ist oder sein soll, lässt sich – so dürfte deutlich geworden sein – recht unterschiedlich beantworten. Gleichwohl möchte ich im Folgenden versuchen, einige Grundzüge, die mit der Gestalt des Intellektuellen wiederholt in Verbindung gebracht wurden und werden, herauszuschälen.

Zunächst gilt es festzuhalten: Der Intellektuelle ist jemand, der die Reflexion bevorzugt. Er ist primär Denker, nicht Täter. „Seine Interventionen stützen sich allein auf die ihm zur Verfügung stehende Macht des Geistes und des Wortes. Im darin offensichtlichen Dilemma liegt zugleich jedoch auch seine Stärke begründet.“[24]

Wenn hier wiederholt vom „Typus des Intellektuellen“ die Rede ist, dann darf freilich nicht übersehen werden, dass dieser im Lauf seiner Geschichte vielfältige Wandlungen durchlaufen hat. Es gibt ihn nicht im Singular, sondern nur im Plural. Es lässt sich vermuten, dass er nicht zuletzt deshalb alle periodischen Versuche, ihm ein Grabmal zu errichten, überlebt hat.[25]

In der jüngeren Literatur begegnen vor allem zwei Typen des Intellektuellen: der „universale“ und der „spezifische“ Intellektuelle. Der klassische universale Intellektuelle sticht durch seine umfassende Bildung, seine moralische Urteilskraft und seine Fähigkeit zur Synthese hervor. Seine kritische Funktion kann er nur aufgrund seiner intellektuellen Autonomie, seiner Distanz gegenüber religiöser, politischer, ökonomischer und akademischer Macht ausüben. Im Zuge der gesellschaftlichen Technisierung, Medialisierung und Pluralisierung hat sich allerdings eine neue Klasse von Gebildeten etabliert, die vorrangig mit der Herstellung und Verbreitung von anwendungsorientiertem bzw. verwertbarem Wissen (know-how) betraut ist. Michel Foucault prägte für sie den Ausdruck der „spezifischen Intellektuellen“.

Intellektuelle verstehen sich eher als Grenzgänger denn als Fachgelehrte. Sie versuchen zwischen verschiedenen Lebenswelten und Diskursuniversen Brücken des gegenseitigen Verstehens zu bauen, indem sie ihre spezifische Qualifikation in den freien Diskurs aller Bürger einbringen. Sie setzten dabei auf das Prinzip Mündigkeit. Sie vertreten die Auffassung, dass der Rückzug in das Reservat der Experten und Fachwissenschaftler nicht selten brauchbare Antworten auf drängende gesellschaftliche und kulturelle Probleme vermissen lässt. Mitunter führt dieser Rückzug sogar zu einer Immunisierung gegenüber kritischen Nachfragen.

Das Forum der kritischen Öffentlichkeit ist für Intellektuelle der bevorzugte Ort, um ihre Wirksamkeit zu entfalten. Um sie herum entstehen öffentliche Debatten. Dabei geht es dem echten Intellektuellen nicht darum, im medialen Rampenlicht zu stehen oder immer alles besser zu wissen. Der Intellektuelle kritisiert nicht nur, er will auch kritisiert werden. „Man soll über seine Einlassungen grundsätzlich geteilter Meinung sein können. Diskussionsfreie Zonen hasst er und liebt dafür den Austausch, nicht das Schlusswort. Wichtiger als das Rechthaben ist es für ihn, dass es immer ein Gewinn bleiben soll, mit ihm und über ihn zu streiten.“[26]

Der Intellektuelle steht für den untrennbaren Zusammenhang von Intellektualität und Moralität. Fachlichen Kompetenzen, über die er fraglos verfügt, sind bei ihm mit einer unbeugsamen Leidenschaft für Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit verbunden. Nur so vermag er gegenüber institutionalisierter Macht als kritische Instanz aufzutreten; Gewissen der Gesellschaft und Sprachrohr der Marginalisierten sein.

Intellektuelle spielen eine soziokulturell und gesellschaftspolitisch bedeutsame Rolle. Sie sind Kulturproduzenten und – insofern ihr Denken, Schreiben und Handeln nicht im Niemandsland moralischer Neutralität verbleibt – Kulturkritiker in einer Person. „Intellektuelle sind artikulationsmächtige kulturelle Deuter, deren Wortmeldungen Aufmerksamkeit finden und manchmal sogar dem Zeitgeist ihren Stempel aufzudrücken vermögen. Es sind – mag sein: über Umwege – meinungsführende Eliten, stilprägende Kommunikatoren, auch Schrittmacher bisweilen: kurz, Menschen, die Interpretationen vornehmen und Trends setzen oder diesen den Konsens aufkündigen. Zuweilen gelingt ihnen Seismographisches: hinter einzelnen Ereignissen die verborgene Anatomie der Gegenwart freizulegen.“[27]

Zuletzt ist anzumerken: Darüber, was Intellektuelle sind und was sie sein sollen, scheinen sich im Wesentlichen nur Intellektuelle den Kopf zu zerbrechen. Zum Dasein des Intellektuellen gehört immer auch ein Moment der Selbstreflexion im Hinblick auf seine Rolle und Verantwortung innerhalb des öffentlichen Diskurses.

9 . Vom Intellektuellen zum katholischen Intellektuellen

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es in Europa zu einer beispiellosen Blüte katholischen Denkens. Sie strahle auf fast alle kulturellen Bereiche aus. Ob in Philosophie, Literatur, Bildenden Künsten, Publizistik oder Politik: katholische Persönlichkeiten haben die geistige Landschaft des zwanzigsten Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst.

Die Figur des katholischen Intellektuellen entstand – wohl nicht ganz zufällig – im ebenso katholisch wie laizistisch geprägten Frankreich. Die Frontstellung zwischen katholischer Kirche und säkularer Moderne stellte für gebildete Geister seit jeher eine intellektuelle Herausforderung dar. Mitgeprägt haben die Gestalt des katholischen Intellektuellen so scharfsinnige und unangepasste Geister wie Charles Pégy (†1914), George Bernanos (†1948), Maurice Blondel (†1949), Emmanuel Mounier (†1950), François Mauriac (†1970), Gabriel Marcel (†1973) Jacques Maritain (†1973). Aber auch im deutschsprachigen Raum konnten katholische geprägte Persönlichkeiten einen bemerkenswerten Einfluss entfalten. Hans-Rüdiger Schwab hat in einer jüngeren Publikation eine ansehnliche Reihe deutscher Intellektuellenportraits aus dem 20. Jahrhundert versammelt. Zu den ausgewählten, allesamt Laien, zählen lebende und verstorbene Persönlichkeiten wie Max Scheler (†1928), Peter Wust (†1949), Getrud von le Fort (†1971), Ida Friederike Görres (†1971), Carl Schmitt (†1985), Heinrich Böll (†1985), Walter Dirks (†1991), Josef Pieper (†1997), Robert Spaemann (1927), Ernst-Wolfgang Böckenforde (1930), Hans Maier (1931), Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (1945) und andere mehr.[28]

Im Folgenden geht es mir nicht darum, die historischen Gründe, die zum Aufstieg und Niedergang des Typus des katholischen Intellektuellen beigetragen haben, nachzuzeichnen.[29] Angezielt wird vielmehr eine knappe, durchaus nicht vollständige Vergewisserung bezüglich der Frage, was unter einem katholischen Intellektuellem, seinem unverkürzten Begriff nach, verstanden werden kann oder soll.[30]

Einem bestimmten Typus des Intellektuellen das Adjektiv „katholisch“ zur Seite zu stellen, bedeutet, seine institutionelle und ideologische (Selbst-)Verortung zu kennzeichnen und damit seine differentia specifica zu benennen. Das Junktim von „katholisch“ und „intellektuell“ erzeugt eine Spannung: Das Ideal intellektueller Autonomie scheint sich mit der Bindung an eine hierarchisch organisierte Bekenntnisgemeinschaft nicht in Einklang bringen zu lassen. Es ist jedoch daran zu erinnern, dass der Begriff „katholisch“ ursprünglich keine Konfessionsbezeichnung darstellt, sondern die Gemeinschaft der Kirche in ihrer weltum­spannenden Universalität charakterisiert. „Katholisch“ bezeichnet so gesehen nichts Ab- oder gar Ausschließendes, sondern gerade im Gegenteil etwas, was scheinbare Gegensätze in sich aufzunehmen vermag. Innerhalb des katholischen Spektrums gab und gibt es „legitime Meinungsverschiedenheiten und Richtungsunterschiede, bilden sich differente Strömungen und Herangehensweisen, Bezugspunkte und Identifikationsmöglichkeiten ab.“[31]

Das Katholische kennzeichnet sowohl in historischer und kultureller als auch intellektueller Hinsicht eine erstaunliche Integrationskraft. Seine zentrale Denkfigur ist, wie oft betont wurde, nicht die des „aut – aut“, sondern die des „et – et“; des auf Vermittlung ausgerichteten „sowohl – als auch“. Karl Lehmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „differenzierten Dialektik“, „die Freiheit des Gewissens und die Verbindlichkeit von Normen und Weisungen“ miteinander verbindet.[32]

Der katholische Intellektuelle war immer schon ein Grenzgänger: Die beiden Pole zwischen denen er sich ausspannt, lassen sich als Beheimatung im katholischen Milieu einerseits und intellektuelle Sprengkraft durch die eigene Ratio andererseits charakterisieren. Die Doppelnatur des katholischen Intellektuellen begründet seine Sonderstellung in Gesellschaft und Kirche. Sie befähigt ihn, Binnen- und Außendiskurse gleichermaßen zu führen und erklärt das enorme Echo, das seine Interventionen mitunter finden.[33]

Freilich ist nicht zu übersehen, dass sich für den katholischen Intellektuellen, der sich der Autonomie der Vernunft ebenso verpflichtet weiß wie einem überindividuellen Credo, die Spannung zwischen Standort und Kritik verschärft. Als Störfaktor der herrschenden Ordnung darf er nicht der Versuchung erliegen, sich durch die Apparate der Macht instrumentalisieren zu lassen. Dies schließt im Ernstfall die Bereitschaft mit ein, den Konflikt mit Institutionen, von denen der Intellektuelle in irgendeiner Weise abhängig ist, nicht zu scheuen; mag dies nun die politische Partei, das akademische Establishment, die ideologische Linie eines Medienorgans oder ein anderer gesellschaftlicher Machtfaktor sein. In diesem Zusammenhang sollte auch nicht übersehen werden, dass sich auch zwischen intellektueller Autonomie und kirchlicher Loyalität ein Spannungsverhältnis auftut, das sich nicht auflösen, sondern nur aushalten lässt. Denn auch wenn die Beheimatung in der katholischen Kirche keineswegs eine prinzipielle Einschränkung der intellektuellen Autonomie darstellt, so zeigt die Geschichte doch, dass Gewissenskonflikte mitunter unvermeidbar sind. In seltenen Fällen kann vom Intellektuellen der ur-kirchliche Freimut gefordert sein, der höchsten Autorität „ins Angesicht zu widerstehen“ (vgl. Gal 2,11). Die Geschichte zeigt aber auch, dass es wichtig ist, Geduld miteinander zu haben. Der Intellektuelle neigt von seinem Wesen her zu Rechthaberei und Selbstüberschätzung. Nicht selten hilft gegen diese Versuchung nur ein guter Schuss Selbstironie. Erasmus von Rotterdam, eine der großen Leitfiguren des neuzeitlichen Intellektuellen und Prototyp seiner katholischen Ausprägung, kann diesbezüglich als Beispiel dienen. In seinem „Hyperaspistes“ hielt er 1526 fest: „Von der katholischen Kirche bin ich nie abgefallen. […] Man trägt die Übel leichter, die man gewohnt ist. Darum ertrage ich diese Kirche, bis ich eine bessere sehen werde, und sie ist wohl genötigt auch mich zu ertragen, bis ich selbst ein besserer geworden bin.“[34]

Der Grundauftrag des katholischen Intellektuellen ist nicht zu trennen vom prophetischen Auftrag der Kirche als Ganzer. Dieser Grundauftrag, der darin besteht, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“[35], besitzt wesentlich eine intellektuelle Dimension.[36] Der prophetische Auftrag der Kirche verwirklicht sich zwei dynamisch aufeinander bezogenen Polen: nach innen hin zur Kirche, nach außen hin zur gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wirklichkeit.

Nach innen hin steht der katholische Intellektuelle für die Kontinuität einer Überlieferung, die Transformationsprozesse – letztlich die Wandlungsfähigkeit der Kirche selbst – nicht aus-, sondern einschließt. Tradition und Reformation bedingen sich gegenseitig. Der Schatz der Überlieferung zur leblosen Form erstarrt, kann unversehens auch zum Bann werden. Der Intellektuelle in der Kirche leistet einen wichtigen Beitrag, diesen Schatz der Überlieferung lebendig zu halten, indem er „Altes und Neues aus ihm hervorholt“ (vgl. Mt 13,52). Im Licht neuer Erfahrungen ringt er darum, die bleibende Aktualität und Bedeutsamkeit des christlichen Glaubens zu verdeutlichen und zu vertiefen: Jede Zeit und Kultur hat dem Verständnis des christlichen Glaubens etwas Wesentliches zu sagen, das nur in der unvoreingenommenen Begegnung und gründlichen Auseinandersetzung mit ihr zu Tage treten kann.[37]

Der Bezug nach außen, d.h. zur gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Realität, stellt den Intellektuellen in der Kirche vor die Herausforderung, sich zur Moderne ins Verhältnis zu setzen – zu ihren Errungenschaften, aber auch zu ihren Kehrseiten. Katholische Intellektualität lässt sich so gesehen als „komplexes Differenzierungsprogramm“ auffassen, das sich aufspannt zwischen den Extremen „der Fortschreibung entschiedener Gegnerschaft zur Moderne und einer Selbstsäkularisierung zugunsten von Fortschrittsdenken oder der Ethik einer Zivilreligion“[38].

Katholische Intellektuelle verstehen sich – so könnte man verallgemeinern – als Anwälte einer besonnenen Moderne. Sie anerkennen ihre Vorzüge wissen aber auch um die Dialektik der Modernisierung. Es gehört zu ihren Aufgaben, destruktive Tendenzen, die sich gerne als Systemzwänge tarnen, zu thematisieren. Gegen den „Kult der Geschwindigkeit und rastlosen Innovation“ erheben sie ebenso Einspruch wie gegenüber der „Totalkapitalisierung des Lebens mit ihren Verwerfungen“[39]. Indem katholische Intellektuelle innerweltlichen Utopien und Verheißungen gegenüber skeptisch bleiben und so die Versöhnung mit der Realität verweigern, erweisen sie sich als Stachel im Fleisch einer Gesellschaft, die ihre Erlösungsbedürftigkeit einigermaßen erfolgreich verdrängt hat: „Die Auseinandersetzung mit ihnen bedeutet die Konfrontation mit möglichen Abgründen. Vielleicht sehen sie ja klarer als alle die Rhetoriker des Aufbruchs, von denen wir umzingelt sind, den Fitmachern für die Zukunft – was für einer eigentlich? – und der verordneten organisatorischen Optimierungen. In dieser Hinsicht sind sie nicht ‚konstruktiv‘ oder ‚zielführend‘. Gegen das, woran sie sich wundscheuern, hilft keine Reform.“[40]

Die angestellten Überlegungen verdeutlichen, dass die irreduzible Doppelnatur, die den Intellektuellen als solchen kennzeichnet, sich im Fall des katholischen Intellektuellen noch verschärft. Kirchlich-konfessio-nelle Bindung auf der einen und intellektuelle Autonomie auf der anderen Seite sind die beiden Pole, die unaufgebbar zur spannungsvollen Identität des katholischen Intellektuellen gehören. Darüber hinaus wurde deutlich: Das Amt des Intellektuellen in der Kirche nimmt teil am prophetischen Auftrag der Kirche als ganzer. Prophetische Gestalten mit intellektuellem Format sind freilich selten – damals wie heute. Das Herrenwort ist von bleibender Gültigkeit: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig (intellektuelle) Arbeiter“ (vgl. Mt 9,37).

 

Anmerkungen

  1. Vgl. Duclert Vincent, Die Dreyfus-Affäre. Militärwahn, Republikfeindschaft, Judenhaß, Berlin 1994. Anzumerken ist, dass der Begriff „Intellektuelle“ ursprünglich von Dreyfus-Gegnern aufgebracht worden war und als abfällige Bezeichnung von Dreyfus-Anhängern diente. Vgl. Bering Dietz, Die Intellektuellen: Geschichte eines Schimpfwortes, Stuttgart 1978.  ↑
  2. Benda Julien, Die Intellektuellen und ihr Verrat, in: Ders., Der Verrat der Intellektuellen, München 1978, 111-204. ↑
  3. Said Edward, Repräsentationen des Intellektuellen, in: Ders., Götter, die keine sind. Der Ort des Intellektuellen, Berlin 1997, 9-30, hier 12. ↑
  4. Ebd., 14. ↑
  5. Vgl. ebd., 13. ↑
  6. Vgl. Gramsci Antonio, Philosophie der Praxis. Eine Auswahl. Hrsg. v. Riechers C., Frankfurt a.M. 1967. ↑
  7. Ebd., 411f. ↑
  8. Said, Repräsentationen, 17. ↑
  9. In diesem Zusammenhang betont Gabriel Marcel (1889-1973), dass es, um der Verantwortung des Intellektuellen gerecht zu werden, keineswegs genügt, einige unbedingt und universal geltende Prinzipien beständig zu wiederholen. Das Wort des Intellektuellen hat nur dann gesellschaftliches Gewicht, wenn es die jeweilige gesellschaftliche Situation mit ihrem historischen Kontext mitberücksichtigt. Die Aufgabe des Intellektuellen besteht demzufolge darin, „in sich selbst ein paradoxes Gleichgewicht zwischen dem Geist der Universalität – soweit dieser sich in Werten verkörpert, die als unabänderlich anerkannt werden müssen – und seiner persönlichen Erfahrung zu bewahren, von der zu abstrahieren ihm weder möglich noch gestattet ist, da sie allein seinen individuellen Beitrag bilden kann.“ Marcel Gabriel, Die Verantwortlichkeit des Philosophen in der Welt von heute, in: Ders., Tragische Weisheit. Zur gegenwärtigen Situation des Menschen, Wien 1974, 31-50, hier 49. ↑
  10. Said, Repräsentationen, 18. ↑
  11. Ebd., 29f. ↑
  12. Vgl. ebd., 30. ↑
  13. Vgl. Said Edward, Experten und Amateure, in: Ders., Götter, die keine sind. Der Ort des Intellektuellen, Berlin 1997, 73-92, hier 78f. ↑
  14. Vgl. auch Chomsky Noam, Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen, Frankfurt a.M. 1971, 150: „Es spricht einiges für die Schlussfolgerung, dass es in der Tat so etwas wie einen Konsensus unter den Intellektuellen gibt, die bereits zu Macht und Wohlstand gekommen sind, oder die glauben, dass sie beides erreichen können, wenn sie ‚die Gesellschaft nehmen’ wie sie ist und die Werte fördern, die in dieser Gesellschaft ‚hochgehalten werden’. Es trifft auch zu, dass dieser Konsensus am deutlichsten zutage tritt bei den verantwortlichen akademischen Experten, die die unabhängigen Intellektuellen der Vergangenheit allmählich ersetzen.“ ↑
  15. Ebd., 118: „Es ist erschreckend zu beobachten, wie relativ gleichgültig amerikanische Intellektuelle auf die unmittelbaren Handlungen ihrer Regierung und deren politische Pläne reagieren, und wie oft sie bereit – oder gar darauf erpicht – sind, bei der Durchführung dieser Politik eine Rolle zu spielen.“ ↑
  16. Vgl. Said, Experten, 91f. ↑
  17. Baran Paul A., The Commitment of the Intellectual (1966), in: Monthly Review Pamphlet Series, Nr. 23, New York. ↑
  18. Kramer Helmut, Wissenschafter als Intellektuelle. Von der Kunst und der Notwendigkeit der Provokation, in: Kreisky Eva (Hg.), Von der Macht der Köpfe, Wien 2000, 69-77, hier 73. ↑
  19. Vgl. ebd., 72f. ↑
  20. Vgl. Mills C. Wright, The Powerless People: The Role of the Intellectual in Society (1944), bzw. Ders., On Knowledge and Power (1955), in: Horowitz Irving L. (Hg.), Power, Politics and People, New York, 136-153 bzw. 602-635. Bzw. H. Kramer, Wissenschafter, 73f. ↑
  21. Bourdieu Pierre, Der Korporatismus des Universellen, in: Ders., Die Intellektuellen und die Macht, Hamburg 1991, 41-65, hier 42. ↑
  22. Ebd., 49. ↑
  23. Vgl. Bourdieu Pierre, Wissenschaftliche und soziale Kompetenz, in: Ders., Homo Academicus, Frankfurt a.M. 1988, 121-131. ↑
  24. Schwab Hans-Rüdiger (Hg.), Eigensinn und Bindung. Katholische deutsche Intellektuelle im 20. Jahrhundert. 39 Porträts, Kevelaer 2009, 12. ↑
  25. Vgl. z.B. Lyotard Jean-François, Grabmal der Intellektuellen, Graz – Wien 1985; bzw. Schwab, Eigensinn, 12. ↑
  26. Vgl. Schwab, Eigensinn, 15. ↑
  27. Ebd. 12. ↑
  28. Siehe oben Anm. 24. ↑
  29. Nach dem Urteil von Große Kracht verblasste die Gestalt des katholischen Intellektuellen seit dem zweiten Drittel des vergangenen Jahrhunderts zunehmend und entschwand schließlich im Nebel einer „neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas). Vgl. Große Kracht, Von der „geistigen Offensive“ zur neuen Unauffälligkeit. Katholische Intellektuelle in Deutschland und Frankreich (1910-1960), in: Graf, Friedrich Wilhelm/Große Kracht, Klaus (Hg.), Religion und Gesellschaft. Europa im 20. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2007, 223-246, hier 246. ↑
  30. Aus historischer Perspektive vgl. Anm. 29 bzw. Bröckling Ulrich, Katholische Intellektuelle in der Weimarer Republik. Zeitkritik und Gesellschaftstheorie bei Walter Dirks, Romano Guardini, Carl Schmitt, Ernst Michel und Heinrich Mertens, München 1993. ↑
  31. Schwab, Eigensinn, 18. ↑
  32. Lehmann Karl, Zur Bedeutung des Protestantismus aus katholischer Sicht heute. In: Symposium Protestantisch 2004, Speyer 2004, 4-18, hier 16f. ↑
  33. Ein unverkürzter Begriff des katholischen Intellektuellen steht für die uneingeschränkte Vereinbarkeit von fides et ratio, von Glauben und Vernunft. Der katholische Intellektuelle wird seinem Namen nur gerecht, wenn er ganz gläubiger Christ und ganz Intellektueller ist. Andernfalls degeneriert er entweder zum voreingenommenen Apologeten im Sinn des „organischen Intellektuellen“ (Gramsci) oder des „freischwebenden Intellektuellen“ (Mannheim), dem die echt kirchliche Gesinnung fehlt. ↑
  34. Zitiert nach Gail Anton J., Erasmus von Rotterdam. Reinbek b. Hamburg 1974, 57.103. ↑
  35. Vgl. II. Vatikanum, Gaudium et Spes, Nr. 4. ↑
  36. Dies mag ein Grund dafür sein, dass eine entsprechende intellektuelle und theologische Qualifikation gemäß dem geltenden Kirchenrecht als Eignungsvoraussetzung für die kirchlichen Weiheämter gefordert wird. Im seinem nachsynodalen apostolischen Schreiben Pastorem dabo vobis (1992), 51, hält Papst Johannes Paul II. fest: „Die wissenschaftliche – intellektuelle Ausbildung der Priesterkandidaten findet ihre charakteristische Rechtfertigung in der Natur des geweihten Dienstes selbst und beweist ihre aktuelle Dringlichkeit angesichts der Herausforderung der Neuevangelisierung.“ ↑
  37. Vgl. II. Vatikanum, Dei Verbum, Nr. 8 ↑
  38. Schwab, Eigensinn 21. ↑
  39. Ebd. 22f. ↑
  40. Ebd. 21. ↑

 

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