Kopf – Herz – Bauch
Liebe Geschwister!
Historisch gesehen geht es im Prophetenbuch Ezechiel darum, dass Nordreich und Südreich, Israel und Juda nicht mehr ein Land bilden, sondern geteilt sind.
Es geht darum, dass viele Israeliten in der Verbannung, im babylonischen Exil leben. Durch den Mund des Propheten ergeht nun aber die Verheißung:
Gott wird die Verbannten wieder sammeln und zurück in ihr Land zurückführen:
- Dann werden sie wieder EIN Volk sein.
- Sie werden EINEN König haben.
- Sie werden unter dem EINEN Bund leben, den Gott, der Herr, mit ihnen geschlossen hat.
- Und er wird in ihrer Mitte EIN Heiligtum errichten, seine Schechina, seine Einwohnung.
- Er wird als er EINE & EINZIGE Gott in ihrer Mitte wohnen.
Wenn wir die gehörte Schriftstelle im Sinn des allegorischen Schriftsinnes auslegen, dann können wir sagen:
Wenn es um das Volk Israel geht, dann geht es auch um DICH. In dir gibt es Kräfte (…), die in der Zerstreuung leben, die ein Eigenleben führen – man spricht in der Psychologie auch von desintegrierten Komplexen –, die bisweilen im Streit miteinander liegen.
Deshalb machst du immer wieder die Erfahrung, die der Apostel Paulus im Galaterbrief mit den Worten beschreibt:
„Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist auf, der Geist gegen das Fleisch. Beide liegen miteinander im Streit, sodass ihr nicht das tut, was ihr wollt.“ (Gal 5,17)
Wir tun nicht das, was wir eigentlich wollen.
Wir tun nicht das, was Gott will und was wir als gut und richtig erkannt haben, sondern wozu uns unsere Begierden drängen – z. B. wenn wir stundenlang am Smartphon hängen – oder was andere von uns erwarten (Überich).
In beiden Fällen handelt es sich, wenigstens der Tendenz nach, um Götzendienst.
- Im ersten Fall ist unser Bauch unser Gott – wie es schon beim Apostel Paulus heißt.
- Im zweiten Fall erwarten die unsere Anerkennung nicht von Gott, sondern von den Menschen.
- Im ersten Fall ermangeln wir der Tugend der Mäßigung und verfallen deshalb allerlei Lastern wie etwa Habsucht, etwa in Form der Kaufsucht, der Spielsucht, Sexsucht, Fresssucht, Internetsucht, Geltungssucht etc. Oder wir verlieren im Sog von Ärger, Wut, Zorn, Neid und Verachtung.
- Im zweiten Fall ermangeln wir der Tugend der Tapferkeit oder des Starkmutes und verfallen der Menschenfurcht und der Gefallsucht.
Auch in diesem Fall ist der Bauch unser Gott, weil Bauchgefühle unser Verhalten lenken und nicht unsere Vernunft und unser Herz.
Wenn Kopf und Bauch ins uns miteinander im Streit liegen, dann tun wir nicht das, was wir eigentlich wollen. Zumindest fällt es uns schwer und kostet viel Überwindung.
Bauch und Kopf „haben unterschiedliche Blickwinkel auf einen Sachverhalt. Die Vernunft erlaubt einen rationalen, nüchternen, analytischen Blick auf die Gegebenheiten. Sie denkt langfristig, beurteilt nach Nützlichkeit, plant vorausschauend. Mit ihr können wir argumentieren.“ (Bonelli)
„Der Bauch hingegen argumentiert nicht, er fordert: Das will ich, und zwar sofort. Er denkt nicht an das Morgen. Deswegen verstehen sich die beiden Instanzen nicht besonders gut. Wenn ein Mann in einer Bar etwa eine schöne Frau sieht und ihr Avancen machen möchte, sagt der Bauch: „Das kann die nacht deines Lebens sein! Geh hin, sprich sie an, tu alles, um sie zu verführen.“
Der Kopf jedoch fährt dazwischen. Er denkt an die langfristigen Konsequenzen: — Das gelobte Land, wo Bauch und Kopf unter einem König zusammenfinden, ist das Herz.
- Das Herz umschreibt die Personmitte des Menschen,
- den Ort, wo Vernunft, Wille und Gefühl zusammenkommen;
- den Sitz unserer Wertorientierung und des Gewissens: des Wissens um das, was für uns gut ist und was nicht.
In diesem Sinn lehrt etwa das II. Vatikanische Konzil in der Pastoralkonsitution Gaudium et Spes:
„Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem Innersten zu hören ist.“
Das Herz des Menschen ist auf das Gute hingeordnet.
Letztlich auf den, der die Quelle und Fülle des Guten ist: auf Gott.
So wie wir das Licht nicht direkt sehen, sondern wie es von den Dingen gebrochen und widergespiegelt wird, so spiegelt sich Gottes Güte in den Gütern dieser Welt, auf die der Mensch hingeordnet ist, weil sie sein Leben gut machen.
Das Herz ist auch die Entscheidungsmitte des Menschen. Der Sitz des freien Willens, kraft dessen wir das Gute erstreben und dem Bösen widerstreben sollen.
„Ein schwaches Herz lässt den Kopf schweigen. Dann kann der Bauch wüten – wenn auch mit schlechtem Gewissen.“
Ein verstocktes Herz – noch schlimmer – befiehlt der Vernunft, eine kognitive Rechtfertigung zu konstruieren, mit der das Bedürfnis befriedigt werden kann. Das klingt dann oft an den Haaren herbeigezogen… Etwa:
„Meine Frau ist schuld, dass ich sie betrüge, weil sie nicht immer nett zu mir war. Außerdem brauche ich Sex und davon gibt sie mir zu wenig.“ (Bonelli 37)
Oder:
„Gott ist in gewisser Weise selbst schuld, dass ich nur mehr sehr selten bete. Immerhin hat er meine Gebete nicht erhört und ich habe schließlich auch noch anderes zu tun.“
„Ein kopfloses Herz ist unbrauchbar. Erst die Reflexion des Kopfes sind für das Herz der Garant der Freiheit, weil der Kopf den Bauch relativieren kann.“ (Bonelli, 36)
Verbannung: Wir sind nicht freie Söhne, sondern wir sind unfreie Sklaven; nicht Christus herrscht in uns, sondern unsere Begierden beherrschen uns.
Im Herzen, in unsere Mitte wohnt Christus, wenn es
- die richtigen Werte wählt,
- sie in die richtige Rangordnung bringt,
- mittels der Klugheit in der konkreten Situation klug urteilt,
- die Bauchgefühle berücksichtigt, prüft, ordnet und in Dienst nimmt (Energievorrat, Antrieb, Motivation).
Wenn wir dagegen in der Zerstreuung, dann gibt es keine harmonische Zusammenarbeit, sondern Streit & Kampf:
Jakobus 4,1: „Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern.“
Ein Reich das in sich gespalten, hat keinen Bestand; Es kommt zum Kampf der Großmächte in uns; innere Konflikte, die mindestens mit einem hohen Energieverschleiß einhergehen.
„Der Bauch überschätzt sich gerne. Schnell fühlt sich etwas bei ihm momentan „wahr“ und „richtig“ an, ohne es zu sein.“ (B, 32)
Der Bauch will den Reizen der Umwelt nachgeben. Er will Lust maximieren und Unlust vermeiden.
„In der Tugend gibt es keinen inneren Reibungsverlust, keinen Bürgerkrieg mehr zwischen den Großmächten Kopf, Herz und Bauch.“
Der Mensch lebt dann in innerer Harmonie.
„In der Idealform bereitet das Gute Lust und das Böse Unlust.“
„Der Kopf ohne das Herz ist blind und an den Bauch gefesselt. Das Herz, denn es kann den Kopf lenken: Ich erkenne, was ich erkennen will. Damit das Herz den Kopf nicht in die Irre führt, braucht es die Stabilisierung durch die Gerechtigkeit. Der Kopf hingegen benötigt die Tugend der Klugheit, während der Bauch durch die Tapferkeit (Unlustvermeidung) und das Maß (Lustmaximierung) stabilisiert wird.“ (B, 54)
Es gibt ein „Übermaß an Bauchentscheidungen in unserer Gesellschaft. Viele Menschen sind unglücklich, weil sie die Kontrolle über ihren Bauch verloren haben, ihn mit dem Herzen verwechseln oder einfach nicht wissen, wie mit ihm umzugehen ist.“
„Viele glauben, dass ein Bauchgefühl ihr Schicksal ist, ihre Identität. Aber: Wir sind nicht unsere Gefühle, wir haben welche.“ (B, 55)
„Wir kultivieren & prägen den Bauch durch das beständige Einüben von guten Handlungen. Der Bauch kann also durch das Herz geprägt werden, mithilfe von wiederholten Taten, die in der Überwindung von Unlust und des Meidens von Lust durchaus Überwindung kosten.“ (ebd.)
Amen.
