Im Gespräch mit P. Dominikus Kraschl OFM

Lesedauer etwa 9 Minuten
Anlässlich seiner Priesterweihe

 

Antonius: Wann war dir klar, dass du Priester werden möchtest?

P. Dominikus: In meinem Fall war der Priesterberuf kein Kindheitstraum. Priorität hatte für mich die Berufung zum Ordensleben, die Frage nach dem Priestertum hat sich erst im Orden gestellt.

Was hat Dich dazu bewegt, den Weg zum Priester einzuschlagen?

Die Alternative wäre in meinem Fall gewesen, mich noch ausschließlicher auf die akademische Tätigkeit zu konzentrieren. Mir ist im Laufe der letzten Jahre allerdingst bewusst geworden, dass in der Welt der Wissenschaft oft weniger die gemeinsame die Wahrheitssuche als das Bedürfnis im Vordergrund steht, Karriere zu machen und sich zu profilieren. Mir ist zunehmend bewusst geworden, dass ich wieder mehr den Weg zu jenen suchen muss, die Sehnsucht haben, den lebendigen Gott kennenzulernen

Wie hat dein Umfeld (Eltern/Freunde/Verwandte) darauf reagiert?

Sie waren erfreut und überrascht! Nachdem ich die Priesterweihe für einige Jahre aufgeschoben hatte, um mich neben der Lehrtätigkeit ganz den Doktorrats- und Habilitationsstudien widmen zu können, glaubten sie, die Weihe sei für mich kein Thema mehr.

Hattest du ein Berufungserlebnis?

Nein, kein spezifisches.

Hast du mit deiner Entscheidung nie gehadert?

Nein. Gott sei Dank nicht.

Warum hast du dich entschieden, Ordenspriester zu werden?

Weltgeistlicher zu werden ist mir als Jugendlicher eigentlich nie in den Sinn gekommen; vielleicht weil ich unsere Pfarrer vor allem als Verwaltungsbeamte im kirchlichen Dienst wahrgenommen habe. Mit dem Ordensleben habe ich dagegen das Projekt konsequent gelebter Spiritualität verbunden, was mich interessiert und fasziniert hat. Bei mir stand, wie gesagt, nicht das Priestertum, sondern das Ordensleben am Anfang meines Berufungswegs. Wenn man den Weg des Ordenslebens dann in Richtung Priestertum weitergeht, sind die Weichen zum Ordenspriester eigentlich schon gestellt.

Was ist der Unterschied zwischen Ordens-, Weltpriester und Pfarrer?

Nicht alle Priester sind Pfarrer, aber alle Pfarrer sind Priester. „Priester“ bezeichnet einen Stand, „Pfarrer“ dagegen ein Amt: das Amt der Gemeindeleitung. Es können sowohl Welt- als auch Ordenspriester innehaben. Ordenspriester sind im Unterschied zu Weltpriestern nicht dem Bischof, sondern dem Provinzial unterstellt und leben für gewöhnlich in einer Ordensgemeinschaft. Dem Bischof gegenüber sind sie nur insofern zum Gehorsam verpflichtet, als sie (mit Zustimmung des Provinzials) Aufgaben in seiner Diözese übernehmen.

Warum bist du Franziskaner geworden?

Entscheidend war in meinem Fall, dass ich die Franziskaner im Laufe des Theologiestudiums kennengelernt und für einige Tage in Salzburger Konvent mitleben durfte. Ich wollte mich einige Tage in die Stille zurückziehen und außerdem einen Einblick bekommen, wie Ordensleben konkret aussehen könnte. Die Absicht einzutreten, hatte ich damals noch nicht. Nachdem mich das klösterliche Leben aber mit tiefer Freude und Frieden erfüllt hat, habe ich mich irgendwann gefragt: Warum eigentlich nicht?

Was fasziniert dich an der Person des hl. Franz von Assisi?

Seine glühende Christusliebe. Sie hat ihn seinem Herrn so sehr gleichgestaltet, dass er von seinen Zeitgenossen ein „alter Christus“, ein anderer Christus, genannt wurde.

Was heißt es für dich, Jesus nachzufolgen?

In seine Schule zu gehen. Sich immer wieder neu und geduldig in Jesu Leben, Sterben und Auferstehen zu vertiefen, um zu lernen, was es heißt, wahrer Mensch zu sein und vollkommen zu lieben.

Auf welche Aufgabe als Seelsorger freust du dich am meisten?

Die heiligen Mysterien unserer Erlösung zu feiern. Und das Wort Gottes für die Menschen auslegen zu dürfen.

Welche Voraussetzungen muss ein Priester heute mitbringen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich viel gewandelt. In vielen Pfarrhäusern gab es, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Lebensgemeinschaft, die aus einem Pfarrer, ein bis zwei Kaplänen und einer Pfarrhaushälterin bestand. Ich glaube, dass es heute ein gerütteltes Maß an Entschiedenheit und Erfahrung bedarf, um ein gelingendes Priesterleben zu führen. Entschiedenheit braucht es, um die Beziehung zu Christus und das geistliche Leben nicht zu vernachlässigen. Erfahrung braucht es, um mit den eigenen Grenzen und Bedürfnissen gut umgehen zu können.

Worauf führst du den Priestermangel in Europa zurück?

Für den Rückgang der Priesterberufungen gibt es sehr viele Gründe. Eine wichtige Rolle spielen zunächst demographische Entwicklungen. Die Geburtenrate in Europa liegt gegenwärtig bei etwa 1,5 Kindern. Darüber hinaus ist die Zahl der Familien, in denen Gott im Zentrum steht, in den letzten Jahrzehnten dramatisch eingebrochen. Dazu kommen sozio-kulturelle und ökonomische Entwicklungen, die nicht nur zu einer eher hedonistischen Lebenseinstellung, sondern auch zu einem massiven Ansehensverlust des Priesterberufs geführt haben. In Bezug auf das Thema sollte man nicht übersehen, dass wir im Verhältnis zu den praktizierenden Katholiken heute nicht weniger Priester als früher haben. Wie viele Jugendliche und jüngere Erwachsene finden sich einem durchschnittlichen Sonntagsgottesdienst ein? Nicht selten fehlen sie ganz oder lassen sie sich an einer Hand abzählen.

Viele sehen in der Abschaffung des Pflichtzölibats bzw. der Weihe von „bewährten, verheirateten Männern“ einen Weg, dem Trend gegenzusteuern. Du auch?

Dahinter steht das verständliche Anliegen, die gewachsenen Pfarrstrukturen aufrechterhalten zu können. Ich halte es dennoch für keine gute Lösung. Das dahinterstehende Denken ist mir zu wenig der Logik des Evangeliums und zu sehr der Logik menschlicher Machbarkeit verhaftet. Die Zahl der Berufungen zum ehelosen Priestertum spiegelt bis zu einem gewissen Grad die Lebendigkeit des Glaubens der Menschen wider. Ein Blick in die protestantischen Kirchen, in denen der Kirchenbesuch noch niedrige ist als bei uns, lehrt: Mehr Priester nützen nicht viel, wenn im Volk keine Bereitschaft vorhanden ist, Gott im allem den Vorrang und so die Ehre zu geben. Ich vermisse in all den Diskussionen, die heute geführt werden, dass wir uns auf die Brust schlagen und bekennen: „Wir haben nicht mehr Priester, weil wir gar nicht mehr verdienen. Wir sind lau geworden und dürfen uns deshalb nicht wundern, wenn wir bittere Früchte ernten!“ So ähnlich würden die biblischen Autoren, meine ich, gesprochen haben.

Welchen Stellenwert haben Laien bzw. sollten Laien in der Seelsorge haben?

Die Seelsorge fängt in der eigenen Familie an. Sie darf dort freilich nicht aufhören, weil schließlich alle Menschen unsere Brüder und Schwestern sind. Die wichtigste Aufgabe besteht darin, die Menschen zum Glauben, zum Gebet und zum Leben aus dem Wort Gottes hinzuführen. Es war nie so und wird nie so sein, dass diese Aufgabe vornehmlich von geweihten Amtsträgern übernommen werden kann. Verkündigung und Seelsorge geschieht zunächst in der Familie und unter Freunden. Die Aufgabe der Amtsträger besteht dann darin, den Glauben der Menschen zu stärken.

Was kann die Kirche tun, um junge Menschen wieder stärker für den Glauben zu begeistern?

Wir meinen oft: Wir haben doch eine schöne Message, ein tolles Produkt. Wenn wir´s nur zeitgemäß verpacken, dann wird´s schon Nachfrage geben. Diese Logik dies Marketing funktioniert im Fall des Glaubens aber nicht. Wenn das Feuer des Glaubens nicht in uns brennt, können wir niemand anstecken. Wir müssen bei uns selbst anfangen. Wir müssen uns aus allen Kräften bemühen, Gott an die erste Stelle zu stellen, indem wir dem Gebet nichts vorziehen und uns entschieden in den Dienst Gottes stellen. Wenn wir uns nicht selbst bekehren, dürfen wir nicht erwarten, dass sich Menschen in unserem Umfeld bekehren.

Wie sehen deine persönlichen Zukunftspläne aus? Wo siehst du dich in 5 Jahren?

Für mich beginnt jetzt in zweifacher Hinsicht ein neuer Lebensabschnitt: Zum einen aufgrund der Weihe und zum anderen, weil ich nach sechs Jahren Lehrtätigkeit in Würzburg und Münster ab September eine Professur für Philosophie in Chur in der Schweiz übernehmen werde. Wo sehe ich mich in fünf Jahren? An meiner akademischen Tätigkeit wird sich nach menschlichem Ermessen so schnell nichts ändern. Darüber hinaus möchte ich mich auf die eine oder andere Weise in die Studentenseelsorge einbringen. Was sich darüber hinaus ergibt, wird man sehen. Die Wege des Herrn sind unergründlich.

Wie gehst du mit der Unsicherheit über deinen künftigen Wohnort (Kloster) und Aufgabenbereich um?

Wenn man eine wissenschaftliche Laufbahn verfolgt, dann weiß man tatsächlich nicht, ob, wie und wo es nach einer befristeten Anstellung weitergeht. Die damit verbundenen Unsicherheiten belasten viele Nachwuchswissenschaftler. Als Franziskaner hat man es da etwas leichter: Wenn man keine Familie hat, ist es beispielsweise leichter, mehrmals den Wohnort zu wechseln. Außerdem hängt nicht alles davon ab, ob die Pläne aufgehen oder nicht. Im Reich Gottes gibt stets mehr als genug zu tun!

Hast du schon Erfahrung in der Gemeindearbeit gesammelt?

Im Noviziatsjahr waren wir Novizen in das Leben der Klosterpfarre Reutte eingebunden. Auf diese Weise konnten wir in der Pfarrseelsorge erfahrenen Mitbrüdern auf die Hände schauen und darüber hinaus vielfältige eigene Erfahrungen machen. Aufgrund meiner Tätigkeit an der Theologischen Fakultät wich nicht voll in die Gemeindearbeit einsteigen können. Für mich stellt sich eher die Frage, wie ich meine philosophischen und theologischen Kompetenzen in die Seelsorge einbringen kann; hier gibt es ein weites Feld von Möglichkeiten.

Wo wird deine erste hl. Messe als Priester (Primiz) stattfinden?

Eine Woche nach der Weihe wird es zunächst eine Klosterprimiz im Innsbrucker Franziskanerkonvent geben. Meine Heimatprimiz in Bergheim bei Salzburg feiere ich eine Woche danach.

Was ist dein Lieblingsgebet/Bibelzitat?

Eine Bibelstelle, die tröstlich und wegweisend finde, lautet: „Seid nicht traurig. Macht euch keine Sorgen. Denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!“

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P. Dominikus Kraschl (*1977) wuchs als ältestes von vier Geschwistern in Bergheim bei Salzburg auf. Während des Theologiestudiums lernte er die Franziskaner kennen. Nach dem Ordenseintritt studierte er Fachtheologie, Philosophie und Religionspädagogik in Salzburg. Nach seiner Promotion im Fach Fundamentaltheologie war P. Dominikus von 2007 bis 2011 als Religionslehrer eingesetzt, drei Jahre davon am Franziskanergymnasium Hall. 2010 schloss er eine zweite Promotion im Fach Christliche Philosophie in Innsbruck ab. Seit 2012 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Würzburg im Fach Philosophie tätig, wo 2016 auch die Habilitation erfolgte. 2017 wurde er zum Professor für Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster ernannt.

„Im Gespräch mit P. Dominikus Kraschl“ erschien zuerst in: ANTONIUS. Franziskanisches Magazin für Evangelisierung und Leben (4/2018), S. 10-13

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