Kleine eucharistietheologische Auslegung der Emmauserzählung

Lesedauer etwa 7 Minuten

Zu Lk 24,13-35 (Zum Ostermontag oder 3. Sonntag d. Osterzeit)

Der Gang nach Emmaus, Fritz von Uhde 1891

Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel »Was wir feiern und was wir zu leben berufen sind, ist ein und dasselbe« (Ostermontag, zu Lk 23,13-35) in: Christoph Heinemann (Hg.), GOTTES WORT im Kirchenjahr 2020, Lesejahr A – Bd. 2, Fasten- und Osterzeit, S. 224-227

„Was wir feiern und was wir zu leben berufen sind, ist ein und dasselbe.“

In diesen Tagen haben wir Ostern, d. h. den Tod und die Auferstehung Jesu, liturgisch gefeiert. Eigentlich ist für uns Christinnen und Christen ja jeder Gottesdienst ein kleines Ostern. Denn in jedem Gottesdienst feiern wir das Geheimnis unseres Glaubens: „Deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisten wir, bis du kommst in Herrlichkeit“.

Ausgehend vom heutigen Evangelium möchte ich über die Frage nachdenken, inwiefern das, was wir Sonntag für Sonntag feiern, mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat. Diese Frage scheint mir deshalb wichtig zu sein, weil wir wohl alle die Erfahrung machen, dass uns der Alltag nach dem Verlassen des Gotteshauses oft schneller einholt als es uns lieb ist.

Meine Frage lautet: Wie hängen Messe und Leben zusammen? Meine Antwort wird sein: Das, was wir feiern und das, was wir zu leben berufen sind, ist im Grunde ein und dasselbe. Die Feier der heiligen Messe ist – so ungewohnt das zunächst vielleicht klingen mag – nichts anderes als die Zusammenfassung dessen, worum es in unserem Leben geht.

Gemeinsam auf dem Weg nach Emmaus

Der Zusammenhang von Leben und Messe lässt sich gut an der Geschichte der beiden Jüngern verdeutlichen, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind. Dazu müssen wir den beiden auf den wichtigsten Stationen ihres Weges folgen. Es sind dies: 1. die Trauer (über einen Verlust); 2. die Begegnung mit dem Fremden; 3. die Einladung des Fremden; 4. die Erkenntnis und 5. das Zeugnis. Diese fünf Stationen entsprechen den wesentlichen Elementen der heiligen Messe. Nämlich:

  1. die Trauer entspricht dem Schuldbekenntnis mit der anschließenden Vergebungsbitte
  2. die Begegnung mit dem Fremden dem Wortgottesdienst
  3. die Einladung des Fremden entspricht der Gabenbereitung
  4. die Erkenntnis der Kommunionfeier
  5. das Zeugnis entspricht dem Segen mit der anschließenden Sendung

1 . Station: die Trauer

Am Anfang des Weges steht die Trauer über eine zerbrochene Hoffnung: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, Israel erlösen werde“ (V 21). Auch in unserem Leben gibt es unerfüllte Sehnsüchte und enttäuschte Hoffnungen. Ja, man kann sogar unser ganz normales menschliches Leben als eine fortgesetzte Verlusterfahrung beschreiben: Als Jungendlicher steht einem das Leben noch offen. Die Zukunft ist voller Verheißungen; der Himmel voller Geigen. Aber bereits mit der Berufs- und Partnerwahl werden wir, auch wenn es eine gute Wahl ist, viele andere Möglichkeiten loslassen und die Ernüchterungen des Alltags annehmen müssen. Auch der Zenit unseres beruflichen Erfolgs, in den wir vielleicht viel investiert haben, wird irgendwann überschritten sein. Geliebte Menschen, vielleicht unsere eigenen Kinder, verlassen uns und gehen ihre eigenen Wege. Mit zunehmendem Alter müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass unsere Kraft und Gesundheit zunehmend abnehmen. Zu guter letzt werden wir sogar unser Leben loslassen müssen. Wenn wir diese und andere Verlusterfahrungen machen, kommen wir an eine erste Weggabelung. Denn wir können auf zweierlei Weise mit unseren erwartbaren und unerwarteten Enttäuschungen umgehen:

(i) Wir können zum einen anderen die Schuld geben; wir können dem Leben und Gott Vorwürfe machen. Viel Menschen tun das – meist, ohne dass es ihnen bewusst ist. Die Frucht dieses Weges ist eine schleichende Bitterkeit, die sich im menschlichen Herzen breit macht und unsere Beziehungen vergiftet.

(ii) Es gibt aber noch einen anderen Weg: Wir können die bittere Wahrheit unseres Lebens anerkennen. Wir können – wie die Emmausjünger – um das Verlorene trauern und Tränen des Schmerzes weinen. Dabei ist wichtig: Nicht im Selbstmitleid liegt die Lösung, sondern in der Übernahme von Verantwortung. Es geht darum anzuerkennen, dass wir an unserer eigenen Misere und am Leid der Menschheit unseren Beitrag haben. Diese Haltung vermeidet den Holzweg der Verhärtung. „Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen“, betet der Psalmist (Ps 51,19).

Deswegen bringen wir am Anfang der Messe unser ganzes Leben mit allen seinen Enttäuschungen und Verfehlungen vor Gott und wir rufen sein Erbarmen an: Domine, miserere nobis! Herr, erbarme Dich unser! Wir bekennen auf diese Weise, dass wir uns selbst nicht retten können.

2 . Station: die Begegnung mit dem Fremden

Der erste Schritt hat unser Herz bereit für die Begegnung mit dem Fremden und seiner Botschaft gemacht. Diese Begegnung mit ihm lässt sich nicht erzwingen. Sie ist eine unverfügbare Gnade. Sie kann sich ereignen, wenn wir auf unserem Weg einem Menschen begegnen, der uns durch das, was er ist oder sagt, eine völlig neue Sicht auf unser Leben eröffnet. Jemandem, der uns das versiegelte Buch unseres Lebens aufschließt und im Lichte Gottes zu deuten versteht. Einer, der Leid, Schuld und Tod nicht verdrängt, wie es so häufig geschieht, sondern den tieferen Zusammenhang von Liebe und Leid für uns erschließt. Wir machen die Erfahrung, dass seine Worte in uns eine neue Hoffnung und Sehnsucht wecken, für die wir noch keine Worte haben.

Diese Begegnung mit dem Wort Gottes, mit der zunächst befremdenden, schließlich aber befreienden Botschaft geschieht insbesondere im Wortgottesdienst der Messe. Hier begegnen wir nicht einem Erlöser, wie wir ihn uns ausgedacht haben. Wir begegnen nicht unserer eigenen Projektion, die uns letztlich in unsere Misere manövriert hat, sondern einem, der unser unheilvolles Vorverständnis in Frage stellt: Musste nicht der Messias all das erleiden? (vgl. V 26) Kann es denn dem Jünger besser gehen als dem Meister?

3 . Station: die Einladung

Wir kommen auf dem Weg zu einer weiteren Kreuzung: Wir können diese Erfahrung mit dem Fremden einfach „gut sein lassen“, indem wir wieder zur gewohnten Tagesordnung übergehen. Dann wird diese Begegnung, so sehr sie unser Herz momentan auch angesprochen haben mag, eine von vielen guten Erfahrungen bleiben. Sie wird langsam wieder ins Vergessen sinken. Der Fremde drängt sich nicht auf. Die beiden Jünger zeigen uns, wie man es machen muss: Da der Fremde sie nicht drängt, drängen sie den Fremden bei ihnen zu Gast zu sein! Dieser Schritt entspricht in der Messe der Gabenbereitung: Wir laden den, der allein Worte des Lebens hat, in unsere Mitte ein.

4 . Station: die unvermutete Erkenntnis

In diesem Augenblick geschieht es, dass der Gast unversehens zum Gastgeber wird: „Als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, … brach es und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn“ (V 30f). Sie erkennen ihn an dieser Geste seiner Liebeshingabe, die er vor seinem Tod an den Jüngern vollzogen hat.

Wenn wir seinem Wort begegnet sind und dieses Wort in unserem Herzen eine brennende Sehnsucht entzündet hat – vielleicht ohne, dass wir uns dessen vollständig bewusst waren –, dann kann es sein, dass wir seine Handschrift in unserem Leben und in der Welt wiedererkennen. Es kann geschehen, dass uns mit einem Mal die Augen aufgehen. Solche Momente sind Begegnungen mit dem auferstandenen Christus. Plötzlich ist alles klar: Wir haben ihn gesehen. Und wir wissen: Er war immer schon mit uns auf dem Weg und er wird alle Tage bei uns bleiben (vgl. Mt 28,20). Wir können solche Momente nicht festhalten. Sie sind eine Gnade.

5 . Station: Das Zeugnis

Der letzte Schritt ist die Sendung. Der Auferstandene braucht den beiden Jüngern nichts mehr zu sagen: Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über. Die Herzen der beiden Jünger sind erfüllt von der österlichen Begegnung, so dass sie gar nicht anders können, als zu ihren Brüdern zu laufen und ihnen das Erfahrene zu bezeugen.

Am Ende jeder heiligen Messe werden die Gläubigen gesendet. Der Priester entlässt die sie mit dem Zuruf: „Gehet hin in Frieden!“ Diese Übersetzung des Lateinischen: „Ite missa est!“, ist etwas unglücklich. Es müsste eigentlich heißen: „Geht, ihr seid gesendet!“ Ihr seid gesendet, die Frohbotschaft in die Welt zu tragen und sie allen Menschen zu bezeugen.

Diese fünf Schritte unseres Lebens bilden eine Bewegung

von der Niedergeschlagenheit zur Dankbarkeit,

aus verhärteten Herzen werden dankbare Herzen;

aus Tod wird Auferstehung.

Die Messe stellt diese geistliche Bewegung auf sehr dichte Weise dar. In unserem Glaubensleben geht es darum, immer neu in diese Bewegung einzutreten. Was wir feiern und was wir zu leben berufen sind, ist ein und dasselbe! Gebe der Gekreuzigte und Auferstandene, dass beides immer mehr eins werde!

P. Dominikus Kraschl OFM

 

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