Muss die Kirche sich ändern?

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Gastkommentar in: Bündner Tagblatt vom 05. Februar 2020

Die Kirchen unserer Breiten befinden sich im Krisenmodus. Was muss die Kirche ändern, damit sich die Menschen ihr wieder zuwenden?, so wurde und wird immer wieder gefragt. Nicht wenige haben den Eindruck, die Kirche sei nicht in der Moderne angekommen. Besonders wenn es um die katholische Kirche geht, ist man schnell mit allerlei Reformforderungen bei der Hand: Der Pflichtzölibat müsse fallen, das Frauenpriestertum eingeführt werden, die Sexualmoral gehöre reformiert und die Strukturen demokratisiert. Geht es um die reformierte Kirche(n), tut man sich mit gut gemeinten Ratschlägen schwerer. Diese haben zwar so gut wie alle populären Reformforderungen seit geraumer Zeit umgesetzt, stehen insgesamt aber auch nicht besser da. Der Massenexodus hält da und dort an. Denn: Die Ursachen der schnell voranschreitenden Glaubensverdunstung liegen tiefer.

Ein weiterer Ratschlag lautet: Die Kirche müsste den Menschen mehr entgegenkommen! Das kann man richtig und falsch verstehen. Falsche Hoffnungen würde man sich machen, wenn man den großräumigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die allen Konfessionen zu schaffen machen, durch ein „Evangelium light“ begegnen wollte. Die vergleichende religionssoziologische Forschung zeigt, dass auch das am Gesamtbild nicht viel ändern würde. Vor allem aber würde man Gefahr laufen, das Evangelium unter der Hand zu verraten.

Papst Franziskus hat eine andere Vision. Aus einer Sicht sollte die Kirche den Menschen entgegenkommen, indem sie den „Primat der Evangelisierung“ zurückgewinnt. In einem Brief an die Kirche in Deutschland schreibt er, „dass die Evangelisierung unser Leitkriterium schlechthin sein muss, unter dem wir alle Schritte erkennen können, die wir als kirchliche Gemeinschaft gerufen sind in Gang zu setzen; Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche.“ „Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein.“

Wir alle sind Zeugen und Kinder eines tiefgreifenden Kulturwandels. Franziskus ermuntert dazu, das in Kirchenkreisen häufig genug anzutreffende Machbarkeitsdenken, das nicht selten in einer pastoraltechnokratischen Mentalität zum Ausdruck kommt, gründlich zu hinterfragen. Die Kirche ist ja weder ein Wirtschaftsunternehmen, das mit einer gewieften Marketingstrategie vor einem drohenden Konkurs bewahrt werden könnte, noch ist sie eine politische Partei, die ihr Wahlprogramm auf die beitragszahlenden Mitglieder oder potenziellen Wähler zuschneiden kann.

Aus der Sicht des Papstes kann es eine wirksame Reform der Kirche nicht ohne persönliche Bekehrung geben. Dazu gehört vor allem das persönliche Gebet, die Ausrichtung an der heiligen Schrift, das Leben aus den Sakramenten, mitmenschliches Engagement und ähnliches mehr. Kurz: Gott wieder Gott sein zu lassen, indem wir ihm die oberste Priorität in unserem Leben einräumen. Nur das ist glaubwürdig. Bekehrungen können freilich weder verordnet noch geplant, sondern allenfalls erbetet werden. Mutter Teresa von Kalkutta wurde einmal von einem Reporter gefragt: „Was muss geschehen, damit die Kirche sich ändert?“ Darauf Mutter Teresa: „Wir müssen uns ändern. Sie und ich!“

 

Der Autor war (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung) Professor für Philosophie an der Theologischen Hochschule Chur, seit 2025 ist er Professor für Philosophisch an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz bei Wien

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