Taufansprache

In leicht veränderter Form zuerst erschienen in: Gottes Wort im Kirchenjahr, Das Werkbuch für Verkündigung und Liturgie, Fasten und Osterzeit, Band. 2, Würzburg 2014, 230-231
„Von der Gabe zum Geber“
Wir haben uns versammelt, um miteinander ein Fest zu feiern. Wir tun dies, weil es uns drängt, der tiefen Dankbarkeit und Freude gemeinsam Ausdruck zu verleihen, die uns angesichts der kleinen Miriam erfüllt. „Wovon das Herz voll ist“, so sagt Jesus einmal, „davon geht der Mund über“ (Mt 12,34).
Im Mittelpunkt unseres Festes steht das Wunder des Lebens, das unter uns Wirklichkeit geworden ist. Wenn wir bewegt und ergriffen vor diesem Wunder stehen, erfahren es nicht als etwas, das wir uns selbst erarbeitet haben oder über das wir verfügen könnten. Vielmehr erfahren wir es als unverdientes Geschenk, als wunderbare Gabe.
Die Gabe aber verweist über sich hinaus. Sie verweist über sich hinaus auf einen Geber. Denn wir verdanken uns und alles, was uns gegeben ist, letztlich nicht uns selbst, unseren Eltern oder Mutter Natur, sondern einem, der uns und alles in dieser Welt übersteigt: dem Schöpfer des Himmels und der Erde.
Die wunderbare Gabe vereist über sich hinaus auf einen noch viel wunderbareren Geber. Vor ihm erfahren wir uns auch als einander gegeben. Aus diesem Grund stehen wir heute gemeinsam vor dem großen Gott. Wir können die Freude und Dankbarkeit, die unsere Herzen erfüllt, letztlich nur gemeinsamen und vor ihm voll und ganz zum Ausdruck bringen.
Der Geber in der Gabe
Die Gabe, so habe ich gesagt, verweist über sich hinaus auf den Geber. Manchmal fragen wir uns: Wie und wo können wir ihm begegnen? Während uns die Gabe so nahe ist, erscheint uns der Geber mitunter als entzogen.
Könnte es vielleicht sein – so möchte ich fragen –, dass wir ihn oft am falschen Ort suchen? Vielleicht sollten wir den Geber nicht irgendwo „dort droben“ suchen, sondern in dem, was er uns gibt. Der Geber ist nicht abwesend, sondern er west in der Gabe an, die er schenkt. In ihr will er uns nahe sein. Er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, begegnet uns im zerbrechlichen Geschenk des Lebens, das wir stauend und dankbar in unseren Händen halten. In ihm kommt er uns nahe, berührt er uns, teilte uns seine göttliche Liebe mit, die alles Begreifen übersteigt.
Das gilt für euch, liebe Astrid und lieber Max, die ihr in Miriam Gottes zärtliche Zuwendung und liebevollen Zuspruch erfahren dürft. Aber es gilt ebenso für unseren Täufling, die kleine Miriam. Eure selbstlosen Hingabe und Sorge soll für Miriam zum Gleichnis der unbedingten Liebe Gottes werden. In eurer Liebe soll sie gleichnishaft den Geber alles Guten erfahren und erahnen, von dem alles kommt und in dem alles sein Ziel hat.
Von der Gabe zur Aufgabe
Vielleicht schreckt Ihr vor einer so großen Verantwortung sogar ein wenig zurück. Das wäre verständlich. Und doch spiegelt sich in ihr nicht weniger als unsere christliche Berufung: Wir sollen einander so lieben, wie ER uns geliebt hat, damit die Welt IHN erkennt.
Die Gabe, die uns mit Dankbarkeit und Freude erfüllt, ist damit zugleich etwas, das uns aufgegeben ist. Sie ist uns Aufgabe. In dem er euch entschieden habt, Miriam zu taufen, habt ihr euch entschieden, diese ebenso große wie schöne Aufgabe zu übernehmen. Ihr seid dabei nicht alleine. Ihr seid getragen von der Gemeinschaft der Glaubenden, die euch bei dieser Aufgabe unterstützt. Und wenn ihr nie vergesst, dass euch in der Gabe der Geber nahe ist, dann wird diese Aufgabe nicht weniger als eine freudige Begegnung mit dem Urquell des Lebens und der Liebe sein. Amen.
P. Dominikus Kraschl OFM
