Begräbnisansprache

Lesung: 1 Thess 4,13-18; Evangelium: Joh 14,1-6
Thema: Gewandelte Beziehung (Ansprache für verstorbene Schwester/Mutter/Großmutter beim Wortgottesdienst einer Begräbnisliturgie)
Zuerst erschienen in: GOTTES WORT IM KIRCHENJAHR, Das Werkbuch für Verkündigung und Liturgie, Bd., Würzburg 2017, S 237-238
Liebe Trauergemeinde!
Wir haben uns vor dem Sarg versammelt. Der Sarg – ein Sinnbild des Todes. Unser geistiges Auge blickt freilich (zurück) auf ein Leben, das nun zu Ende gegangen ist: das Leben Ihrer geliebten Mutter, Schwester, Großmutter und Freundin.
In dieser Feier dürfen wir gemeinsam all das zum Ausdruck zum Ausdruck bringen, was uns in dieser Stunde bewegt und wovon unser Herz voll ist:
- Zunächst und vor allem Trauer über den Verlust eines sehr lieben Menschen;
- unter sie mischt sich tiefe Dankbarkeit für das Gute, das jeder und jede von Ihnen durch N.N. empfangen hat;
- da ist aber auch Ergriffenheit vor dem Mysterium des Todes, der uns mit der Fraglichkeit des menschlichen Daseins konfrontiert;
- Lesung und Evangelium haben uns darüber hinaus mit einer Perspektive der Hoffnung konfrontiert: der Hoffnung, dass N.N.s Tod nicht Ende, sondern Vollendung bedeutet;
- und natürlich haben wir den Wunsch, Abschied zu nehmen von der Verstorbenen und ihr unser letztes Geleit zu geben.
Auf drei der genannten Momente darf ich kurz eingehen:
(1) Fraglichkeit: Wenn einen geliebter Mensch das Schicksal des Todes ereilt, dann kommt uns unweigerlich zu Bewusstsein, was wir irgendwie zwar wissen, im Alltag aber nicht selten vergessen oder vielleicht sogar verdrängen: Nämlich, dass unser Dasein rätselhaft ist, dass wir uns eine große Frage sind: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn? Auf diese Fragen müssen wir Stellung nehmen – mit unserem Leben.
Angesichts des Todes eines geliebten Menschen kommt uns darüber hinaus zu Bewusstsein, dass wir in dieser Welt keine letzte Beheimatung haben. Wir sind dieser Welt fremder geworden: Mit dem geliebten Menschen stirbt allem Anschein nach auch ein Teil von uns selbst: die Beziehung, die uns mit ihm verbindet.
Angesichts des Todes wird schließlich die Frage virulent: Welchen Sinn hätte ein menschliches Leben, wenn alle Sehnsucht, wahrhaft zu lieben letztlich ohne Erfüllung bliebe, wenn der alles gleich und gleichgültig machende Tod das letzte Wort über unser Leben hätte?
(2) Hoffnung: Sie trauen um Ihre geliebte Freundin, Schwester, Mutter und Großmutter. Aber Sie tun dies nicht wie Menschen, die keinerlei Hoffnungsperspektive haben, weil sie die christliche Botschaft nicht kennen. Vielmehr trägt jeder und jede hier die mehr oder weniger deutliche Hoffnung in sich, dass der Tod N.N.s für sie nicht Ende, sondern Vollendung bedeutet.
N.N. hatte einen klaren Blick für diese Zielperspektive. Alle Begegnungen in diesem Leben sind, so wusste sie, sind eine verhüllte Vorbereitung für die eine und entscheidende Begegnung unseres Lebens.
Wir dürfen annehmen, dass N.N. diese Begegnung bereits zuteil geworden ist. Wir dürfen hoffen, sie das alles verwandelnde und verklärende Licht der Liebe des dreifaltigen Gottes bereits von Angesicht zu Angesicht geschaut hat und in sie eingegangen ist.
(3) Abschied: Wir nehmen jetzt Abschied von N.N. Wir geben ihr, wie man zu sagen pflegt, unser letztes Geleit. Der Abschied ist endgültig – und doch wieder nicht: denn wir hoffen auf ein Wiedersehen.
Und wenn ich vorhin gesagt habe, dass mit dem Tod allem Anschein auch die Beziehung, die uns mit einem Menschen verbindet, zunichte wird, dann gilt das für den Glaubenden nur bedingt: Für ihn bricht die Beziehung bricht nicht einfach ab, sondern wird gewandelt. Für ihn gibt es ein Band zwischen Lebenden und Verstobenen, das selbst der Tod nicht zerreißen zu vermag!
Ihre geliebte Schwester, Mutter und Grußmutter ist aus diesem Leib ausgewandert, um „für immer beim Herrn zu sein“ (1 Thess 4,17). Sie ist dort, so hoffen wir, glücklich mit jenen wiedervereint, die ihr vorausgegangen sind – ihren Eltern, Geschwistern und ihrem Gatten. Aber nicht nur das. Obwohl sie uns entzogen ist, tut sie beim Herrn auch etwas für uns. Sie tut etwas, was sie als liebevolle Mutter und Ehefrau bereits auf Erden getan hat: Sie hilft dem Herrn – wie es im Evangelium zur Sprache kam (vgl. Joh 14,2-3) – eine Wohnung für uns vorzubereiten!
N.N.s Tod hat die Welt für uns Zurückgebliebene ein Stück fremder gemacht. Aber er erinnert uns auch daran, dass unsere wahre Heimat im Himmel ist, wie der Apostel Paulus sagt (vgl. Phil 3,20), und dass wir dort erwarten werden.
Möge N.N. Ihnen eine Fürsprecherin im Himmel werden, die Ihnen hilft den Weg, die Wahrheit und das Leben zu finden: in dieser und in der kommenden Welt!
P. Dominikus Kraschl OFM
