Predigt zum Semestereröffnungsgottesdienst (Joh 10,11-16)

Lesedauer etwa 7 Minuten

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel: »Berufen zur Teilhabe am Hirtendienst Jesu«. Semestereröffnungsgottesdienst der KThF Würzburg. In: AUSTRIA FRANCISCANA, Nr. 19 (2018), S. 106-108

Predigt zum Semestereröffnungsgottesdienst (Joh 10,11-16)

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Im Leben, auch im studentische Leben, gibt´s kurz-, mittel- und langfristige Ziele: Den nächsten Prüfungsschein zu erwerben könnte ein Beispiel für ein kurzfristiges Ziel sein. Ein mittelfristiges Ziel wäre etwa der Studienabschluss oder der Erwerb nötiger Berufsqualifikationen. Das heutige Evangelium lenkt unseren Blick auf ein längerfristiges Ziel hin. Denn eines ist sicher: Ob ihr einmal in der Schule unterrichtet, in der Pastoral arbeitet oder vielleicht sogar an der Universität forscht: Es werden euch Menschen auf ihrem Lebens- und Glaubensweg anvertraut-sein, so dass ihr Hirtendienst Jesu teilhaben werdet. Um diesen Hirtendienst ausüben zu können, sind intellektuelle Qualifikationen ebenso wie praxisbezogene Kompetenzen von großem Wert. Aber sie allein genügen nicht.

An Jesus, dem guten Hirten, Maß nehmen

Wer sich im Namen des Herrn senden lässt, seine Lämmer zu weiden (Joh 21,15-17) – das gilt sowohl für Religionslehrer, Pastoralreferentinnen, Pfarrer oder Theologieprofessoren –, der darf dies nicht halbherzig tun, sondern muss an Jesus, dem Urbild des guten Hirten, Maß nehmen. Was aber bedeutet das konkret? Wie so oft, fängt es beim Geld an. Manchmal stell ich mir die Frage, ob ich das, was ich tue, auch dann tun würde, wenn ich dafür nichts oder viel weniger bekäme? Ich denke da etwa an zwei deutsche Franziskaner – beide Theologieprofessoren –, die sich nach dem Ende des 2. Weltkriegs freiwillig für mehrere Jahre in ein französisches Gefangenlager in der Nähe von Cluny begeben haben, um die dort zusammengefassten Kleriker in der heiligen Theologie zu unterrichten. Wäre auch ich bereit, meinen Dienst für Gottes Lohn zu verrichten, wenn´s dafür einen Grund dafür gibt? Wenn es nicht so wäre, dann müsste ich mir die Frage gefallen lassen, ob ich am Ende vielleicht nur ein bezahlter Knecht bin, der seine eigenen Schäfchen ins Trockene bringen will, der wegläuft, sobald es nichts mehr zu holen gibt.

Der bezahlte Knecht, dem an den Schafen nicht viel liegt

Es hat gewiss viele Vorteile, dass die Kirche in unseren Breiten wohlhabend und in Kooperation mit dem Staat ein guter Arbeitgeber ist. Aber abgesehen davon, dass es damit, wie wir wissen, schnell vorbei sein kann, sind auch Gefahren damit verbunden. Das heutige Evangelium weist eindringlich auf sie hin: Der bezahlte Knecht lässt die Schafe im Stich, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt und zerstreut sie. Diese Wölfe kommen übrigens, und das macht sie mitunter besonders gefährlich, manchmal im Schafspelz daher. Sie erscheinen zunächst ganz harmlos, schläfern uns ein und dann erst packen sie plötzlich zu.

Wessen Anerkennung suche ich?

In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass es nicht nur um finanziellen, sondern mindestens so sehr um sozialen Lohn geht. Wer an Jesus, dem guten Hirten, Maß nehmen will, muss sich deshalb die Frage stellen, wessen Anerkennung er sucht. Es muss sich fragen: Werde ich – gegen alle Zwänge politischer Korrektheit – angesichts einer, wie es Papst Johannes Pauls II. etwas zugespitzt formuliert hat, Kultur des Todes für die gesunde katholische Lehre eintreten, ob man es hören will oder nicht? Wir dürfen uns nichts vormachen: Die Zeiten werden härter, der gesellschaftliche Gegenwind rauer.

Gesellschaftlicher Gegenwind

Ich möchte das ein paar kleinen Beispiele verdeutlichen: Im April dieses Jahres wurde einer Lehrerin in Berlin von der Schulleitung mit Berufung auf das dort geltende Neutralitätsgesetz untersagt, im Unterricht ein Kreuz um den Hals zu tragen. Dieses Beispiel betrifft die Religionsfreiheit, aber auch die Gewissensfreiheit ist bedroht: Im März musste in Norddeutschlad ein Chefarzt eine Privatklinik verlassen, weil er sich geweigert hatte, Abtreibungen durchzuführen, obwohl im vorher zugesichert worden war, dies nicht tun zu müssen. Schließlich ist sogar die Meinungsfreiheit bedroht: Das französische Parlament hat Mitte Februar einem Gesetzesentwurf zugestimmt, demzufolge das Betreiben von Pro-Life-Websiten mit Gefängnis bis zu zwei Jahren und einer Geldstrafe bis zu 30.000 Euro bestraft werden kann. Das ist der Fall, wenn man, wie sie es nennen, „Fehl-Informationen“ zur Abtreibung verbreitet. Ähnlich in Belgien. Dort wurde im März an der Katholischen Universität Löwen ein Philosophie-Dozent suspendiert, nachdem er den Studierenden einen Aufsatz zum Lesen gegeben hatte, indem ein Recht auf Abtreibung in Frage gestellt wird. Die Begründung der Uni-Leitung? Da Abtreibung im belgischen Recht verankert sei, stünden seine Aktivitäten angeblich „im Widerspruch zu den tragenden Werten der Universität“. Seltsame Werte, kann man nur sagen. Seltsam, das man bei uns so wenig davon zu lesen und hören bekam. Bezeichnend auch, dass es keinen Aufschrei europäischer Politiker gab, die sonst wegen jedem rechtspopulistischen Lüftchen alle Alarmglocken läuten und im nächsten Augenblick ein Plädoyer für die Menschrechte anstimmen.

Wohin führen diese Entwicklungen? Was können, was sollen wir als Christen tun? – Darauf gibt es sicher keine einfache Antwort. Ich meine aber, wir müssen vor allem einmal aus dem Schlaf erwachen. Und dann müssen wir uns wie Petrus fragen lassen, ob wir Jesus lieben und bereit sind, ihm zu folgen, wohin immer er uns auch führt. Ich muss mich fragen, ob ich, wenn´s sein muss, bereit, bereit bin, im Gehorsam gegenüber Gewissen & Evangelium Repressalien zu erleiden oder sogar zivilen Ungehorsam zu leisten? Oder schweige ich, paralysiert vor lauter Angst. Oder heule ich am Ende vielleicht sogar mit den Wölfen, in dem ich den Zeitgeistern hinterherlaufe und diese mit den Zeichen der Zeit verwechsle?

Wer am Hirtendienst Jesu teilhat, der muss vor allem etwas verlieren oder überwunden: die Menschenfurcht. Wer Hirte sein will, der darf sich des Evangeliums nicht schämen (Röm 1,16). Er muss sich vom Hl. Paulus ins Stammbuch schreiben lassen: „Wollte ich noch Menschen gefallen, ich wäre kein Knecht Christi“ (Gal 1,19).

Wie kann ich lernen, an Jesus, dem guten Hirten, Maßen zu nehmen? Das ist die entscheidende Frage. Ich möchte mit drei Hinweisen schießen, die uns das Evangelium gibt:

Erstens gilt es, sich oft und geduldig in die Gestalt Jesu Christi zu vertiefen: sein Leben, seine Lehre und sein Leiden. Wer am Hirtendienst Jesu teilhaben will, dem ist es aufgetragen, mit seinen Augen sehen und seinem Herzen fühlen zu lernen, um mit ihm das Leben hinzugeben für die Brüder und Schwestern. Nur wenn wir durch diese enge Tür der Gleichgestaltung mit Christus gehen, diese Tür, die er selbst ist, werden wir Zugang zu den Herzen der Menschen finden.

Zweitens gilt es, über das beruflich geforderte hinaus, bei den Menschen und für sie da zu sein. Bei jenen, die ausdrücklich glauben, aber auch bei jenen, die noch auf dem Weg dorthin sind, die nicht aus dem Stall der praktizierenden Christen sind. Der gute Hirt kennt die Seinen und die Seinen ihn. Sie kennen seine Stimme und folge ihm, wohin er auch geht.

Drittens tun wir gut dran, in steter Zwiesprache mit dem Herrn zu leben. Ihm immer und überall für alles zu danken – auch und gerade für Schwierigkeiten. So werden wir an seinem Gottesverhältnis teilhaben, im Vertrauen auf Gott wachsen und die Angst um uns selbst Schritt für Schritt überwinden können.

Machen wir uns nichts vor! Der Jünger kann nicht davon ausgehen, dass ihm besser gehen muss als dem Meister. Jesus ist in diesem Punkt sehr klar: Wer nicht das Marterholz des Kreuzes auf sich nimmt, wer nicht bereit ist, sein Leben hinzugeben – bis hin zum Martyrium –, der kann nicht sein Jünger sein — und schon gar nicht Hirte an seiner statt. In den Augen der Welt, für die das Kreuz eine Torheit ist, mag das unverständlich erscheinen. Die Augen des Glaubens sehen weiter. Sie richten sich am Gekreuzigten auf, welcher „der Weg, die Wahrheit und das Leben ist“ (Joh 14,6).

Er ruft uns zu: „Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. Amen, ich sage euch: Viele Propheten & Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“ (Mt 13,16f). „Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ (Mt 11,6). Du aber komm und folge mir nach! Amen.

P. Dominikus Kraschl OFM

 

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