Fundamentaltheologie und Spiritualität
Zu einem klärungsbedürftigen Verhältnis

Zuerst veröffentlicht in: Thomas Möllenbeck & Ludger Schulte (Hg.), SPIRITUALITÄT. AUF DER SUCHE NACH IHREM ORT IN DER THEOLOGIE, Aschendorff: Münster 2017, S. 217-236. Mit kleinen Änderungen nochmals abgedruckt in: J. Bründl & F. Klug (Hg.), Zentrum und Peripherie. Theologische Perspektiven auf Kirche und Gesellschaft. FS Otmar Meuffels, Universitiy of Bamberg Press: Bamberg 2017, S. 245-266
Fundamentaltheologie und Spiritualität
Zu einem klärungsbedürftigen Verhältnis
Während sich zum Verhältnis von Spiritualität und Dogmatik, Spiritualität und Moraltheologie oder Spiritualität und Religionswissenschaft (mehr als) genügend Literatur findet, scheint das Verhältnis von Spiritualität und Fundamentaltheologie bislang eher stiefmütterlich behandelt worden zu sein. Von daher steht die Frage im Raum, ob die Auseinandersetzung mit Spiritualität überhaupt zu den Aufgaben der Fundamentaltheologie gehört, oder, etwas anders gewendet: Hat die Auseinandersetzung mit Spiritualität für das Projekt der Glaubensverantwortung nur eine periphere, anwendungsorientierte Bedeutung, oder ist Spiritualität gar so etwas wie ein unentbehrlicher Erkenntnisort und Erkenntnisweg der (Fundamental)Theologie?
Die Überlegungen dieses Beitrags nähern sich einer Antwort auf diese Fragen in drei Schritten: Ich beginne mit einer Bestimmung des Spiritualitätsbegriffs (Teil I). Daraufhin erläutere ich die Fundamentaltheologie als theologische Grundlagenwissenschaft (Teil II). Darauf aufbauend bestimme ich schließlich das Verhältnis von Fundamentaltheologie und Spiritualität näher, wobei auch auf die genannten Fragen eingegangen wird (Teil III).
I. Christliche Spiritualität
Es gibt Begriffe, die durchschnittliche Sprecher einer Sprache korrekt verwenden, ohne ihre Bedeutung präzise erläutern zu können. Dazu zählt auch der Ausdruck Spiritualität. Nun setzt freilich eine Klärung des Verhältnisses von Fundamentaltheologie und Spiritualität entsprechende Begriffsklärungen voraus, wobei sich eine erste Schwierigkeit einstellt: So etwas wie eine allgemein akzeptierte Definition von Spiritualität gibt es nicht. Vielmehr gehen die in der Literatur vorfindlichen Bestimmungsversuche weit auseinander.[1] Sie reichen von vergleichsweise engen Konzepten, die unter Spiritualität den gelebten Glauben an eine Gottheit verstehen, bis hin zu weiten Konzepten, die Spiritualität mit der Orientierung an lebensförderlichen Werten oder der Suche nach letzten Sinnbezügen für die eigene Existenz verbinden.[2]
In diesem Befund spiegelt sich ein fortschreitender Bedeutungswandel wider, dem der Begriff Spiritualität seit etwa einem halben Jahrhundert unterliegt. „Spiritualität“, bis vor einigen Jahrzehnten sprach man nahezu ausschließlich von „Frömmigkeit“, avancierte zu einem geflügelten Modewort, das Eingang in Esoterik, Lebenshilfe und Alternativmedizin, ja sogar nicht-religiöse bis dezidiert atheistische Bewegungen gefunden hat.[3] Angesichts dieser Tendenz erscheinen Religion und Spiritualität in der allgemeinen Wahrnehmung zunehmend entkoppelt. Innerhalb der Wissenschaftsorganisation hat dies seinen Niederschlag darin gefunden, dass sich das Fach „Spiritualität“ an den angloamerikanischen Hochschulen seit den 1970er Jahren von der Theologie abzukoppeln begann und innerhalb der sogenannten „religious studies“ einen selbstständigen Forschungsbereich etablierte.[4]
Mit dem inflationären Gebrauch des Spiritualitätsbegriffs diffundierte auch seine Bedeutung zusehends. Spiritualität mutierte zu einer Art Containerbegriff, der als Projektionsfläche vielgestaltiger Sehnsüchte und Stimmungen fungiert. Das macht es faktisch unmöglich, Spiritualität präzise zu definieren; jedenfalls dann, wenn man eine analytische Definition im Auge hat, die über die Angabe notwendiger und hinreichender Bedingungen, eine Bedeutungsgleichheit zwischen Definiens und Definiendum herzustellen beabsichtigt. Dies schließt freilich die Möglichkeit einer Begriffsexplikation nicht aus, bei der ein klärungsbedürftiger Begriff mit Bezug auf einen spezifischen Anwendungskontext erläutert wird. In diesem Sinn möchte ich eine Explikation des Spiritualitätsbegriffs vorschlagen, die sich am Konzept einer gelebten Lebenshaltung oder Weltanschauung orientiert.
Das Adjektiv „spirituell“ (griech.: pneumatikós, lat.: spiritualis) bezieht sich in der Regel auf Personen, Lebensweisen oder lebensleitende Lehren. In einem abgeleiteten Sinn qualifizieren wir zudem einzelne Erfahrungen, Vollzüge, Werte und Ziele, sofern sie Teilmomente einer spirituellen Lebensweise oder -lehre darstellen, als spirituell.[5]
Da es stets Personen sind, die sich spirituelle Lebensweisen zu eigen machen oder spirituellen Lehren folgen, nehme ich an, dass der Ausdruck „spirituell“ insbesondere eine Eigenschaft menschlicher Personen bezeichnet. Davon ausgehend schlage ich folgende Explikation vor: Eine Person oder Personengruppe ist spirituell, wenn sie
(i) eine Grundeinstellung bzw. -haltung besitzt oder einübt, die (ii) in einer Lebensgestaltung (Lebensform, Lebensordnung) zum Ausdruck kommt, die auf die Entdeckung und Verwirklichung sittlicher und sinnvermittelnder Werte zielt und sich dafür (iii) an einer den Menschen und die empirische Welt übersteigenden Letztwirklichkeit orientiert.[6]
Im Fokus dieser allgemeinen Charakterisierung steht das Konzept einer Grundhaltung, aus der heraus Menschen das in der Welt Begegnende einordnen und ihr Leben gestalten. Diese Grundhaltung gilt es näher zu spezifizieren, wenn wir nach dem Proprium christlicher Spiritualität fragen.[7] Eine Person oder Personengruppe ist spirituell im christlichen Sinn, wenn sie
(i) eine Grundhaltung uneingeschränkten Vertrauens besitzt oder einübt, die sich (ii) auf eine unüberbietbar vertrauenswürdige, als Gott bezeichnete Wirklichkeit richtet, die sich nach christlicher Auffassung paradigmatisch im Lebenszeugnis Jesu von Nazareth und dessen Bezeugung durch die Gemeinschaft der Glaubenden vermittelt, wobei diese Grundhaltung (iii) in einer Lebensgestaltung oder Lebensform zum Ausdruck kommt, die den jeweiligen Lebensumständen angepasst ist. (iv) Diese Lebensgestaltung aus dem Glauben umfasst sowohl den Bereich des profanen Lebens, den sie gestalten und durchdringen möchte, als auch jene Vollzüge, in denen die Grundhaltung des Glaubens explizit zum Ausdruck gebracht wird.
Die Bedeutung der Ausdrücke Glaube und Spiritualität überschneiden sich (im christlichen Verständnis) weitgehend, es gibt aber auch Bedeutungsunterschiede: Während Glaube vor allem die Grundhaltung des Vertrauens gegenüber dem sich selbst mitteilenden Gott bezeichnet, konnotiert Spiritualität vorrangig die umfassende Lebensgestaltung aus dem Glauben: das komplexe Zusammenspiel derjenigen Lebensvollzüge, die auf Gottes geschichtliche Selbstoffenbarung und -mitteilung antworten. Dabei ist aus systematisch-theologischer Perspektive vorrangig an die kirchlichen Grundvollzüge der Leiturgia (Gebet, Meditation), Martyria (Zeugnis, Verkündigung), Diakonia (dienende Liebe) und Koinonia (kirchliche Gemeinschaft) zu denken. Diese Grundvollzüge erschließen, vermitteln und verwirklichen Leben aus der Grundhaltung des Glaubens. Sie bilden den integralen Kern einer vom christlichen Glauben beseelten Lebenspraxis, die durch Jesu Lebenszeugnis angestoßen und im Leben der Glaubensgemeinschaft sukzessive entfaltet und vertieft wurde.[8]
Christliche Spiritualität bezeichnet, so können wir sagen, die umfassende Lebensgestaltung aus der Grundhaltung des Glaubens. Als solche kann sie mehr oder weniger gut gelingen, was wiederum die Frage aufwirft, welche Mittel und Wege jeweils geeignet sind, den Glauben mit Leben und das Leben mit Glauben zu erfüllen. Der Begriff der Spiritualität verweist von daher auf den Begriff der Lebenskunst. Man könnte geradezu von einer geistlichen Kunst, einer ars spiritualis sprechen, den Glauben so ins eigene Denken und Handeln umzusetzen, dass er sich im Leben und Zusammenleben bewährt. Der Begriff der Lebenskunst wiederum steht in Zusammenhang mit dem Konzept der Tugend. Der Glaube ist nicht angeboren, sondern bedarf (aufgrund seines Wegcharakters) stetiger Einübung und Gewöhnung. Nur so kann er eine stabile Grundhaltung werden, die Personen dazu befähigt, der Geschöpflichkeit der Welt und mit ihr der Gottheit Gottes gerecht zu werden, indem sie im Denken und Handeln die rechte Mitte zwischen den Fehlhaltungen der Weltvergötterung und der Weltverachtung treffen.[9]
Schließlich ist zu bedenken, dass unterschiedliche Gesellschaftskontexte und Lebensbedingungen spezifische Ausgestaltungen christlicher Spiritualität erfordern. In diesem Sinn lässt sich etwa eine volkskirchliche, charismatische, monastische oder politische Spiritualität ebenso wie eine Spiritualität des Priestertums, der Ehe oder der Familie unterscheiden.[10] Allerdings werde ich im Rahmen dieses Beitrags von kontextsensiblen Ausgestaltungen christlicher Spiritualität absehen und mich vorrangig der Frage nach dem Verhältnis von allgemein-christlicher Spiritualität und Fundamentaltheologie widmen. Um diese Frage angemessen beantworten zu können, ist zunächst darzulegen, welche Aufgaben der Fundamentaltheologie zukommen. Dem ist der folgende Abschnitt gewidmet.
II. Fundamentaltheologie
Gemäß der hier vertretenen Auffassung ist die Fundamentaltheologie als theologische Grundlagenwissenschaft zu begreifen.[11] Ihr Proprium ergibt sich sowohl (i) aus ihrer material-thematischen Orientierung (Materialobjekt) als auch (ii) aus ihrer spezifischen Aufgabe innerhalb des theologischen Fächerkanons (Formalobjekt).
Ad (i): Als Teildisziplin der systematischen Theologie[12] ist es der Fundamentaltheologie aufgegeben, sich an einem Kanon einschlägiger Frage- und Problemstellungen abzuarbeiten. Dieser Kanon hat sich im Kontext historischer Konstellationen herausgebildet und er entwickelt sich angesichts neuer Herausforderungen stetig weiter. Das wird etwa am Beispiel der „Theologie der Religionen“ deutlich, die seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt ins Blickfeld der fundamentaltheologischen Reflexion gerückt ist.
Von der neuzeitlichen Apologetik ererbte die heutige Fundamentaltheologie drei große Traktate: „Religion“, „Offenbarung“ und „Kirche“. Diesen wird heute in der Regel ein viertes, als „Theologische Erkenntnislehre“ bezeichnetes Traktat hinzugefügt.[13] Die drei- bzw. vierteilige Traktatgliederung hat sich als sachlich angemessen erwiesen. Dennoch lassen sich material-thematische Überschneidungen mit der Dogmatik und anderen religionsbezogenen Wissenschaftsdisziplinen nicht vermeiden. Das Proprium der Fundamentaltheologie lässt sich nicht allein über ihre materiale Orientierung bestimmen. Eine befriedigende Charakterisierung wird daher nicht umhinkommen, auf das Formalobjekt der Fundamentaltheologie zu reflektieren und ihre spezifische Aufgabe innerhalb des theologischen Fächerkanons in den Blick zu nehmen.
Ad (ii): Das Formalobjekt der Fundamentaltheologie lässt sich in einer ersten Näherung als methodisch strukturierte, systematische Reflexion der Vernunftgemäßheit des christlichen Glaubens bestimmen. Eine solche Vernunftgemäßheit ist vom Glauben selbst her zu fordern und wird bereits im Ersten Petrusbrief programmatisch vorausgesetzt: „Seid stets bereit, jedem gegenüber Rede und Antwort zu stehen, der euch nach dem Logos der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Der hier gebrauchte Ausdruck „Logos“ bezieht sich allem Anschein nach auf Gründe, die der menschlichen Vernunft zugänglich sind, d. h. auf sprachlich artikulierbare sowie diskursiv vermittelbare Gründe: „Es geht um eine vor der Vernunft plausible Argumentation, die gerade auch für Außenstehende nachvollziehbar ist. Damit beschreibt sich das Christentum in seinem Wesen als Religion des Dialogs gerade auch mit den Fern- und Außenstehenden.“[14]
Allerdings geht es auch der Dogmatik um eine systematische Darstellung und vernunftgemäße Rechenschaft der christlichen Glaubenslehre und -praxis.[15] Aus diesem Grund ist die spezifische Aufgabe der Fundamentaltheologie detaillierter zu umschreiben, wenn Fundamentaltheologie und Dogmatik voneinander abgrenzbar bleiben sollen. Mein Vorschlag lautet: Als theologischer Grundlagenwissenschaft obliegt es der Fundamentaltheologie, die Vernünftigkeit des christlichen Glaubens in einer „fundierenden“ oder „grund-legenden“ Form zu reflektieren, die folgende drei Teilaufgaben umfasst:
(a) Die Fundamentaltheologie leistet eine allgemeine wissenschaftstheoretische Grundlegung der Theologie.
(b) Sie widmet sich (im Dialog mit den anderen Wissenschaften und theologischen Fachdisziplinen) material- und formalthematischen Grundproblemen der Glaubensverantwortung.
(c) Im Dialog mit der Philosophie und den anderen Disziplinen des theologischen Fächerkanons arbeitet die Fundamentaltheologie eine allgemeine Grundlagentheorie und vernünftige Rechenschaft der Theologie aus.
Diese Teilaufgaben konstituieren die spezifische Aufgabe der Fundamentaltheologie als systematisch-theologische Grundlagenwissenschaft. Sie lassen sich in Kürze folgendermaßen erläutern:
(a) Die Fundamentaltheologie leistet eine allgemeine wissenschaftstheoretische Grundlegung der Theologie.
Alle theologischen Disziplinen haben die Aufgabe, wissenschaftstheoretische Überlegungen anzustellen; vornehmlich im Hinblick auf eine spezielle Wissenschaftstheorie ihres Fachs oder Fachbereichs. Der Fundamentaltheologie kommt darüber hinaus die Aufgabe zu, eine wissenschaftstheoretische Grundlegung der Theologie als solcher zu leisten.[16] Als allgemeine Wissenschaftstheorie der Theologie klärt die Fundamentaltheologie etwa, worin die Gegenstände, Voraussetzungen, Verfahrensweisen und Ziele der Theologie bestehen. Zu den Aufgaben einer allgemeinen Wissenschaftstheorie der Theologie gehört es schließlich, die Frage nach dem Zusammenhang der einzelnen theologischen Fächer untereinander sowie die Stellung christlicher Theologie im Ensemble der Wissenschaften zu erläutern.
(b) Die Fundamentaltheologie widmet sich (im Dialog mit den anderen Wissenschaften und theologischen Fachdisziplinen) material- und formalthematischen Grundproblemen der Glaubensverantwortung.
Unter diese Teilaufgabe fällt die sogenannte theologische Prinzipien- und Kategorienlehre. Dabei bezeichnen Prinzipien „die grundlegenden Gegebenheiten, die den geistigen Bereich des Christentums und der Theologie vom Gegenstand her aufbauen, während Kategorien die Seins- und Aussageweisen des Christlichen benennen.“[17] Dazu zählt neben der inhaltlichen Klärung theologischer Grundbegriffe (wie z. B. „Gott“, „Offenbarung“, „Glaube“, „Kirche“ etc.) etwa die konkrete Ausarbeitung einer theologischen Sprach- und Erkenntnislehre.[18]
Damit wären wir bereits bei der dritten Teilaufgabe einer als Grundlagenwissenschaft verstandenen Fundamentaltheologie angelangt. Sie erarbeitet eine Antwort auf die Frage, worum es beim Glauben im Grunde geht: „Fundamentaltheologie entsteht erst im nachhinein als zusammenfassende Rechenschaft über die Theologie im ganzen und kann dann am sachgemäßesten als Einführung in das Theologiestudium dienen.“[19]
(c) Im Dialog mit der Philosophie und den anderen Disziplinen des theologischen Fächerkanons arbeitet die Fundamentaltheologie eine allgemeine Grundlagentheorie und vernünftige Rechenschaft der Theologie aus.
Hier geht es darum, auf der Basis (a) der wissenschaftstheoretischen Grundlegung und (b) der Bearbeitung material- und formalthematischer Grundfragen eine systematische Darstellung des christlichen Glaubens zu erarbeiten. Im Unterschied zur Dogmatik wird dabei jedoch keine umfassende Darstellung auf der Grundlage aller Fächer, sondern vielmehr eine ebenso grundlegende wie zusammenfassende Glaubensrechenschaft angestrebt.[20] Die Fundamentaltheologie bedenkt, die Voraussetzungen und Fundamente des Glaubens in den Blick nehmend, worum es im Glauben im Grunde geht. Diese Aufgabenstellung kann die Fundamentaltheologie nur arbeitsteilig, d. h. im Dialog mit anderen theologischen Disziplinen, verwirklichen. Sie greift deshalb auf die Ergebnisse anderer theologischer Fächer sowie benachbarter Wissenschaften zurück und entwirft auf ihrer Grundlage eine fundamentale Theorie christlichen Glaubens.
Die genannten Aufgaben der Fundamentaltheologie als theologischer Grundlagenwissenschaft hängen eng miteinander zusammen. Sie benennen verschiedene Aspekte, die das Projekt einer wissenschaftlichen Grundlegung der Theologie umfasst.
II.1 Konkretisierung
Im Folgenden möchte ich in aller gebotenen Kürze einen Vorschlag skizzieren, wie die in Punkt (a) des vorhergehenden Abschnitts benannten wissenschaftstheoretischen Fragen nach Gegenstand, Methoden und Zielen akademischer christlicher Theologie beantwortet werden könnten.
(i) Der Gegenstand christlicher Theologie: Die erfahrungsbezogenen Wissenschaften thematisieren die Wirklichkeit unter einer bestimmten Rücksicht. Im Fall der Theologie ist dies die Rücksicht einer Selbstoffenbarung und Selbstmitteilung Gottes mit ihren Implikationen für die theoretische und praktische Orientierung des Menschen. Genauerhin sei vorgeschlagen, den Gegenstand christlicher Theologie vom christologischen Zentrum des kirchlichen Bekenntnisses her zu bestimmen. In diesem Fall bildet das Bekenntnis zu Gottes Selbstoffenbarung in der Person und Geschichte Jesu von Nazareth das integrierende und organisierende Zentrum christlicher Theologie. Dieses Zentrum ist es letztlich auch, das die „Vielzahl der theologischen Einzelaussagen zusammenhält und trägt, sie also als theologische letztlich begründet oder doch endgültig bestimmt, den Maßstab für ihre Beurteilung bildet und sie zur Einheit eines Gegenstandes und Themas, zu einer Wissenschaft verbindet.“[21]
(ii) Die Methoden christlicher Theologie: Unter methodisch-formaler Rücksicht folgt die Fundamentaltheologie keinen „exklusiv eigenen Forschungsmethoden oder Erkenntnisweisen“, sondern weiß sich „dem Methodenkanon der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften verpflichtet.“[22] Grundsätzlich plädiere ich darüber hinaus für ein problemorientiertes Wissenschaftsverständnis, das weniger in Fächern, Fachgebieten und Methoden als in Problemen denkt und somit interdisziplinäre Züge aufweist. In diesem Sinn lässt sich auch die christliche Theologie als wissenschaftliches Bemühen auffassen, theoretische und praktische Fragen des christlichen Glaubens mit dafür geeigneten Methoden und Verfahren zu bearbeiten.
(iii) Die Ziele christlicher Theologie: Ebenso wie andere Wissenschaften sucht die christliche Theologie (im Hinblick auf die theoretische und praktische Orientierung des Menschen) in systematisch und methodisch strukturierter Form möglichst viele wahre und gehaltvolle Überzeugungen über ihren Gegenstandsbereich zu gewinnen. Darin besteht ihr wissenschaftsinternes Ziel. Darüber hinaus umfasst die christliche Theologie allerdings auch ein wissenschaftsexternes Ziel. Sie hat am Verkündigungsauftrag der kirchlichen Glaubensgemeinschaft teil, den sie in systematisch-methodischer Form verwirklicht: „Die Sendung der Kirche, das Evangelium den Menschen aller Zeiten zu verkünden (Mt 28,19), umfaßt den Auftrag, die Offenbarung in einer entsprechenden Sprach- und Zeugnisgestalt zu vermitteln, so daß sie vom Menschen unter seinen gegebenen geistigen, psychischen und kulturellen Voraussetzungen im Glauben auch aufgenommen werden kann. Theologie als die Bemühung um eine theoretische Aneignung und Umsetzung der Offenbarung gehört deshalb wesentlich zum universalen Lehramt der Kirche hinzu.“[23] Damit reflektiert Theologie den Glauben nicht nur, sondern bildet ein Moment seines Vollzugs und zielt auf dessen Vertiefung.
Nachdem in diesem Abschnitt die wissenschaftstheoretischen Fragen nach dem Gegenstand, den Methoden und den Zielen der Theologie skizzenartig benannt wurden, soll im folgenden Abschnitt (über die bisherigen Überlegungen hinaus) erläutert werden, warum und inwiefern der christlichen Theologie in und trotz ihrer weltanschaulichen Gebundenheit der Charakter einer wissenschaftlichen Disziplin zukommt.
II.2 Christliche Theologie als wissenschaftliche Disziplin
Fragt man, was die Identität christlicher Theologie als wissenschaftliche Disziplin ausmacht, wird man über die eben angestellten Überlegungen hinaus darauf verweisen können, dass es sich um eine historisch gewachsene und kulturell verankerte Forschungstradition handelt, der es um die Systematisierung und Evaluierung der christlichen Weltanschauung zu tun ist.
Nun gibt es eine voraussetzungslose Wissenschaft ebenso wenig wie eine vorurteilsfreie Forschung – und das gilt für die empirischen Wissenschaften ebenso wie für Philosophie und Theologie. Nichtsdestotrotz unterscheiden sich religionsbezogene Wissenschaften wie etwa die Religionsphilosophie oder Religionswissenschaft(en) von der christlichen Theologie bezüglich der jeweils akzeptierten Voraussetzungen. Im Unterschied zu diesen religionsbezogenen Wissenschaften weiß sich die christliche Theologie einer spezifischen weltanschaulichen Tradition zugehörig und verpflichtet. Diese Verpflichtung kann sie nicht aufgeben, solange sie an ihrer Identität als spezifischer Forschungstradition festhalten will.[24]
Diesbezüglich lässt sich eine gewisse Analogie zwischen der christlichen Theologie und wissenschaftlichen Forschungstraditionen im Sinne Larry Laudans ziehen:
„Eine Forschungstradition zeichnet sich dadurch aus, dass sie einerseits eine Menge noch zu lösender Forschungsfragen sowie sehr allgemeine apriorische Voraussetzungen und sowohl epistemische als auch methodologische Normen beinhaltet – also ein Paradigma höherer Ordnung. Andererseits enthält eine Forschungstradition spezifische, empirisch überprüfbare Theorien, die mit diesen Voraussetzungen und Normen kompatibel sind – also Paradigmen niedrigerer Ordnung.“[25]
Auch die christliche Theologie umfasst als Paradigma höherer Ordnung einen Kanon typischer Frage- und Problemstellungen, eine Fachterminologie, epistemologische und methodologische Normen theologischer Forschung, aber auch quasi-transzendentale, nicht zureichend begründbare weltanschauliche Voraussetzungen. Darüber hinaus umfasst sie – als Paradigma niedrigerer Ordnung – konkrete theologische Entwürfe, die mit diesen (empirisch) nicht überprüfbaren Voraussetzungen und Normen kompatibel sind, sich aber hinsichtlich bestimmter Kriterien (Kohärenz, Zusammenhang, Vollständigkeit, Erfahrungsbezug, Erklärungskraft etc.) kritisch diskutieren und rational vergleichen lassen.
Als Forschungstradition ist die christliche Theologie in die kirchliche Glaubensüberlieferung und -praxis eingebettet. Die „fachwissenschaftliche Identität“ der christlichen Theologie wird dabei maßgeblich konstituiert durch
(a) ihr wissenschaftsimmanentes Ziel, in Bezug auf den eigenen Gegenstandsbereich möglichst viele wahre und gehaltvolle Überzeugungen zu gewinnen (theoretisches Ziel);
(b) ihr wissenschaftsexternes Ziel, den Glauben der christlichen Glaubensgemeinschaft zu erhalten, zu vertiefen und zu fördern (praktisches Ziel);
(c) ihre Reflexion von Leben und Welt im Rahmen des christlichen Wirklichkeitsverständnisses (materiale Orientierung);
(d) ihre Orientierung an den Standards geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Praxis (methodische Orientierung);
(e) ihre Orientierung an der christlichen Glaubenspraxis und der von ihr hervorgebrachten Bezeugungsgestalten, insofern diese als theologische Erkenntnisquelle fungiert (vorwissenschaftliches methodisches Proprium).
In ihrer Vollgestalt kann christliche Theologie auf keines der genannten Merkmale verzichten. Das schließt allerdings nicht aus, dass Teilaufgaben theologischer Arbeit auch sachgemäß erfüllt werden können, ohne dass die genannten Konstitutionsmerkmale vollständig vorliegen.
III. Christliche Spiritualität als Thema der Fundamentaltheologie
Im ersten Teil dieses Beitrags wurden die Begriffe der Spiritualität sowie der christlichen Spiritualität erläutert, während im zweiten Teil die Kernaufgaben der Fundamentaltheologie als theologischer Grundlagenwissenschaft umrissen wurden. Im abschließenden dritten Teil sollen darauf aufbauend einige Aufgaben der Fundamentaltheologie in der Auseinandersetzung mit dem Spiritualitätsthema benannt werden.
Ich beginne mit einer kurzen Vorbemerkung: An einigen theologischen Fakultäten hat sich ein eigenes Fach etabliert, das sich mit der Spiritualitätsthematik aus systematisch-theologischer Perspektive auseinandersetzt und meist entweder als Theologie der Spiritualität oder Spirituelle Theologie bezeichnet wird.[26] Daran schließt sich die Frage an, ob sich spiritualitätstheologische Grundlagenfragen ganz oder teilweise an ein solches Fach delegieren lassen. Angesichts der alles andere als flächendeckenden Fakultätspräsenz sowie der nur fallweise fundamentaltheologischen Ausrichtung dieses Fachs werde ich hier allerdings davon ausgehen, dass die Fundamentaltheologie Grundlagenfragen der Spiritualität mitzubehandeln hat. Damit komme ich zu einigen zentralen Aufgaben der Fundamentaltheologie in der Auseinandersetzung mit dem Spiritualitätsthema:
(1) Klärung des Spiritualitätsbegriffs: Wie im zweiten Teil dargelegt, ist es der Fundamentaltheologie als theologischer Grundlagenwissenschaft aufgegeben, Grundbegriffe des Glaubens und der Theologie zu klären (vgl. II (a)). Dazu gehört auch jener der Spiritualität – ein entsprechender Vorschlag wurde bereits im ersten Teil dieses Beitrags skizziert. Besonders zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang, dass Spiritualität und Theologie nicht im Singular, sondern im Plural auftreten. Das hat zur Folge, dass letztlich nur spezifische Konzepte von Spiritualität und Theologie fruchtbar miteinander in Beziehung gesetzt werden können.
(2) Klärung elementarer Beziehungen zwischen Spiritualität und Theologie: Zu den Aufgaben der Fundamentaltheologie gehört es nicht nur, unterschiedliche Konzepte der Spiritualität und der Theologie zu klären, sondern ebenso, die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen zu analysieren. Dabei lassen sich schematisierend mindestens sechs verschiedene Beziehungsebenen unterscheiden:
- Spiritualität im allgemeinen und akademische christliche Theologie,
- Spiritualität im allgemeinen und nicht-akademische christliche Theologie,
- christliche Spiritualität(en) und akademische christliche Theologie,
- christliche Spiritualität(en) und nicht-akademische christlicher Theologie,
- nicht-spezifisch christliche Spiritualitäten und akademischer christlicher Theologie,
- nicht-spezifisch christlichen Spiritualitäten und nicht-akademische christlicher Theologie.
Auf die Unterscheidung zwischen akademischer (wissenschaftlicher) und nicht-akademische (vorwissenschaftlicher) Theologie wird im weiteren Verlauf der Überlegungen noch näher eingegangen.
(3) Grundlegung einer „Theologie christlicher Spiritualität“: Als theologischer Grundlagendisziplin ist es insbesondere der Fundamentaltheologie aufgegeben, zur wissenschaftstheoretischen Grundlegung einer Theologie christlicher Spiritualität beizutragen.[27] Dabei ist nicht nur die Beziehung dieses Fachgebiets zu den übrigen theologischen Fächern, sondern auch der interdisziplinäre Charakter des Fachgebiets mit seinen historischen, religionspsychologischen, soziologischen, moralisch-praktischen und vor allem auch systematisch-theologischen Bezügen in den Blick zu nehmen.[28]
(4) Reflexion des Zusammenhangs von Glaubenstheorie und Glaubenspraxis: So wie jede andere Praxis vollzieht sich auch die spirituelle Praxis nicht im theoriefreien Raum, sondern ist in hohem Maße theorieimprägniert. Im Fall des christlichen Glaubens ist zudem von einem Primat der Glaubenspraxis vor der Glaubenstheorie zu sprechen, sofern erstere von letzterer systematisch reflektiert wird. Aus diesem Grund gehört die Reflexion des Theorie-Praxis-Zusammenhangs zu den zentralen Aufgaben der Fundamentaltheologie als theologischer Gundlagenwissenschaft. Sie umfasst mindestens drei Aufgabenstellungen:
(i) Zunächst gilt es, die Glaubenstheorie, die einer authentischen Glaubenspraxis zugrunde liegt, so präzise wie möglich zu explizieren und zu systematisieren.[29]
(ii) Sodann sind spezifische Vollzüge der Glaubenspraxis auf die Rationalität ihrer theoretischen Implikationen und praktischen Konsequenzen hin zu prüfen.[30]
(iii) Schließlich gilt es, die erkenntnistheoretischen und wissenschaftstheoretischen Beziehungen zwischen Glaubenspraxis und Glaubenstheorie zu reflektieren.
Der zuletzt genannte Punkt (iii) betrifft den Zusammenhang von Glaubensleben und theologischer Erkenntnis- bzw. Wissenschaftslehre. Ein solcher Zusammenhang lässt sich folgendermaßen herstellen: Wenn Gott sich dem Menschen in Schöpfung und Geschichte erschließt, dann wird dies in irgendeiner Form erfahr- und erkennbar sein müssen. Dabei gilt es zunächst zu beachten, dass Gottes Selbstoffenbarung nicht nur ein vergangenes, sondern auch ein gegenwärtiges Geschehen darstellt. Nicht zufällig formuliert die Konstitution über die göttliche Offenbarung: „[I]n dieser Offenbarung redet [sic!] der unsichtbare Gott aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Liebe einzuladen und aufzunehmen.“[31]
Sofern das Geschehen von Offenbarung die Möglichkeit ihrer Erkenntnis impliziert, liegt es nahe, das Zusammenspiel der kirchlichen Grundvollzüge (der Martyria, Leiturgia, Diakonia und Koinonia) als Lebensform und darüber hinaus auch als Erfahrungs- und Erkenntnispraxis zu betrachten, die dem Offenbarungsgeschehen auf rezeptiver Ebene entspricht.[32]
Gottes geschichtliche Selbstoffenbarung vermittelt und vergegenwärtigt sich realsymbolisch im Lebenszeugnis Jesu und dessen vielgestaltiger Weiterbezeugung durch die Gemeinschaft der Glaubenden. Sie ist „in ihrer ‚wirklich-wirksamen‘ Realität gar nicht anders ‚anzutreffen‘, sie kommt nirgend anders zu ‚Ge-gebenheit‘ als in der Spiritualität, in der gelebten Frömmigkeit, d. h. in der Entgegennahme der Gabe im Menschen und seiner vielfältigen Antwort, zu der […] Anbetung, Meditation, Nachfolge, geistliches Lebens, Verwirklichung von Communio gehören.“[33]
Diese Zuordnung von Offenbarungsgeschehen, Spiritualität und Offenbarungserkenntnis enthält einige bedenkenswerte Konsequenzen für das Verständnis christlicher Theologie:
(a) Die epistemische Autorität der Theologie gründet letztlich in der Verlässlichkeit der kirchlichen Grundvollzüge als christlicher Erfahrungs- und Erkenntnispraxis. Sofern es aber die Kirche als Glaubensgemeinschaft nicht ohne diese Grundvollzüge gibt, die Gottes Selbstoffenbarung rezipieren, könnte man mit dem hl. Augustinus sagen, dass die Erkennbarkeit der Glaubwürdigkeit des Evangeliums an der epistemischen Autorität der Kirche hängt: „Ego vero Evangelico non credem, nisi me catholicae Ecclesiae commoveret auctoritas.“[34]
(b) Gottes geschichtliche Selbstoffenbarung und -mitteilung vermittelt und vergegenwärtigt sich in dem, was die Kirche ist und tut (vgl. DV 8,2). Für das Selbstverständnis der (Fundamental)Theologie bedeutet dies, dass der Reflexion von Spiritualität keineswegs nur eine anwendungsorientierte und lebenspraktische Bedeutung zukommt. (Fundamental)Theologie ist vielmehr geradezu als Funktion kirchlicher Spiritualität aufzufassen.[35] Als solche hat sie die Aufgabe, die Voraussetzungen, Implikationen und Vollzugsformen kirchlicher Spiritualität intellektuell redlich und im Hinblick auf ihre Vernunftgemäßheit zu reflektieren.[36]
(c) Für das Verhältnis von Glaubenspraxis (Spiritualität) und Glaubenstheorie (Theologie) ergibt sich weiter, dass das Projekt einer Glaubenswissenschaft ohne Partizipation am kirchlichen Glaubensvollzug bzw. der christlichen Lebensform nicht gelingen kann. Wenn die christliche Scientific Community den lebendigen Erfahrungsbezug gegenüber ihrem Forschungsgegenstand verliert, droht die Theologie zu einem intellektuellen Glasperlenspiel zu degenerieren, deren Grundlagen ihr zunehmend fraglich erscheinen müssen.[37] Der Gegenstand des christlichen Glaubens, d. h. Gottes Selbstvermittlung, erschließt sich nur innerhalb einer Perspektive der Teilnahme an den kirchlichen Grundvollzügen, während er einer distanzierten Beobachterperspektive letztlich verschlossen bleibt. In diesem Sinn ist Walter Kasper grundsätzlich Recht zu geben, wenn er festhält: „Es gibt Theologie nicht ohne personale Aneignung des Glaubens, und d. h. es gibt Theologie nicht ohne Spiritualität.“[38]
(d) Der skizzierte Zusammenhang von Glaubenspraxis und Glaubenstheorie erweist sich nach dem Gesagten auch von Bedeutung für die Frage, ob Spiritualität als theologischer Erkenntnisort zu qualifizieren ist. Als theologische Erkenntnisorte werden herkömmlich Instanzen bezeichnet, denen in Kirche und Theologie mit Bezug auf Glaubensfragen epistemische Autorität zuerkannt wird (wie z. B. Schrift, Tradition, Lehramt, Theologie etc.). Diese Instanzen dienen dem kirchlichen Glaubensvollzug, zu dem auch eine immer neu wahrzunehmende Vergewisserung im Glauben gehört. Es handelt sich um Funktionen der Glaubensgemeinschaft, die in einer komplexen Wechselbeziehung gegenseitiger Berichtigung und Ergänzung zueinander stehen.
Nun ist freilich zu konstatieren, dass Spiritualität in der klassischen Loci-Lehre nicht eigens behandelt wird. (Man denke etwa an Melchior Canos De locis theologicis). Im Fokus der klassischen Loci-Lehre stehen vorrangig fixierte Glaubenszeugnisse (Schrift, dogmatische Überlieferung, Kirchenvätertheologie etc.) sowie deren Auslegung durch verschiedene Bezeugungsinstanzen (Lehramt, Theologie, Glaubenssinn des Gottesvolkes). Demgegenüber kommt die Glaubenspraxis, welche die in Schrift und Tradition bezeugten Glaubenserfahrungen ermöglicht (hat), allenfalls indirekt in den Blick. Damit entsteht die Gefahr einer erfahrungsvergessenen, offenbarungspositivistischen Schieflage der Theologie. Diese Gefahr konnte und kann die christliche Theologie nur dadurch umgehen, dass sie „den Rekurs auf ihre institutionalisierten Formen der Erfahrung, also die ‚Erfahrungen aus zweiter Hand‘ immer in eine Praxis eingebunden hat (und einbindet), die auf eine unmittelbare Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit, also eine ‚Erfahrung aus erster Hand‘, hin ausgerichtet ist.“[39] Wenn dem so ist, dann bildet die kirchliche Glaubenspraxis (als durch die Zeit bestehender Ermöglichungsraum authentischer Glaubenserfahrung) geradezu den primus locus theologicus, dem gegenüber alle anderen loci proprii et alieni als nachgeordnet anzusehen sind.[40]
(e) Abschließend gilt es zu fragen, ob Spiritualität nicht nur als theologischer Erkenntnisort, sondern auch als theologischer Erkenntnisweg aufgefasst werden kann. Im Sinn einer ersten Annäherung sei im Folgenden vorgeschlagen, unter einem Erkenntnisweg regelgeleitete Praktiken oder Prozeduren zu verstehen, die mutmaßlich zur Bildung wahrer Überzeugungen führen. Davon ausgehend wird man sagen dürfen: Wenn die in den kirchlichen Grundvollzügen zum Ausdruck kommende Lebensform zugleich eine genuine Erfahrungs- und Erkenntnispraxis darstellt, dann haben wir es auch mit einem theologischen Erkenntnisweg zu tun. Diese mag sich zugegebenermaßen nicht in derselben Weise operationalisieren lassen wie andere lebensweltliche und vor allem wissenschaftliche Erfahrungs- und Erkenntnispraxen. Das ist aber kein ausreichender Grund, ihr ihre epistemische Verlässlichkeit von vornherein abzusprechen.
Aber sind die kirchlichen Grundvollzüge damit auch als „Methode der Theologie“ aufzufassen? Für die Beantwortung dieser Frage ist zunächst zwischen einer akademischen und einer nicht-akademischen Gestalt christlicher Theologie zu unterscheiden. Während es die akademische Theologie aus heutiger Sicht kennzeichnet, sich anerkannter wissenschaftlicher Methoden der Geistes-, Kultur-, und Sozialwissenschaften zu bedienen, charakterisiert die nicht-akademische Theologie eine vergleichsweise intuitive, lebensweltlich situierte und praxisorientierte Vorgehensweise. Exemplarische Produkte nicht-akademischer Theologie, die von der Glaubensgemeinschaft als autoritative Bezeugungsinstanzen und normative Erkenntnisquellen anerkannt werden, sind etwa Schrift, dogmatische Tradition, Kirchenvätertheologie etc. Als Reflexion erster Stufe nimmt die nicht-akademische Theologie eine vermittelnde Position zwischen gelebter Spiritualität einerseits und wissenschaftlicher Theologie als Reflexion zweiter Stufe andererseits ein. (Dabei ist freilich zu berücksichtigen, dass wissenschaftliche Methoden und Standards einem geschichtlichen Wandel unterliegen und zudem innerhalb der Scientific Community mehr oder weniger anerkannt sein können, weshalb sich eine scharfe Grenze zwischen beiden Theologietypen wohl nicht ziehen lässt).
Nun steht außer Frage, dass die akademische Theologie die Gegenstände ihrer Reflexion nicht selbst herstellt, sondern eine lebensweltlich situierte, aus der christlichen Glaubenspraxis hervorgehende Theologie voraussetzt, deren Zeugnisse sie mithilfe wissenschaftlicher Methoden erschließt, prüft und bewertet. Diese nicht-akademische Theologie speist sich aber zu einem nicht unerheblichen Teil aus spirituellen Lebensformen, die, wo sie gelingen – paradigmatisch stehen dafür die Lebenszeugnisse der Heiligen –, zur unentbehrlichen Vorgabe und Wegweisung akademischer Theologie werden. Diese spirituellen Lebensformen sind als Ausdrucksweisen der kirchlichen Grundvollzüge zwar nicht als wissenschaftliche, durchaus aber als vorwissenschaftliche Erkenntniswege in den Blick zu nehmen. Um es mit den Worten der Heiligen Schrift zu sagen: „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ (Joh 3,21).
IV. Fazit
Im ersten Teil dieses Beitrags wurde das Konzept christlicher Spiritualität erläutert. Es wurde vorgeschlagen, christliche Spiritualität als umfassende Lebensgestaltung aus der Grundhaltung des Glaubens zu bestimmen, die sich exemplarisch in den kirchlichen Grundvollzügen der Martyria, Leiturgia, Diakonia und Koinonia realisiert.
Der zweite Teil benannte zentrale Aufgaben einer Fundamentaltheologie, die sich als theologische Grundlagenwissenschaft begreift. Hier wurden vor allem die Aufgaben der wissenschaftstheoretischen Grundlegung der Theologie sowie der vernunftgemäßen und zusammenfassenden Rechenschaft des Glaubens hervorgehoben.
Im dritten Teil wurde schließlich ein Katalog von Aufgaben umrissen, den die Fundamentaltheologie in der Auseinandersetzung mit dem Spiritualitätsthema zu bearbeiten hat. Dabei wurde deutlich, dass die fundamentaltheologische Auseinandersetzung mit christlicher Spiritualität keineswegs nur eine anwendungsorientierte Funktion hat, sondern darüber hinaus auch für die theologische Erkenntnislehre und Wissenschaftstheorie eminente Relevanz aufweist.
Anmerkungen
- Vgl. P. McCarroll & T. O´Connor & E. Meakes, Assessing Plurality in Spirituality Definitions. In: A. Meier e. a., Spirituality and Health: Multidisciplinary Explorations, Waterloo 2005, 43-61. ↑
- So bestimmt etwa B. Fraling Spritualität als eine „Existenzform […], in der menschliches Leben aus letzten Sinnbezügen heraus bewusst gestaltet wird” (ders., Überlegungen zum Begriff der Spiritualität. In: Lasset euch vom Geist erfüllen!” (Eph. 5,18) – Beiträge zur Theologie der Spiritualität, hrsg. v. d. Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität, Münster 2001, 6-30, hier 7). ↑
- Vgl. z. B. A. Comte-Sponville, Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott, Zürich 2008; P. H. van Ness, Spirituality and Secular Quest, New York 1996; R. Dirnberger, Aufgeklärte Spiritualität. Spiritualität ohne Gott, Norderstedt 2012. ↑
- Vgl. E. Möde, Theologie der Spiritualität: Was ist das? – Ein Beitrag zur Grundlagenforschung einer frag/würdigen Disziplin. In: Ders. (Hg.), Theologie der Spiritualität – Spiritualität der Theologien. Eine fächerübergreifende Grundlagenstudie, Regensburg 2007, 11-22, hier 17. ↑
- Die Substantivierung „Spiritualität“ oder „Spiritualitäten“ bildet einen Oberbegriff für spirituelle Lebensweisen und -lehren. ↑
- Religiöse und areligiöse Spiritualitäten scheiden sich an der Annahme bzw. Bedeutung einer transzendenten Letztwirklichkeit (vgl. oben Punkt iii). Diese wird innerhalb der religiösen Traditionen unterschiedlich konzeptualisiert: im Fall monotheistischer Traditionen meist als personale, vom Universum verschiedene Wirklichkeit, im Fall monistischer Traditionen meist als apersonaler Seinsgrund oder inneres Prinzip der Wirklichkeit. W. P. Alston hat eine Liste von neun charakteristischen Merkmalen erstellt, die viele Religionen teilen und mithin auch für deren Verständnis von Spiritualität bedeutsam sind: 1. der Glaube an übernatürliche Wesen oder Wirklichkeiten; 2. die Unterscheidung zwischen heiligen und profanen Gegenständen; 3. rituelle Akte, die sich auf heilige Gegenstände richten; 4. ein (göttlich sanktionierter) Moralkodex; 5. charakteristische religiöse Gefühle (Ehrfurcht, Schuldgefühl, Sinn für das Geheimnis); 6. Gebet und andere Formen der Kommunikation mit übernatürlichen Wesen; 7. ein Weltbild, das den Sinn der Welt als Ganzes erläutert und den Platz des Einzelnen im Ganzen und seinen Beitrag zum Endzweck des Ganzen bestimmt; 8. eine mehr oder weniger umfassende Lebensform, die auf dem Weltbild beruht; 9. eine soziale Gruppe, die durch diese Lebensform miteinander verbunden ist. (vgl. ders., Religion, in: P. Edwards (Hg.), The Encyclopaedia of Philosophy, vol. 7, Oxford 1998, 19; deutsche Wiedergabe mit Anpassungen nach: F. Ricken, Glauben, weil es vernünftig ist, Stuttgart 2007, 15). ↑
- Vgl. dazu auch H. U. v. Balthasar, Das Evangelium als Norm und Kritik aller Spiritualität in der Kirche. In: Spiritus Creator. Skizzen zur Theologie III, Einsiedeln 1967, 247-263, hier 247; D. Mieth, Meister Eckhart. Mystik und Lebenskunst, Düsseldorf 2004, 24f; G. Greshake, Dogmatik und Spiritualität. In: E. Schockenhoff & P. Walter (Hg.), Dogma und Glaube. Bausteine für eine theologische Erkenntnislehre, Mainz 1993, 235-252, hier 237. ↑
- Wenn christliche Spiritualität letztlich Lebensgestaltung aus dem Glauben meint, dann ist der Theologie als wissenschaftlicher Reflexion des Glaubens und seiner Vollzugsformen auch dann eine eminent spirituelle Dimension zu eigen, wenn davon nicht ausdrücklich die Rede ist. Das gilt auch und besonders für die praktischen Disziplinen der Theologie wie Pastoraltheologie, Liturgiewissenschaft, Moraltheologie, Religionspädagogik, Christliche Sozialwissenschaft und nicht zuletzt auch für das Kirchenrecht. ↑
- Vgl. D. Kraschl, Tugend und Ontologie. Anmerkungen zu einer Ethik der Geschöpflichkeit. In: Wissenschaft und Weisheit 73 (2010) 268-298; B. Niederbacher, Glaube als Tugend bei Thomas von Aquin. Erkenntnistheoretische und religionsphilosophische Interpretationen, Stuttgart 2004. ↑
- Vgl. C. Benke, Vielfalt der Spiritualitäten. In: „Lasset euch vom Geist erfüllen!” (Eph. 5,18) – Beiträge zur Theologie der Spiritualität, hrsg. v. d. Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität, Münster 2001, 107-151; O. Muck, Pluralität von Spiritualitäten. Eine religionsphilosophische Reflexion über Spiritualität. In: ZKTh 138 (2016) 159-172. ↑
- Vgl. D. Kraschl, Analytische Philosophie im Dienst der Fundamentaltheologie. Bausteine und Anstöße für eine zukunftsfähige Glaubensrechenschaft, Würzburg 2015 (unveröffentlichte Habilitationsschrift), Kap. 1. ↑
- Die systematische Theologie lässt sich über ihre Aufgabe charakterisieren, „den Glauben in seinem Gesamtzusammenhang vernunftgemäß zu erfassen und ihn mit der natürlichen Wirklichkeitserfahrung des Menschen, wie sie in der Philosophie, aber auch in den Geschichts-, Sozial- und Naturwissenschaften besonders reflektiert wird, in einen fruchtbaren Dialog zu bringen.“ So G. L. Müller, Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg 1995, 14. ↑
- Der viergliedrigen Traktataufteilung folgt unter anderem auch das vierbändige „Handbuch der Fundamentaltheologie“ (1985-1988). ↑
- W. Klausnitzer, Glaube und Wissen, Lehrbuch der Fundamentaltheologie für Studierende und Religionslehrer, Regensburg 1999, 15. ↑
- Nach W. Kasper gilt für die Dogmatik als wissenschaftlicher Reflexion des Glaubens der Kirche, „daß sie nicht nur feststellt, was in der Kirche gilt, sondern auch darlegt, warum es gilt“ (ders., Art. Dogmatik. In: 2NHthG I, 317), was impliziert, dass sich Fundamentaltheologie und Dogmatik bezüglich ihres Formalobjekts nicht mehr scharf voneinander scheiden lassen. Etwas vorsichtiger formuliert G. L. Müller, Dogmatik, 36, demzufolge Dogmatik „die methodisch reflektierte Darstellung von Realität und Zusammenhang der uns Menschen erlösenden Selbstmitteilung des dreifaltigen Gottes in Jesus Christus [ist], wie sie sich im Medium des kirchlichen Glaubensbekenntnisses (= symbolum, Dogma) ausdrückt.“ ↑
- Im deutschen Sprachraum liegen bis dato vergleichsweise wenige Monographien vor, die sich mit dieser Aufgabe befassen. Vgl. W. Pannenberg, Wissenschaftstheorie und Theologie, Frankfurt/M. 1973; H. Peukert, Wissenschaftstheorie – Handlungstheorie – Fundamentale Theologie. Analysen zu Ansatz und Status theologischer Theoriebildung, Düsseldorf 1976; R. Schaeffler, Glaubensreflexion und Wissenschaftslehre. Thesen zur Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte der Theologie, Freiburg/Br. 1980; J. Werbick, Einführung in die theologische Wissenschaftslehre, Freiburg/Br. 2010. ↑
- C. Böttigheimer, Lehrbuch der Fundamentaltheologie. Die Rationalität der Gottes-, Offenbarungs- und Kirchenfrage, Freiburg u.a. 22012, 81. ↑
- Das für die neuzeitliche Apologetik charakteristische Anliegen, den christlichen Glauben gegenüber den Einwänden der Religions-, Offenbarungs- und Kirchenkritik zu verteidigen, bildet ein Teilmoment grundlagenwissenschaftlicher Forschung. Ein zentrales Merkmal wissenschaftlicher Praxis besteht ja darin, sich mit interner oder externer Kritik auseinanderzusetzen, ja sogar aktiv nach möglichen Widerlegungen der eigenen Position zu suchen. In diesem Sinn prüft die Fundamentaltheologie bereits gegebene Antworten auf die von ihr behandelten Fragen und Probleme und setzt sich mit Einwänden auseinander, die gegen den christlichen Glauben vorgebracht werden. Dabei übt sie, wenn nötig, nach innen wie nach außen Kritik. Die fundamentaltheologische Arbeit kann daher auch die Form einer vom Glauben her motivierten Ideologie-, Religions-, Wissenschafts-, Technik- oder Gesellschaftskritik annehmen. ↑
- Vgl. P. Knauer, Der Glaube kommt vom Hören. Ökumenische Fundamentaltheologie, Freiburg 61991, 16. ↑
- Vgl. M. Seckler, Das Verhältnis von Fundamentaltheologie und Dogmatik. In: Dogmatik und Spiritualität. In: E. Schockenhoff & P. Walter (Hg.), Dogma und Glaube. Bausteine für eine theologische Erkenntnislehre, Mainz 1993, 101-129. ↑
- Pröpper, Theologische Anthropologie, Freiburg 2011, Bd. I, 75. Dabei ist zweierlei zu beachten: Zum einen bezeichnet das Bekenntnis zu Gottes Selbstoffenbarung in der geschichtlichen Gestalt Jesu zugleich Gehalt und Gestalt des christlichen Glaubens. Damit unterläuft es von Grund auf jedes Ansinnen, den Gehalt der christlichen Botschaft von ihrer geschichtlichen Gestalt zu trennen. Zum anderen: Indem das Bekenntnis zu Selbstoffenbarung Gottes als Liebe Jesu Lebenszeugnis in seiner Bedeutung für uns thematisiert, liegt es „jeder Entzweiung von Christologie und Soteriologie als ihre gemeinsame Wurzel voraus.“ So T. Pröpper, Erlösungsglaube und Freiheitsgeschichte. Eine Skizze zur Soteriologie, München 31991, 69. ↑
- Wissenschaftsrat, Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen, Berlin 2010, 52. ↑
- Müller, Dogmatik, 13f. ↑
- Die Systematisierung und Evaluierung lebensweltlicher Theorie und Praxis kennzeichnet keineswegs nur die Theologie. So vertritt etwa P. Hoyningen-Huene die pointierte These: „Die ganze Wissenschaft ist nur die Systematisierung des alltäglichen Denkens“ (ders., Information Philosophie 37 (2/2009) 22-27). ↑
- S. Kornmesser & G. Schurz, Die multiparadigmatische Struktur der Wissenschaften. Einleitung und Übersicht. In: dies. (Hg.), Die multiparadigmatische Struktur der Wissenschaften, Wiesbaden 2014, 11-46, hier 24. Vgl. zudem L. Laudan, Progress and its Problems. Towards a Theory of Scientific Growth, Berkeley/Los Angeles 1977. Laudans Konzept der Forschungstradition schließt kritisch an Thomas Kuhns paradigmatisches Wissenschaftsverständnis und Imre Lakatos Konzeption wissenschaftlicher Forschungsprogramme an. Ebenso wie Lakatos unterscheidet Laudan zwischen einem empirisch nicht überprüfbaren Kern fundamentaler wissenschaftlicher Theorien und deren empirisch überprüfbarem Hypothesenmantel. Im Unterschied zu Popper, Lakatos und Kuhn betont er allerdings, dass die Entwicklung wissenschaftlicher Theorien keineswegs nur das Verhältnis zur Empirie betrifft (Bewährung, Falsifikation, Anomalien), sondern sich ebenso sehr einer „theorieinternen Dynamik“ verdanke, die auf konzeptuellen Weiterentwicklungen und Problemlösungsvorschlägen beruhe. Theoriekerne sind aus Laudans Sicht weniger starr als Lakatos angenommen hatte. Das Movens wissenschaftlichen Fortschritts bestehe nicht in der bloßen Akkumulation empirischer Belege, sondern ebenso im Vergleich von Theorien hinsichtlich ihrer konzeptuellen Kohärenz und ihres Problemlösungspotenzials. ↑
- Eichstätt: Lehrstuhl für Christliche Spiritualität und Homiletik (Erwin Möde); Wien: Lehrstuhl für Theologie der Spiritualität (Marianne Schlosser); Augsburg: Stiftungsprofessur Theologie des geistlichen Lebens (Wolfgang Vogl); Zürich: Professur für Spiritual Care (Simon Peng-Keller), PTH Münster: Fakultätsschwerpunkt, PTH Heiligenkreuz: Institut für Spirituelle Theologie und Religionswissenschaft ↑
- Zur Entstehungsgeschichte des Fachs vgl. J. Weismayer, Theologie und Spiritualität. In: Lasset euch vom Geist erfüllen!” (Eph. 5,18) – Beiträge zur Theologie der Spiritualität, hrsg. v. d. Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität, Münster 2001, 289-306. ↑
- An deutschsprachigen katholisch-theologischen Fakultäten wird das Fach Theologie der Spiritualität oder Spirituelle Theologie entweder der Fachdisziplin Moraltheologie (Salzburg), Fundamentaltheologie (Regensburg, Vallendar) oder Dogmatik (Wien) zugeschlagen. Zur Geschichte der Einrichtung des Fachs an katholischen Fakultäten vgl. Peng-Keller, Einführung in die Theologie der Spiritualität, Darmstadt 2010, 15-21. ↑
- Ein Blick in die Theologiegeschichte macht deutlich, dass man bei innerkirchlichen Streitfragen letztlich oft nicht von der heiligen Schrift oder der dogmatischen Tradition her argumentierte; vor allem, wenn diese von den Streitparteien jeweils in ihrem Sinn ausgelegt werden konnten. In solchen Fällen wurde nicht selten vom Glaubensvollzug und mithin von dem her argumentiert, was die Praxis des Glaubens an propositionalen Gehalten entweder vorauszusetzen oder an praktischen Konsequenzen zu erfordern schien. Vgl. Greshake, Spiritualität und Dogmatik, 241-245, der den Zusammenhang der lex vivendi und der lex credendi anhand des frühkirchlichen Kampfes gegen die Gnosis, der christologischen Formel von Nikäa und der Auseinandersetzung des Konzils von Trient mit der Reformation exemplarisch verdeutlicht. ↑
- Die theoretische Rationalität der Annahmen, die eine solche Praxis impliziert, bemisst sich unter anderem an Kriterien wie Widerspruchsfreiheit, Zusammenhang, Erfahrungsbezug und Rechtfertigbarkeit. Was die Frage der praktischen Rationalität spiritueller Vollzüge betrifft, ist vor allem die Verhältnismäßigkeit von Mitteln und Zielen sowie die Lebensförderlichkeit der angestrebten Ziele in den Blick zu nehmen. Diesbezüglich gilt der Grundsatz: Eine spirituelle Praxis wäre in praktischer Rücksicht nicht rational, wenn sich ihre Zielsetzungen entweder gegenseitig ausschlössen oder wenn die für die Erreichung der Ziele gewählten Mittel nicht geeignet wären. Im Blick auf die Lebensförderlichkeit gilt der Grundsatz: Eine spirituelle Praxis wäre in praktischer Rücksicht nicht rational, wenn sie dem Leben und Zusammenleben abträglich wäre. ↑
- Dei Verbum, 2. ↑
- Vgl. ausführlich: D. Kraschl, Indirekte Gotteserfahrung. Ihre Natur und Bedeutung für die theologische Erkenntnislehre, im Erscheinen. Unter einer Erfahrungs- und Erkenntnispraxis ist im allgemeinen ein sozial etabliertes und kontrolliertes Zusammenspiel von Dispositionen und Handlungsweisen zu verstehen, in dessen Kontext auf der Grundlage spezifischer Erfahrungen (mutmaßlich mehrheitlich wahre) Überzeugungen über einen Gegenstandsbereich gebildet und bewertet werden. ↑
- Greshake, Spiritualität und Dogmatik, 239. ↑
- Augustinus, Contra epistolam Manichaei quam vocant Fundamenti Liber unus, cap. 5. 6 (CSEL XXV, p. 1, 197). ↑
- Vgl. M. Seckler, Theologie als kirchliche Wissenschaft. In: ders., Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Theologie. Theologie als schöpferischer Auslegung der Wirklichkeit, Freiburg 1980, 62-84. ↑
- Vgl. Greshake, Spiritualität und Dogmatik, 251. Wenn H. U. von Balthasar die Fundamentaltheologie als theologische Ästhetik („Erblickungslehre“) konzipiert, der es um die Einübung in die Schau der Offenbarungsgestalt geht, dann betont er damit zugleich den inneren Zusammenhang von christlicher Spiritualität und theologischer Erkenntnislehre. Vgl. ders., Herrlichkeit I. Schau der Gestalt, Einsiedeln/Trier 31988. ↑
- Vgl. L. Schwienhorst-Schönberger, Theologe und Lebensform. In: B. Leven (Hg.), Unabhängige Theologie. Gefahr für Glaube und Kirche?, Freiburg, 2016, 101-123, hier 107-116. ↑
- W. Kasper, Priesterausbildung und Priesterausbildung heute. Theologische Überlegungen zu den neuesten Umfrageergebnissen. In: ThQ 155 (1975), 308-318, hier 316. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass die Theologie ihrem nicht-wissenschaftlichen Ziel, der Glaubensverkündigung zu dienen, nur gerecht zu werden vermag, wenn ihre Lehrer nicht nur Buchgelehrte, sondern auch Glaubenszeugen sind. Aus diesem Grund gehört (neben der intellektuellen Eignung) eine mutmaßliche (Grund)Übereinstimmung von Leben und Lehre zu den kanonischen Bestellungsvoraussetzungen von Theologen. ↑
- Schwienhorst-Schönberger, Theologe und Lebensform, 116. ↑
- M. Luther konnte sagen: „Sola autem experientia facit theologum.“ In: D. Martin Luthers Werke, 120 Bde., Weimar, 1883-2009 (Weimarer Ausgabe), hier: Tischreden, Bd. 1, 16, 13 (Nr. 46). Die Orientierung an den kirchlichen Grundvollzügen als genuiner Erfahrungs- und Erkenntnispraxis christlichen Glaubens fungiert so als theologisches Korrektiv gegenüber einer einseitigen Orientierung an der Schrift („Biblizismus“), an der dogmatischen Überlieferung („Denzingertheologie“) oder am ordentlichen kirchlichen Lehramt („Lehramtspositivismus“). Vgl. M. Seckler, Das Verhältnis von Fundamentaltheologie und Dogmatik. In: E. Schockenhoff & P. Walter (Hg.), Dogma und Glaube. Bausteine für eine theologische Erkenntnislehre. Festschrift für Bischof Walter Kasper, Mainz 1993, 101-129. ↑
