Fiducia Supplicans

Leserfrage: „Lieber P. Dominikus: Mich würde interessieren, wie Sie die jüngst vom Vatikan veröffentlichte Erklärung Fiducia Supplicans einschätzen? Warum gibt es weltweit Widerstand gegen die Erlaubnis gleichgeschlechtliche Paare zu segnen?“ (Manuela, 45)
Worum geht es?
P. Dominikus: 2021 erklärte das Dikasterium für die Glaubenslehre in einem Responsum, die Kirche habe nicht die Vollmacht, gleichgeschlechtliche Verbindungen zu segnen. Ende 2023 wurde die Erklärung «Fiducia Supplicans» (kurz: FS) veröffentlicht. Sie erlaubt irreguläre und gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, sofern jede Anleihe an eine Trauungsfeier vermieden wird.
Die Erklärung verwirft die geltende Lehre nicht, sie möchte sie vertiefen und weiterentwickeln. Was heißt das konkret? Einerseits bekräftigt FS die kirchliche Sexual- und Ehelehre und hält daran fest, dass die Kirche nichts im Namen Gottes segnen kann, was seinem Willen widerspricht. Andererseits – und das ist das Novum – führt die Erklärung eine neue Segensform ein: einen pastoralen, nicht-liturgischen Segen.
Dieser Segen könne von allen empfangen werden, da er nicht an Bedingungen geknüpft sei (z. B. FS Nr. 29): auch von Paaren in irregulären Situationen (z. B. Unverheiratete, Geschieden-Wiederverheiratete) sowie von gleichgeschlechtlichen Paaren, weil mit ihm weder ihre Verbindung noch ihre Lebensführung legitimiert werde. Vielmehr erbitte dieser Segen lediglich Gottes Beistand für all das, was das Paar an Wahrem, Gutem und Gelingendem verbindet (vgl. FS Nr. 31).
Weltweiter Widerstand
Gegen Fiducia Supplicans formierte sich schnell breiter Widerstand. Bischöfe aus aller Welt haben solche Paarsegnungen untersagt, etliche Theologen ihre Bedenken vorgetragen. Die Liste der vorgebrachten Kritikpunkte ist lang. Soweit ich sehe, wiegen folgende Bedenken besonders schwer:
- Aus begrifflich-argumentativer Sicht ist fraglich, ob irreguläre und gleichgeschlechtliche Paare als Paare gesegnet werden können, ohne auch ihre moralisch illegitime Verbindung (ihr Paarsein) zu segnen. Begründung: Es ist die Verbindung, die ein Paar überhaupt erst zu einem Paar macht.
- Aus liturgietheologischer Sicht ist fraglich, ob es so etwas wie einen nicht-liturgischen (Priester)Segen geben kann. Begründung: Jeder Segen, insbesondere der eines Priesters, ist eine liturgische Handlung im Namen Gottes und der Kirche.
- Aus theologiegeschichtlicher Sicht ist fraglich, ob es eine theologische Grundlage für einen „Segen light“ gibt. Begründung: Dazu bräuchte es zureichende Anhaltspunkte in Schrift, Tradition und Theologie, die etwa Fernández Vorgänger, Kardinal Müller, nicht gegeben sieht.
- Aus praktisch-pastoraler Sicht ist fraglich, ob der neue Segen nicht weit mehr Schaden als Nutzen bringt. Begründung: Missverständnisse sind vorprogrammiert. Das übliche Segensverständnis bedeutet auch Gutsagung (bene-dictio). Außerdem sind Missbräuche zu erwarten, wo entgegen der Erklärung das katholische Sexual- und Eheverständnis von Betroffenen als überholt abgelehnt und eine Anerkennung der eigenen Lebensumstände gesucht wird (FS Nr. 31). FS könnte eine ohnehin schon besorgniserregende Doppelmoral in der Kirche weiter fördern.
Ein widersprüchliches Zeichen?
Nach FS ist der Segen eine Ressource und kein Risiko (Nr. 23). Diese Behauptung ist nicht unproblematisch. „Ein Paarsegen für alle“ behandelt nämlich auch diejenigen als Paar, die eigentlich kein Paar sein sollten, ja deren Paarsein moralisch illegitim ist.
Man denke an den Mann, der Frau und Kinder gestern wegen einer neuen Liebe sitzen gelassen hat, nun aber (in subjektiv aufrichtiger Gesinnung) mit ihr einen kirchlichen Paarsegen erbittet. Wäre es ratsam, die beiden zu segnen und so als Paar zu behandeln, gegebenenfalls öffentlich? Oder man denke an gleichgeschlechtliche Pärchen, die händchenhaltend um einen Paarsegen bitten. Das wäre, was auch immer sie sonst tun oder nicht tun, für viele Gläubige ipso facto eine anstößige und verwirrende Geste.
Das sind einige der Gründe, warum die Erklärung Fiducia Supplicans auf heftige Kritik gestoßen ist. Wir dürfen gespannt sein, wie die Diskussion weitergeht!
