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Etappen eines Glaubens- und Berufungswegs. Ein Rückblick

Lesedauer etwa 14 Minuten
Nachprimiz in der Hofkirche Innsbruck

Dokumentation der Primizansprache von P. Dominikus Kraschl OFM am 01. Juli 2018 in der Bergheimer Pfarrkirche

Etappen eines Glaubens- und Berufungswegs

Ein Rückblick

[Wie alles anfing]

Die Chronologie der Ereignisse, die heute erzählt werden soll, beginnt mit dem Jahr 1981. Der kleine Jörg – seine Eltern rufen „Jörgi“ – ist damals 4 Jahre alt: ein Kindergartenkind, das übrigens nicht immer gern in den Kindergarten geht. Ein drittes Geschwisterchen, Carmen, ist in diesen Tagen auf dem Weg. Die Stadtwohnung in Lehen ist der wachsenden Kinderschar nicht mehr gewachsen. Seine Eltern, Heinz und Inge, beschließen daher, nach Lengfelden in Bergheim zu ziehen – in die neu errichtete Buwog-Siedlung. Dort verbringt der kleine Jörg mit seinen drei jüngeren Geschwistern, Christoph, Carmen und Elisabeth, eine alles in allem unbeschwerte Kindheit.

Foto nach der Weihe in der Sakristei

[Startschwierigkeiten]

Damit sich niemand falschen Vorstellungen hingebt, sei gesagt: Wir haben es nicht mit einem ruhigen, religiös empfindsamen Knaben zu tun, sondern eher mit einem kleinen Wildfang, der regelmäßig in allerlei Raufereien verstrickt ist und noch nicht weiß wohin mit seinen unbändigen Energien.

Auch Erstkommunion und Firmung verlaufen nicht völlig reibungslos: Dem gesundheitlich angeschlagenen Erstkommunikanten – ich sehe ihn deutlich vor mir, wie er links von mir in der ersten Reihe im Anzug mit seiner Erstkommunionkerze steht – bekommt der Weihrauch nicht. Ehe er sich´s versehen kann, wird im schwarz vor Augen, es macht „rumms!“, und er liegt danieder. Er wird ihn die Sakristei gebracht, von wo aus er dem Rest der Feier durch die Sakristeitür verfolgt.

[Firmverweigerer]

Wir machen einen kleinen Sprung in die Gymnasialzeit: Der spätere Franziskussohn entfremdet sich seinem Kinderglauben zunehmend. Gewiss sind derartige Entwicklungen keine Seltenheit. Bemerkenswert ist jedoch, dass unser junger Gymnasiast sich der bevorstehenden Firmung standhaft verweigert. Er argumentiert: Es fehle ihm die innere Überzeugung. Abgesehen davon widerstrebe es ihm, überkommenen Bräuchen nur deshalb zu folgen, weil die anderen es auch tun. Vereinzelte Überredungsversuche lassen ihn unbeeindruckt; auch von Oma in Aussicht gestellte materielle Anreize in Form von Firmgeschenken entlocken ihm nur ein Lächeln.

Kuppel im Dom zu St. Jakob

[Schachbegeisterter]

Ein markantes Persönlichkeitsmerkmal unseres Firmverweigerers besteht darin, dem, was ihn interessiert, mit großer Ausdauer und Begeisterung nachzugehen: Seine erste große Leidenschaft ist der Schachsport. Bis hin zur Matura wir er seine vorrangige Freizeitbeschäftigung sein: Das tägliche Studium der großen Meister, aber auch die regelmäßige Teilnahme an Tournieren im In- und Ausland – mitunter auch während der Schulzeit – füllen die Tage, Monate und Jahre.

Einige Erfolge vermag der spätere Gottesmann durchaus zu verzeichnen: Als Jugendstaatsmeister qualifiziert er sich mehrmals für Jugendeuropa und -weltmeisterschaften. Die Salzburgausgabe der Kronenzeitung bringt schon früh einen kurzen Bericht über den aufstrebenden Newcomer. Unter seinem Bild steht der kurze Satz: „Zittern vor Jörg Kraschl (13 [Jahre])“.

Europa Cup 1996 in Bulgarien, Kranevo bei Varna (IM I. Donev, FM R. Hanel, FM H. Herndl, FM J. Kraschl)

[Kontingenzerfahrung]

Doch nun zu Bedeutenderem: Es gibt Ereignisse im Leben, die weder Familie noch Freunde mitbekommen und deren Tragweite man mitunter erst im Rückblick ermisst. Als ein solches Ereignis unserem schachbegeisterten Jugendlichen widerfährt, ist er nach unseren Aufzeichnungen 16 Jahre alt. Nach dem Mittagessen hatte er sich, wie er es bis heute gern tut, für ein kleines Nickerchen niederlegt. Da steht ihm mit einem Mal ein inneres Bild vor Augen:

Es war ihm war als sähe er unseren kleinen blauen Planten vom Weltall aus. Auf ihm wimmelte es von Menschen in etwa wie von Ameisen auf einem Ameisenhaufen. Das Absurde an dem Anblick war, dass alle so taten, als wüssten sie genau, worauf es im Leben ankommt – sie funktionierten fast wie ferngesteuert – , obwohl doch keiner sagen konnte, warum die Welt überhaupt existiert und wir in ihr, warum sie gerade so und vielmehr nicht ganz anders ist.

Handauflegung durch Bischof Glettler

[Sinnfrage]

In diesem Augenblick war unserem jungen Mann, als würde er aus einem lebenslangen Schlaf erwachen. Mit einem Schlag stand ihm die abgründige Rätselhaftigkeit menschlichen Daseins vor Augen. Ein tiefes Staunen erfasste unseren Jugendlichen und veränderte fortan seinen Blick auf das Leben und die Welt. Er begann sich für die großen Fragen der Menschheit zu interessieren: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn?

Die eben angedeutete Erfahrung war zwar keine ausdrücklich religiöse Erfahrung gewesen, aber sie öffnete ihm die Augen für die Bedeutung des Glaubens. Es dauerte nicht lange bis ihm immer klarer wurde, dass die Antwort auf die großen Fragen, wenn es denn überhaupt eine befriedigende Antwort gibt, mit dem zu tun hat, was die Menschen „Gott“ oder vielleicht „das Geheimnis der Welt“ nennen.

Er hätte wirklich nicht sagen können, wie es vor sich gegangen ist: aber unversehens kehrte der Gottesglaube (in Gestalt tiefen Staunens über das Wunder unser Dasein) in sein Leben zurück.

C. S. Lewis

[Christusfrage]

Der Weg zu Gott war gefunden, noch nicht aber der Weg zu Christus… Einer seiner Mitschüler namens Marco, der heute ebenfalls unter uns ist, hatte in eben dieser Zeit auf anderen Wegen zum Glauben gefunden. Nun war unserem jungen Mann war nicht entgangen, dass sein Schulfreund sich mit großer Ernsthaftigkeit religiöser Lektüre widmete. Da sich ihm die Frage stellte, wie er sich zum christlichen Glauben, insbesondere zur Person und Gestalt Jesu verhalten sollte, bat er seinen Schulfreund um einen Literaturtipp.

Ich weiß noch gut, dass Marco ihm damals das Buch „Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben“ von C. S. Lewis empfahl und ausborgte. Es handelt sich um einen bedeutenden britischen Intellektuellen und Literaturwissenschaftler, der sich in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter großem Aufsehen der akademischen Öffentlichkeit zum christlichen Glauben bekehrt und später vielbeachtete apologetische Schriften desselben verfasst hatte. C. S. Lewis macht in diesem Werk deutlich, dass die Gestalt Jesu, wie sie in den Evangelien gezeichnet wird, eine gottgegebene Vollmacht für sich beansprucht, die uns vor eine Entscheidung stellt: die Entscheidung, Jesus entweder für einen perfiden Betrüger bzw. religiösen Psychopathen zu halten oder ihn in seinem übermenschlichen Anspruch ernst zu nehmen.

Nach der Lektüre dieses Buches waren zwar nicht alle Fragen unseres Gottsuchers beschwichtigt; gleichwohl fasste er den Entschluss, dass es allemal einen Versuch wert war, sich auf Jesu Lehre einzulassen und bei ihm in die Schule zu gehen. Ich entschied mich, Jesus in meinem Leben eine Chance zu geben.

Prostratio wärhend der Allerheiligenlitanei

[Theologiestudent]

Mit etwa 17 stand dann auch meine Studienwahl fest: die einzigen Studienfächer, die Aussicht auf Vertiefung der großen Menschheitsfragen boten, waren Philosophie und Theologie. Sorgenvolle Einwendungen, eine solche Studienwahl böte keine besonders glänzenden Berufsaussichten, konnten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verunsichern. Ich hatte zumindest anfanghaft die Erfahrung machen dürfen, dass der Glaube aus der ängstlichen Sorge um sich selbst befreit. Er erfüllte mich mit der Zuversicht, dass Gott, wenn er sich nur in seinen Dienst stellte, Verwendung für ihn haben würde. Ganz im Sinn des Herrenworts: „Sucht zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch dazugegeben werden!“

Primizmesse am 1. Juli 2018 in der Pfarrkirche Bergheim bei Salzburg

[Franziskaner]

So begann ich also mit dem Studium und trat in eine für mich neue Welt ein. Ein befreundeter Schachkollege, der sich später übrigens in Bergheim niedergelassen hat, fragte mich nach dem ersten Semester, ob ich nicht Lust und Zeit hätte, mit ihm einmal ein paar Tage in einem Kloster zu verbringen. Auf meine Frage, wann wir das denn machen könnten, meinte er nur: „Ich habe gerade Urlaub.“

Da ich der Theologe sei, wäre es – so meinte er – an mir, die Sache in die Hand nehmen. Die Frage war nun: Wohin sich wenden? Mein erster Gedanke war, im Benediktinerstift St. Peter in Salzburg anzurufen, vielleicht weil die Mehrheit der in Salzburg studierenden Ordensleute Benediktiner waren. Dass das Stift im Telefonbuch nicht unter „B“ wie Benediktiner, sondern „S“ wie St. Peter zu finden war, wusste ich leider nicht – vielleicht muss man sagen: Gott sei Dank nicht. Mein zweiter Gedanke war: Man könnte es einmal mit „F“ wie Franziskaner versuchen. Diesmal wurde ich fündig und vereinbarte einen Termin mit einem Mitbruder namens P. Johannes, der damals für die Franziskaner-Studenten zuständig war.

Bei unserem Zusammentreffen eröffnete ich ihm, dass ich gewiss nicht die Absicht hätte, einzutreten, aber gerne einmal ein paar Tage mitleben würde, um einen Eindruck vom Ordensleben zu erhalten. Ich hatte keine wirkliche Vorstellung davon, was mich erwartete. Ich war auf das Schlimmste gefasst: in einen Club von religiösen Spinnern oder warmen Brüdern zu geraten; zugleich war ich aber dafür offen, mich positiv überraschen zu lassen. Was ich suchte, war eine Gemeinschaft von Menschen, die nicht nur eine Stunde in der Woche, sondern jeden Tag und jede Stunde ihres Lebens Gott suchen; Menschen, die wirklich ernst machten mit dem Glauben.

Franziskanerkirche Salzburg

[Persönliches Pfingsten]

Die Tage, die ich im Salzburger Franziskanerkloster verbringen durfte, waren für mich Tage der Gnade. Schon früher hatte ich im Rosenkranz oder Jesusgebet, etwa bei ausgedehnten Spaziergängen, immer wieder eine tiefe Liebe zu allen mir begegnenden Menschen verspüren dürfen; in diesen Tagen war sie aber besonders intensiv.

Die Tage im Kloster waren aber auch Tage, in denen meine befreundeter Schachkollege und ich viel Spaß hatten. Ein jüngerer Mitbruder lehrte uns nicht nur, wie man den Dienst am Altar verrichtet – ich hatte bis dahin noch nie in meinem Leben ministriert –, sondern im Speisesaal auch diverse Tanzschritte, was meinen Schachkollegen freilich mehr interessierte als mich.

[Berufung?]

Bis dahin war es mir nie (auch nur für einen Augenblick) in den Sinn gekommen darüber nachzudenken, ob der Weg des Ordenslebens oder gar des Priestertums etwas für mich sein könnte. Als ich jedoch zu Ostern und Pfingsten wieder ein paar Tage im Franziskanerkloster mitlebte, stand diese Option mit einem Mal mit voller Wucht im Raum. Ich erinnere mich noch gut, wie ich aufgewühlt in meiner Gastzelle auf- und abmarschierte, um meine Gedanken zu ordnen.

Bis dahin hatte es zu meiner Vorstellung von einem glücklichen Leben gehört, eine Partnerin für´s Leben zu finden und mit ihr womöglich eine Familie zu gründen. Nun aber tat sich mir, der ich gerade meinen 19. Geburtstag gefeiert hatte, im Licht dieser Erfahrungen ein ganz neuer und unerwarteter Weg auf, der mir eine Entscheidung abverlangte.

Was ist eine Berufung zum Ordensleben? – so fragte ich zunächst mich und dann den für die studierenden Franziskaner zuständigen P. Johannes. Bedarf es dazu eines besonderen Berufungserlebnisses, das ich vielleicht nicht aufweisen könnte? Zu meiner Überraschung erhielt ich die etwas genervte, launige Antwort: „Berufung ist Eignung und Neigung. Die Neigung musst du selbst mitbringen, die Eignung prüfen wir.“ Bum! Rückblickend weniger eine ernüchternde als eine nüchterne Antwort, die mich vor schwärmerischen Vorstellungen bewahrte.

[Abenteuer]

Noch im Frühsommer desselben Jahres schloss ich einen kleinen Pakt mit dem Herrn. Ich sagte mir bzw. ihm: Wenn mir die tiefe Freude an dieser Lebensform weiterhin erhalten bleibt, dann will ich das als Zeichen nehmen, dass ich diesen abenteuerlichen Weg weiterverfolgen soll.

Nach den (Ordens)Ausbildungsjahren des Postulats und Noviziats in Tirol kam ich wieder nach Salzburg zurück, wo ich meine Studien wieder aufnahm – nicht ahnend, dass sie schier nicht mehr enden würden. Seither sind fast 20 Jahre vergangen. Wenn ich zurückschaue, lassen sie sich in drei Phasen unterteilen – damit möchte ich schließen –, in denen ich verschiedene Schwerpunkte gesetzt habe:

Dankesworte nach der Priesterweihe

[Rück- und Ausblick]

(1) In den ersten Jahren meines Ordenslebens konzentrierte ich mich vor allem auf die Einübung in das kontemplative Gebet, auf den Wandel in der Gegenwart Gottes, der eine unerschöpfliche Quelle tiefer Freude ist.

(2) Ein paar Jahre später kam ein Apostolat für die Jugend dazu. Sehr oft besuchte ich Schulklassen oder empfing sie für Klosterführungen. (Später gab ich dann auch einige Jahre Religionsunterricht an unserem ordenseigenen Gymnasium in Hall). Wofür ich zutiefst dankbar bin, waren die Freundschaften, die in der Begleitung einer Jugendgruppe gewachsen sind. Es freut mich sehr, dass einige heute mit ihren Gatten und Kindern mit dabei sind. Das ist mich eine große Freude! Als Franziskaner und Priester ist es sehr ermutigend, solche jungen christlichen Familien zu begleiten.

(3) Es folgte eine dritte Phase, in der ich mich dem Studium der Theologie und Philosophie widmete. Sie führte mich von Salzburg nach Innsbruck und von dort nach Oxford und schließlich nach Würzburg, wo ich die letzten 6 Jahre als Philosoph tätig war. In dieser Zeit entstanden 3 Bücher und etwa zwei Dutzend Artikel, welche die Grundlage für die Übernahme einer Professur waren.

(4) Eine vierte Phase liegt vor mir, in der sich die vorausgehenden bündeln und vertiefen: das Wirken als Priester in der Sendung des Herrn. Ich weiß zwar, dass ich ab Herbst eine Professur für Philosophie in Chur in der Schweiz übernehmen und angehende Theologen in die Welt der Philosophie einführen werde; aber ich weiß noch nicht, auf welchen Wegen mich der Herr als Priester führen möchte.

Ich bitte euch daher um euer begleitendes Gebet, damit ich den Ruf des Herrn höre, wenn er mich ruft, und die Kraft habe, ihm zu folgen, wohin immer er mich ruft.

P. Dominikus Kraschl OFM 

P. S.: Seit 2025 ist P. Dominikus Professor für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien und Mitglied des Franziskanerkonvents Wien

Spendung des (Einzel)Primizsegens
Maria Hilf-Bild im Dom zu St. Jakob

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