Lassen sich fremdpsychische Zustände wahrnehmen?
Abstract: Der Beitrag diskutiert die Frage, ob sich fremdpsychische Zustände unter bestimmten Umständen wahrnehmen lassen. Dagegen lässt sich einwenden, dass fremdpsychische Zustände empirisch nicht zugänglich und deshalb allenfalls indirekt erschließbar seien. Diese in der Literatur immer wieder anzutreffenden Auffassung liegt allerdings ein empiristisch enggeführter Wahrnehmungsbegriff zu Grunde. Der Beitrag stellt diesem einen weiter gefassten repräsentationalen Wahrnehmungsbegriff gegenüber und erläutert dessen Anwendungsbedingungen bezüglich der Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände.
Zuerst erschienen in: KRITERION – JOURNAL OF PHILOSOPHY, 29 (2015), S. 93-120

I. Einleitung
In seinem 1950 erschienenen Aufsatz „Computing Machinery and Intelligence“ stellt Alan Turing die Frage: Können Maschinen denken?[1] Weil sich schwer definieren lässt, was „denken“ bedeutet, schlägt er vor, diese Frage durch eine operationalisierbare Frage zu ersetzen. Sie lautet: Sind Computer vorstellbar, die eine menschliche Person erfolgreich imitieren?[2] Mithilfe des Turing-Tests soll demnach überprüft und festgestellt werden, ob eine Maschine fähig ist, intelligentes Verhalten zu zeigen, das von dem einer menschlichen Person nicht mehr unterscheidbar ist.
Der Test ist so konzipiert, dass sich ein Mensch über eine Tastatur und einen Bildschirm mit zwei ihm unbekannten Kommunikationspartnern unterhält, die er weder sehen noch hören kann.[3] Einer der beiden Kommunikationspartner ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Der menschliche Fragesteller hat die Aufgabe herauszufinden, welcher von beiden die Maschine ist. Gelingt es ihm das nach einer Reihe von Versuchen nicht, hat die Maschine den Turing-Test bestanden und man kann ihr ein dem Menschen vergleichbares Denkvermögen zuschreiben.[4]
Turing legte sogar eine Erfolgsquote fest: Wenn die Maschine in einer Serie von fünfminütigen schriftlichen Konversationen in mehr als 30 Prozent der Fälle für einen Menschen gehalten wird, sei der Turing-Test als bestanden anzusehen. Anlässlich des 60. Todestages Alan Turings wurde sein Test am 7. Juni 2014 an der britischen Universität Reading erneut durchgeführt. Dabei sei er erstmals in der Geschichte bestanden worden. Eine russische Software, die bereits 2012 einmal knapp an der 30-Prozentmarke scheiterte, erreichte diesmal respektable 33 Prozent.[5]
Turings Frage war, ob es Maschinen geben könnte, denen wir Denkvermögen (und mit ihm intentionale Zustände) zuschreiben müssen. Sein Test macht die Frage überprüfbar, indem er operationales Kriterium für den Besitz von Denkvermögen formuliert. Turings Test wirft freilich die Anschlussfrage auf, ob es nicht Maschinen geben könnte, die sich wie Menschen verhalten, ohne über subjektive Bewusstseinszustände zu verfügen. In diesem Fall würde Turings operationales Kriterium zu kurz greifen.[6] Die Frage, ob derartige Maschinen oder sogar menschenartige Wesen ohne Bewusstseinszustände, sogenannte Zombies, metaphysisch möglich sind, wird in der zeitgenössischen Philosophie des Geistes kontrovers diskutiert. Ich will sie hier offen lassen. Mir geht es lediglich darum deutlich zu machen, dass die Zuschreibung fremdpsychischer Zustände eine heikle Angelegenheit ist, bei der unsere Alltagsintuitionen an gewisse Grenzen stoßen.[7]
Im Alltag beschäftigt die Menschen meist nicht, ob Maschinen denken können oder Zombies vorstellbar sind. Sie beschäftigt vielmehr, wie sie die seelisch-geistigen Zustände unserer Mitmenschen erkennen können. Nicht selten möchten wir herausfinden, was eine andere Person denkt, empfindet oder beabsichtigt – vor allem, wenn es uns betrifft. Das gilt für die Cyberwelt mit ihren Singlebörsen und sozialen Netzwerken ebenso wie für die alltägliche Welt der privaten, politischen und ökonomischen Beziehungen. Für virtuelle und nicht-virtuelle Welten gilt, dass Personen das, was in ihnen vorgeht, nur vermittelt durch interpretationsbedürftige Zeichen und Zeichenhandlungen mitteilen können.
Mitunter meinen wir, gute Gründe für die Vermutung zu haben, dass eine fremde Person sich gerade in diesem oder jenem psychischen Zustand befindet. Vermutungen sind allerdings nicht dasselbe wie Wahrnehmungen. An diese Unterscheidung anknüpfend erörtert dieser Beitrag, ob und wenn ja, unter welchen Bedingungen, wir fremdpsychische Zustände bisweilen wahrnehmen können. Können wir manchmal „sehen“, „hören“ oder „spüren“, dass eine andere Person heiter, traurig oder nachdenklich gestimmt ist? Im Alltag reden wir so. So mag etwa eine Frau ihrem sie beschwichtigenden Mann entgegenhalten: „Erzähl mir doch nichts – ich sehe doch, dass du schlecht gelaunt bist!“ Aber was sieht sie denn da? Doch nicht seine schlechte Laune – oder etwa doch?
Haben wir es hier mit einer metaphorischen Redeweise zu tun? In diesem Fall gälte: Wenn jemand sagt, „er ‚sehe‘ die Freude, die Angst oder den Ekel des anderen, so handelt es sich dabei um eine Schlußfolgerung aufgrund der wahrgenommenen Verhaltensänderungen.“[8] Das Verstehen anderer Personen wäre somit inferentieller Natur, und die Zuschreibung psychischer Zustände wäre als Schluss auf die beste Erklärung bzw. Vorhersage von Verhaltensdaten aufzufassen.[9]
Ludwig Wittgenstein vertrat demgegenüber die Auffassung, dass wir seelische Empfindungen nicht indirekt erschließen, sondern tatsächlich wahrnehmen. Sehen wir beispielsweise (in) das Antlitz eines frohen oder verängstigten Menschen, sehen wir kein Mienenspiel, das wir dann als Gemütsausdruck deuten. Vielmehr sehen wir von vornherein ein frohes oder verängstigtes Gesicht. Ein Gesicht als fröhlich oder verängstigt wahrzunehmen ist Wittgenstein zufolge aber etwas anderes als es derart zu deuten.[10]
II. Begriffliche Annäherungen
Die Untersuchung der Frage, ob sich fremdpsychische Zustände bisweilen wahrnehmen lassen, macht einige Erläuterungen zum Konzept der Wahrnehmung wie zur Natur (fremd)psychischer Zustände erforderlich. Die Problematik, die sich hinter der Frage verbirgt, soll im Anschluss an die begrifflichen Klärungen genauer herausgearbeitet werden.
a) Wahrnehmung
Der Begriff der Wahrnehmung umfasst mehrere Gebrauchsweisen. Im Kontext philosophischer Wahrnehmungstheorien lässt sich zwischen
- »wahrnehmen, dass«,
- »wahrnehmen als« und
- »einfach wahrnehmen« differenzieren.
Im ersten Fall nimmt ein Subjekt S wahr, dass ein Sachverhalt p besteht. Beispielsweise: „Peter nimmt wahr, dass es regnet.“ Im zweiten Fall nimmt S etwas als p wahr. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: „Peter nimmt das tropfende Wasser als Regen wahr.“ Im dritten Fall nimmt S einfach p wahr. Etwa: „Peters Hund nimmt den Regen wahr.“ Bei (i) und (ii) handelt es sich um propositionale Gebrauchsweisen. Sie implizieren, dass etwas als etwas konzeptualisiert wird. Das gilt für (iii) nicht, weshalb man in diesem Fall von eine nicht-propositionalen Gebrauchsweise sprechen kann.[11]
Im Hinblick auf die Fragegestellung dieses Beitrags werde ich mich auf die beiden ersten propositionalen Gebrauchsweisen konzentrieren. Sie weisen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Gemeinsam ist »wahrnehmen, dass« und »wahrnehmen als« zunächst, einen intentionalen und phänomenalen Gehalt zu besitzen. Als intentionale Bewusstseinszustände sind Wahrnehmungen auf Objekte oder Vorgänge gerichtet.[12] Umgekehrt repräsentieren Wahrnehmungen extra-mentale Objekte und Vorgänge (mehr oder weniger zutreffend). Dies geschieht über den phänomenalen Gehalt, der die subjektive Erfahrungsweise der Objekte und Vorgänge charakterisiert. Der phänomenale Gehalt ist in Form von introspektiv zugänglichen phänomenalen Qualitäten gegeben.
Der Ausdruck »wahrnehmen, dass« bezeichnet grundsätzlich den Vorgang oder das Ergebnis des Informationserwerbs durch Reizverarbeitung. Der Ausdruck impliziert ein kognitives und propositionales Wahrnehmungsverständnis:
Um einen propositionalen Begriff von Wahrnehmung handelt es sich insofern, als er die Fähigkeit voraussetzt, Konzepte erfolgreich zu applizieren. Nimmt Peter beispielsweise wahr, dass es draußen regnet, muss er über die Konzepte „draußen“ und „regnen“ verfügen und um die logischen Beziehungen zwischen ihnen wissen. Andernfalls kann man ihm nicht zuschreiben, wahrzunehmen, dass dieser Sachverhalt besteht.
Um einen kognitiven Wahrnehmungsbegriff handelt es sich insofern, als »wahrnehmen, dass« im Sinn eines Erfolgsbegriffs gebraucht wird. Wenn Peter wahrnimmt, dass es regnet, dann muss dieser Sachverhalt auch bestehen. Spricht man in dieser Weise von Wahrnehmung, handelt es sich um eine externe Beschreibung. Als solche thematisiert sie eine Erkenntnisbeziehung zwischen dem Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen. Im Fall kognitiven Wahrnehmens (»wahrnehmen, dass«) repräsentiert der phänomenale Gehalt der Wahrnehmung empirische Tatsachen wie etwa Eigenschaften von extra-mentalen Objekten oder Vorgängen. Nehme ich beispielsweise wahr, dass der Bildschirm meines PCs rechteckig ist, dann repräsentiert mein phänomenales Erleben des Bildschirms als rechteckig eine geometrische Eigenschaft eines physischen Objekts. Nehme ich wahr, dass das vor mir liegende Buch blau ist, dann repräsentiert diese Farbwahrnehmung vermutlich die Dispositionseigenschaft des Buches, bei normalsichtigen Menschen unter normalen Lichtverhältnissen Blauwahrnehmungen hervorzurufen.[13]
Auch die Gebrauchsweise (ii) »etwas wahrnehmen als p« setzt konzeptuelle Fähigkeiten voraus.[14] Im Unterschied zu »wahrnehmen, dass p« ist »etwas als p wahrnehmen« allerdings mit (partiellen) Fehlwahrnehmungen vereinbar. Aus diesem Grund gilt: »wahrnehmen, dass p« impliziert »wahrnehmen als p«, während dies umgekehrt nicht der Fall ist. So mag etwa jemand ein zur Hälfte ins Wasser getauchtes Ruder als geknickt wahrnehmen, obwohl das Ruder nicht geknickt ist. Dieser Sachverhalt lässt sich auch so erläutern: Wenn Peter wahrnimmt, dass es regnet, dann urteilt er zutreffend, dass der Sachverhalt „es regnet“ besteht. Wenn Peter dagegen ein zur Hälfte ins Wasser getauchtes Ruder als geknickt wahrnimmt, dann impliziert das kein Urteil darüber, ob das Ruder tatsächlich geknickt ist oder nicht. Alles, was er sagt, ist, dass es ihm so erscheint. Sagen wir, dass ein Subjekt einen Gegenstand als so-und-so wahrnimmt, handelt es sich um eine interne Beschreibung. Interne Beschreibungen lassen offen, ob das, was vermeintlich wahrgenommen wird, auch tatsächlich besteht.
Eine weitere wichtige Unterscheidung soll nicht unerwähnt bleiben. Wahrnehmungen können direkt oder indirekt sein. Diese Unterscheidung kann sich auf die Frage beziehen, ob der Gegenstand der Wahrnehmung durch mentale Repräsentationen vermittelt ist oder nicht.[15] Die Unterscheidung kann sich aber auch auf die Möglichkeit beziehen, Gegenstände entweder unvermittelt oder vermittelt durch (natürliche oder konventionelle) Zeichen wahrzunehmen. Beim Autofahren kann ich ein vor mir fahrendes Auto unmittelbar wahrnehmen. Überhole ich das Auto, kann ich es hingegen nur mehr vermittelt, nämlich über meinen Rückspiegel, wahrnehmen. In diesem Fall fungiert das im Rückspiegel sichtbare Spiegelbild als natürliches Zeichen für das hinter mir fahrende Auto. Dies ist möglich, weil der Rückspiegel das auf ihn treffende Licht so reflektiert, dass es seine Parallelität behält und ein zweidimensionales Abbild der dem Rückspiegel zugewandten Seite des Autos entsteht.[16]
Wahrnehmungsaussagen der Form »ein Subjekt nimmt wahr, dass p« implizieren zutreffende Wahrnehmungsurteile, die man auch als Wahrnehmungserkenntnis bezeichnen kann. Gleichwohl ist Wahrnehmungserkenntnis nicht mit schlussfolgerndem Erkennen zu verwechseln, das sich auf Wahrnehmungen stützt. Im letzteren Fall erweitern wir unser Wissen, indem wir aus Aussagen, die sich auf Wahrnehmungen stützen, über sie hinaus gehende Aussagen ableiten oder erschließen. Dabei bedienen wir uns entweder deduktiver, induktiver oder abduktiver Schlussformen. Im Fall der Wahrnehmungserkenntnis dagegen erweitern wir unser Wissen, indem wir Reize aus der Umwelt verarbeiten und dadurch Informationen über die Beschaffenheit extra-mentaler Objekte oder Vorgänge gewinnen. Dabei werden Reize aus der Umwelt über die Sinneskanäle aufgenommen und über automatisiert ablaufende Prozesse zunächst in Inputs der Form »ein Subjekt S nimmt einen Gegenstand x als die Eigenschaft F habend wahr« und schließlich in doxastische Outputs der Form »S urteilt, dass x die Eigenschaft F hat« überführt.
Nehmen wir nun an, ein dreijähriges Mädchen sieht seine Mutter, wie diese weint, schluchzt und zittert. Spontan fragt es: „Mama, warum bist du so traurig!?“ Würden wir in diesem Fall sagen, dass das Mädchen bewusst von einem beobachteten körperlichen Vorgang auf das Vorliegen eines seelischen Zustands schließt? Mir scheint, wir würden eher sagen, dass das Mädchen seine Mutter als traurig erlebt und deshalb ohne jeden zwischengeschalteten Prozess des Überlegens oder Schließens zur Überzeugung gelangt, dass sie tatsächlich traurig ist. Eine phänomenologische Beschreibung des skizzierten Vorgangs lässt diesen nicht als Deutung, Vermutung oder Schlussfolgerung, sondern als Wahrnehmung erscheinen.
Diese Unterscheidung ist für die Frage der Wahrnehmbarkeit fremdseelischer Zustände bedeutsam. Würden wir die Erkenntnis fremdpsychischer Zustände so verstehen, dass wir von Wahrnehmungen körperlicher Zustände auf an sie gekoppelte seelische Zustände schließen, könnten wir in Bezug auf sie kaum noch von Wahrnehmung sprechen. Es würde sich vielmehr um einen Schluss auf der Grundlage von Wahrnehmungen handeln.[17]
b) Fremdpsychische Vorgänge und Zustände
Ob ein Gegenstand wahrnehmbar ist oder nicht, hängt davon ab, welcher Natur er ist. So sind beispielsweise abstrakte Entitäten wie Zahlen, Melodien oder Ideale kein möglicher Gegenstand sinnlicher Wahrnehmung. Möchte man klären, ob fremdpsychische Zustände Gegenstand menschlicher Wahrnehmung sein können, muss man sich demzufolge über die Natur psychisch-mentaler Zustände Rechenschaft geben. (Der Einfachheit halber spreche ich nachfolgend nur von psychischen Zuständen, obwohl psychische Prozesse und Vorgänge mitgemeint sind; letztere lassen sich als Abfolgen psychischer Zustände auffassen). Die Frage nach der Natur psychischer Zustände sowie ihrer Beziehung zu physischen Zuständen wird innerhalb der Philosophie des Geistes bekanntermaßen kontrovers diskutiert. Angesichts der unübersichtlichen Diskussionslage werde ich mich im Wesentlichen darauf beschränken, meine eigene Einschätzung der Frage zu skizzieren – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit.
Psychische Zustände präsentieren sich phänomenologisch gesehen als Zustände eines Bewusstseins. Dazu gehören Emotionen, Stimmungen und Wünsche ebenso wie Erinnerungen, Gedanken, Überzeugungen, Pläne oder Ziele. Bewusstseinszustände sind uns direkt nur aus der subjektiven Perspektive der ersten Person zugänglich. Das Vermögen, ihrer innezuwerden, wird auch als Vermögen der Introspektion bezeichnet. In diesem Sinn kann ich mir etwa dessen innewerden, dass ich mich gerade heiter oder vielleicht auch traurig gestimmt fühle. Ich kann mir bewusst machen, welche Gedanken mich gerade beschäftigen, oder was ich gerade erlebe. So habe ich gegenwärtig etwa den Eindruck, schreibend vor einem Bildschirm zu sitzen und nicht etwa, dozierend vor einem Auditorium zu stehen. Aus der Perspektive der dritten Person dagegen sind Bewusstseinszustände nicht direkt zugänglich. Würde mich jemand gerade beobachten, könnte er nicht wissen, welche Gedanken mir gerade durch den Kopf gehen oder was ich gerade fühle oder erlebe. Er könnte allenfalls mehr oder weniger gut begründete Vermutungen anstellen.[18]
Psychische Zustände besitzen überhaupt eine andere phänomenale Gegebenheitsweise als physikalisch beschreibbare Strukturen und Vorgänge. Diese Asymmetrie deutet darauf hin, dass psychisch-mentale und physisch-materielle Zustände unterschiedlicher Natur sind. Dafür sprechen unter anderem folgende Beobachtungen:[19]
(i) Unser Gehirn mitsamt den physiko-chemischen Prozessen, die in ihm ablaufen, ist räumlich ausgedehnt. Im Gegensatz dazu erscheint unser Erleben mit seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen nicht räumlich ausgedehnt zu sein. Der denkende Nachvollzug der Gleichung 3 + 4 = 7 oder ein Gefühl der Freude über den Sieg einer Fußballmannschaft mag zwar eine physiologische Basis haben. Dennoch scheinen unsere Gedanken oder Gefühle als Bewusstseinszustände nicht räumlich ausgedehnt zu sein. Das aber spricht für die kategoriale Verschiedenheit von psychischen und physischen Zuständen.
(ii) Während viele psychische Zustände einen subjektiven und qualitativen Charakter haben – sie fühlen sich für mich auf eine bestimmte Weise an –, scheint es prima facie ein Kategorienfehler zu sein, dem Gehirn subjektiv-qualitative Erlebnisse zuzuschreiben. Physische und funktionale Strukturen und Vorgänge werden mithilfe der formal-funktionalen Sprache der Naturwissenschaften beschrieben und erklärt. Psychisch-mentale Erlebnisse können auf dieser Ebene der Beschreibung nicht oder nur eingeschränkt in den Blick kommen. Andererseits lassen sich selbst wissenschaftliche Theorien nur von erkennenden bzw. erlebenden Subjekten formulieren. Alle Versuche, derartige Subjekte entweder ganz zu eliminieren oder sie auf nicht-mentale Objekte und Ereignisse zu reduzieren, laufen allem Anschein nach auf einen performativen Selbstwiderspruch hinaus.
Damit hängt ein weiteres Problem des Physikalismus zusammen: Wer die Natur eines Erlebnisses ergründen will, indem er sich auf etwas bezieht, was gar kein Erlebnis ist, scheint dabei einen referenziellen Fehlschluss zu begehen. Bei Erlebnissen gibt es nämlich keinen Unterschied zwischen (subjektiver) Erscheinung und (objektiver) Wirklichkeit. Die Natur eines qualitativen Erlebnisses erschließt sich gerade dadurch, dass sich dasselbe „auf eine bestimmte Weise anfühlt“. Qualitative Eigenschaften lassen sich aus diesem Grund nicht auf quantitative Eigenschaften – d.h. auf relationale und funktionale Strukturen – reduzieren. Wenn wir Wasser mit der molekularen Verbindung H2O identifizieren, geben wir uns mit einer derartigen Beschreibung zufrieden; nicht aber im Fall des qualitativen Erlebens: Wir würden nicht sagen, dass ein stechender Schmerz im Grunde das Feuern von C-Fasern (bzw. das damit Gemeinte) ist.
(iii) Unser Organismus und Gehirn können wissenschaftlich erforscht werden und sind insofern prinzipiell allen Menschen zugänglich. Demgegenüber ist unser seelisch-geistiges Erleben nur uns selbst direkt zugänglich. Es ist in diesem Sinn privat. Ähnliches gilt von den Eigenschaften der Intentionalität und Unbezweifelbarkeit, die seelisch-geistige Zustände auszeichnen, nicht aber physisch-funktionale Strukturen und Prozesse.
Aus den genannten Beobachtungen lassen sich eine ganze Reihe von sehr ernst zu nehmenden Argumenten gegen den Physikalismus in der Philosophie des Geistes formulieren. Sie sprechen gegen die Naturalisierbarkeit psychischer Zustände.[20]
III. Ein Argument gegen die Wahrnehmbarkeit fremdpsychischer Zustände
Die Natur seelisch-geistiger Zustände erschließt sich über ihre phänomenale Gegebenheitsweise, und diese wiederum steht in diametralem Gegensatz zur Gegebenheitsweise physischer Zustände. Psychisch-mentale Zustände sind deshalb allem Anschein nach keine physischen Zustände. Mit dieser Annahme ist freilich noch nicht bestimmt oder erläutert, was psychische Zustände positiv gesehen sind. Dies muss hier allerdings nicht geklärt werden, da für unsere Zwecke eine negative Abgrenzung durchaus genügt.
Aufgrund ihrer privaten Natur lassen sich psychische Zustände und Vorgänge allem Anschein nach weder mit den leiblichen Sinnen noch mit technischen Instrumenten direkt beobachten, sondern nur indirekt erschließen. Eine derartige indirekte Erschließung psychischer Zustände lässt sich zunächst über die Beobachtung und Analyse des Verhaltens einer Person erreichen. Hinzu kommen heute bildgebende Verfahren wie die funktionale Magnetresonanz-Tomographie (engl.: fMRI), mit deren Hilfe sich neuronale Strukturen und Prozesse analysieren lassen, die psychische Zustände und Vorgänge begleiten und bedingen. Aus der indirekten Gegebenheitsweise fremdpsychischer Zustände lässt sich folgendes Argument gegen ihre intersubjektive Wahrnehmbarkeit vorbringen:
- Was nicht empirischer Natur ist, lässt sich nicht wahrnehmen.
- Fremdpsychische Zustände sind nicht empirischer Natur.
- Also lassen sich fremdpsychische Zustände nicht wahrnehmen.
Das Prädikat „empirisch“ verstehe ich derart, dass mit ihm Eigenschaften herausgegriffen werden, die wenigstens im Prinzip mithilfe der empirischen Wissenschaften zureichend beschrieben und/oder erklärt werden können. (Sekundäre Eigenschaften!?) Prämisse (1) impliziert übrigens nicht notwendigerweise, dass alles, was die empirischen Wissenschaften untersuchen, wahrnehmbar ist, sondern nur, dass das, was wahrnehmbar ist, mit einer Teilmenge dessen zusammenfällt, was die empirischen Wissenschaften untersuchen. Wenn aber psychische Zustände nicht Teil dessen sind, was die empirischen Wissenschaften zureichend beschreiben und/oder erklären können, fallen sie auch nicht unter die Teilmenge dessen, was wir wahrnehmen können. Das Verb „wahrnehmen“ dagegen bezieht sich auf eine durch die Sinne vermittelte Wahrnehmung. (Der Begriff einer „inneren Wahrnehmung“ im Sinn der Introspektion fällt also nicht unter Wahrnehmung im obigen Sinn).
Der Konklusion dieses Arguments steht die Praxis unseres alltägliches Erlebens und Sprechens entgegen. Im Alltag reden wir nicht selten so, als ob sich fremdpsychische Zustände bisweilen wahrnehmen lassen. Freilich könnte man dagegen halten, dass es sich dabei um eine metaphorische oder elliptische Rede handle. In diesem Fall bezöge sich „wahrnehmen“ nur auf körperliche Vorgänge und Verhaltensweisen, während die mit ihm einhergehenden seelischen Zustände, nicht wahrgenommen, sondern nur vermutet oder erschlossen werden.
Wer sich mit dieser Antwort zufrieden gibt, beantwortet die Frage, ob sich fremdpsychische Zustände mitunter wahrnehmen lassen, negativ. Das ist zweifelsohne eine mögliche Antwort. Ob es die beste oder gar einzig mögliche Antwort ist, steht auf einem anderen Blatt. Das kleine Mädchen, welches einfach zu spüren meint, dass seine Mutter traurig ist, würde sich sein Erleben und Reden vermutlich ungern ausreden lassen. Dasselbe gilt für die eingangs erwähnte Ehefrau. Sie ist überzeugt, ihrem Gatten anzusehen, dass er schlechte Laune hat, und wird sich das kaum ausreden lassen. Vielleicht hat sie ja insofern Recht, als sich das obige Argument erfolgreich kritisieren lässt? Wir müssen näher zusehen.
IV. Diskussion des Arguments
Das obige Argument gegen die Wahrnehmbarkeit fremdpsychischer Zustände ist formal gesehen gültig. Wollen wir es kritisch prüfen, müssen wir die materiale Stichhaltigkeit seiner Prämissen evaluieren.
Das klassische Programm, Prämisse (2) zu attackieren, formulierte der Behaviorismus.[21] Behavioristen wie John B. Watson oder Burrhus F. Skinner wiesen die Bezugnahme auf eigene oder fremde Bewusstseinszustände, wie überhaupt auf alle Begriffe, die der Bewusstseinssphäre angehören, zur Beschreibung und Erklärung tierischen oder menschlichen Verhaltens als unwissenschaftlich zurück. Dabei ging es ihnen darum, die Psychologie als exakte Wissenschaft im Sinn einer Naturwissenschaft zu begründen.[22]
Die radikalste Form des Behaviorismus ist der analytische Behaviorismus. Diesem zufolge sollten Ausdrücke der Bewusstseinssprache durch Ausdrücke substituiert oder auch paraphrasiert werden, die Verhaltensweisen und Verhaltensdispositionen bezeichnen. Die Aussage: „Petra wünscht sich zu Weihnachten eine Puppe“ sei beispielsweise zu ersetzen durch: „Petra schreibt einen Brief ans Christkind“ oder: „Wenn zu Weihnachten keine Puppe unter dem Christbaum liegt, wird Petra weinen“ etc.[23]
Die These, dass man in der Beschreibung und Erklärung tierischen und menschlichen Verhaltens ganz ohne psychologisches Vokabular auskommen könnte, ist sehr problematisch und wird in der zeitgenössischen Psychologie kaum noch vertreten. Das bedeutet allerdings nicht, dass das szientifische Projekt des Behaviorismus aufgegeben worden wäre. Verschiedene Spielarten des sogenannten „harten Naturalismus“ in der Philosophie des Geistes schreiben das Projekt unter etwas anderen Vorzeichen fort. Ihnen zufolge gibt es psychische im Sinn von empirisch nicht zugänglichen Zuständen entweder gar nicht (Eliminativismus), oder psychische Zustände sind letztlich mit empirischen Zuständen identisch (reduktiver Physikalismus).[24] In beiden Fällen verbindet sich ein methodischer Physikalismus mit einem ontologischen Physikalismus. David Lewis brachte das physikalistische Credo folgendermaßen auf den Punkt: „Die Welt ist so, wie die Physik sie beschreibt, und mehr gibt es darüber nicht zu sagen.“[25]
Hätte der Physikalismus Recht, dann wären psychische Zustände in letzter Analyse physische Zustände. Damit aber wären sie, wenigstens im Prinzip, empirisch beobachtbar und beschreibbar. Die Bemühungen, erstpersönliches Erleben zu naturalisieren, sind bislang allerdings an gewisse Grenzen gestoßen. Der Optimismus des vergangenen Jahrhunderts, psychische Zustände in absehbarer Zeit auf physische Zustände zurückführen zu können, ist innerhalb der Philosophie des Geistes einer gewissen Ernüchterung und Zurückhaltung gewichen.[26] Nicht zuletzt aus diesem Grund sowie der unter II. b) angestellten Beobachtungen möchte ich in diesem Beitrag dafür plädieren, nicht Prämisse (2), sondern vielmehr Prämisse (1) des obigen Arguments in Zweifel zu ziehen. Dieser Prämisse zufolge beschränkt sich unsere Wahrnehmung auf empirisch Gegebenes. Will man diese These angreifen, muss man zeigen, dass unsere Wahrnehmung über empirisch Gegebenes hinausgehen kann. Dabei muss man keineswegs behaupten, die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände stelle womöglich eine Form außersinnlicher Wahrnehmung (ASW) dar. Die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände scheint ein alltägliches Phänomen zu sein, das wenigstens im Regelfall kein gleichsam übersinnliches Wahrnehmungsvermögen voraussetzt.
Meine Kritik an Prämisse (1) umfasst zwei Schritte. In einem ersten Schritt zeige ich, dass Wahrnehmung grundsätzlich über die von den Sinnen übermittelte Information hinausgeht. In einem zweiten Schritt mache ich deutlich, dass das obige Argument die Möglichkeit indirekter Wahrnehmungsweisen unberücksichtigt lässt. Auf der Basis dieser Kritik werde ich ein Modell der Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände skizzieren.
a) Die Theoriebeladenheit der Wahrnehmung
Kognitiven Wahrnehmungstheorien zufolge geht jedes Wahrnehmungsurteil über das hinaus, was über die Sinneskanäle an Informationen (Sinnesdaten) übermittelt wurde. Wahrnehmung ist demzufolge nicht einfach nur ein Decodieren von über die Sinneskanäle aufgenommenen Daten. Wahrnehmungsurteile werden vielmehr mithilfe von universalen Konzepten und Kategorien – sogenannten „theories of mind“ – gefällt, die es allererst ermöglichen, Objekte oder Ereignisse zu diskriminieren und zu klassifizieren.[27]
Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas, ist das bereits ein interpretativer Vorgang, bei dem wir uns auf bestimmte Aspekte konzentrieren und andere mögliche Aspekte außer Acht lassen.[28] Fassen wir etwas als von seiner Umwelt unterschiedene Ganzheit auf und subsumieren es unter eine bestimmte Klasse von Gegenständen, ist das ebenfalls ein interpretativer Vorgang. Meint ein Wanderer beispielsweise, eine Kuh auf einer nahegelegenen Weide liegen zu sehen, geht er deutlich über das hinaus, was ihm anschaulich gegeben ist. Aufgrund seiner Wahrnehmung nimmt er (nämlich) an, dass es sich um ein Lebewesen handelt und nicht etwa um eine täuschend echt aussehende Plastikkuh. Er nimmt an, dass es sich um ein Säugetier handelt und nicht etwa um ein Exemplar einer bislang unentdeckten Spezies, die bloß phänotypisch einer Kuh gleicht. Mit der Beschreibung als Kuh verbindet er darüber hinaus Erwartungen an das Verhalten des vermeintlich oder wirklich wahrgenommenen Objekts. Hinter dem angewandten Konzept „Kuh“ steht eine mehr oder weniger differenzierte Kuhtheorie: ein System von Annahmen darüber, was Kühe sind, wie sie sich verhalten und anderes mehr. Das Beispiel zeigt, dass Hintergrundüberzeugungen und vorgängige Erwartungen bereits im Hinblick auf die Identifizierung einer anschaulich gegebenen Gestalt als Kuh eine zentrale Rolle spielen. Das zeigt sich in unserem Beispiel etwa daran, dass der Wanderer es für wenig wahrscheinlich hält, an dieser Stelle eine Plastikkuh zu sehen, und noch unwahrscheinlicher, dass er eine bislang unbekannte kuhgestaltige Spezies entdeckt hat, die sich womöglich fortpflanzt, indem sie Eier legt.[29]
„Das Phänomen, dass Auffassungen von Erfahrungssituationen von zahlreichen Annahmen abhängen, bezeichnet man in der Wissenschaftstheorie als Theoriebeladenheit von Beobachtungen. Die gibt es auch bei wissenschaftlichen Beobachtungen. Selbst einfache Messungen beruhen auf Voraussetzungen. Stellen wir zum Beispiel durch Abtragen eines Meterstabs auf zwei Strecken deren gleiche Länge fest, so setzen wir voraus, dass der Meterstab beim Transport seine Länge nicht verändert, und das können wir offenbar nicht wieder durch Messungen mit dem Meterstab überprüfen.“[30]
Aussagen über empirische Tatsachen gehen über das hinaus, was sich allein durch empirische Beobachtungen rechtfertigen lässt. Das, was wir beobachten, wird zu einem guten Teil von vorgängigen Hintergrundtheorien und damit verbundenen Erwartungen mitbestimmt. Ein enges empiristisches Wahrnehmungsverständnis, welches trennscharf zwischen sinnlich Gegebenem und seiner begrifflichen Deutung unterscheiden möchte, greift aus diesem Grund zu kurz. Es trägt der Theoriebeladenheit der Wahrnehmung zu wenig Rechnung.[31]
Im Anschluss an die oben angestellten begrifflichen Erläuterungen ist zu betonen, dass »wahrnehmen als p« (für sich genommen oder als Implikat von „wahrnehmen, dass p“) stets ein interpretatives Moment enthält. Etwas als etwas wahrzunehmen bedeutet demzufolge, es einer vorgängigen Theorie bzw. einer spontanen Deutung gemäß wahrzunehmen.[32] Die Berücksichtigung der Theoriebeladenheit menschlicher Wahrnehmung macht die Möglichkeit und Wirklichkeit fremdpsychischer Wahrnehmung allerdings noch nicht vollauf verständlich. Mit ihr wird zwar der konstruktive und interpretative Anteil von Wahrnehmungsurteilen hervorgehoben, die sich auf fremdseelische Zustände beziehen. Es ist aber fraglich, ob es damit bereits gelungen ist, den rezeptiven Anteil derartiger Wahrnehmungsurteile hinreichend verständlich zu machen. Es gilt deshalb herauszuarbeiten, wie seelisch-geistige Zustände verlässlich und zutreffend wahrgenommen werden können.
b) Vermittelte Wahrnehmung
Die Antwort auf die Frage, ob sich fremdpsychische Zustände wahrnehmen lassen, hängt unter anderem davon ab, welche philosophische Wahrnehmungstheorie man vertritt. Das Spektrum philosophischer Wahrnehmungstheorien ist beträchtlich. Es reicht vom direkten Realismus, demzufolge wir physische Gegenstände ohne Vermittlung mentaler Zwischenglieder wahrnehmen, über die (historisch gesehen einflussreiche) Sinnesdatentheorie, derzufolge der eigentliche Wahrnehmungsgegenstand Sinnesdaten sind, bis hin zu phänomenalistischen Theorien der Wahrnehmung, die annehmen, dass sich Sätze über physische Gegenstände durch Sätze über Sinnesdaten übersetzen lassen. Eine moderate Form des wahrnehmungstheoretischen Realismus stellt der Repräsentationalismus dar. Aus der Sicht repräsentationalistischer Wahrnehmungstheorien nehmen wir physische Gegenstände vermittelt durch mentale Repräsentationen dieser Gegenstände war. Eine derartige Position wird mitunter auch als indirekter Realismus bezeichnet.[33]
Die Wahrnehmbarkeit fremdpsychischer Zustände setzt meines Erachtens eine repräsentationalistische Theorie der Wahrnehmung voraus. (In einem Sinn freilich, der mit dem direkten Realismus vereinbar sein dürfte, wie er gegenwärtig von Autoren wie John McDowell, Hillary Putnam, Richard Schantz, Michael Esfeld u. a. m. vertreten wird. Der Streit zwischen direkten und indirekten Realisten dreht sich vornehmlich um die Frage, ob die Wahrnehmung physischer Gegenstände durch mentale Repräsentationen vermittelt wird oder nicht. Genau diese delikate erkenntnistheoretische Frage brauchen wir hier aber nicht zu entscheiden, da die Repräsentationen, die uns interessieren, körperliche Zustände und Vorgänge sind). Dass wir es im Fall fremdpsychischer Wahrnehmung mit einer repräsentationalistischen Form der Wahrnehmung zu tun haben, lässt sich durch folgende Überlegung verdeutlichen:
Wenn es zutrifft, dass wir uns
(a) mit dem Prädikat „empirisch“ auf Sachverhalte beziehen, die prinzipiell mit den Mitteln der empirischen Wissenschaften zureichend beschrieben und erklärt werden können,
(b) psychische Zustände als solche aber nicht empirischer Natur sind und wir
(c) fremdpsychische Zustände nicht direkt wahrnehmen können[34],
dann lassen sich fremdpsychische Zustände, wenn überhaupt, nur indirekt wahrnehmen. Die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände unterscheidet sich allerdings von der eingangs erwähnten Möglichkeit der indirekten Wahrnehmung physischer Gegenstände. Während die Wahrnehmung physischer Objekte oder Vorgänge dort durch von diesen verschiedenen physischen Objekten oder Vorgängen vermittelt wird, werden im Fall fremdpsychischer Wahrnehmung psychische Zustände durch physische Vorgänge vermittelt.
Indirekte Wahrnehmung kann verschiedene Formen haben. Nehme ich mich morgens im Spiegel wahr, besteht zwischen meinem Spiegelbild und mir als eigentlich intendiertem Wahrnehmungsgegenstand eine hohe phänomenale, oder wenn man will, natürliche Ähnlichkeit. Bei tomographischen Verfahren innerhalb der Hirnforschung ist eine derartige Ähnlichkeit nicht mehr gegeben. Gleichwohl können wir mithilfe moderner Techniken neuronale Areale und Aktivitäten in gewisser Weise abbilden und sie so wahrnehmbar machen. Insgesamt sind bildliche Repräsentationen dadurch gekennzeichnet, dass die räumlichen Proportionen zwischen Teilen des Bildes räumlichen Proportionen zwischen den Teilen des abgebildeten Objekts entsprechen, so dass Teile des Bildes für konkrete Teile eines Objektes stehen und diese abbilden.[35]
Indirekte Wahrnehmungen können bisweilen aber auch durch nicht-bildliche Repräsentationen vermittelt sein, die in keinerlei natürlichem Ähnlichkeitsverhältnis zum Wahrnehmungsgegenstand stehen. So mag ein erfahrener Arzt, der beim Patienten einen rötlichen, fleckig-knotigen Hautausschlag wahrnimmt, äußern: „Wie ich sehe, haben Sie sich mit den Masern infiziert.“ In diesem Fall besteht zwischen den Krankheitssymptomen und der Krankheit als körperlicher Dysfunktion ein kausalgesetzlicher Zusammenhang, der es möglich macht, die Krankheit mit großer Verlässlichkeit über die Wahrnehmung ihrer einschlägigen Symptome zu diagnostizieren. Die Krankheitssymptome fungieren dabei als natürliche Zeichen für die körperliche Dysfunktion. Die Aussage des Arztes lässt sich im vorliegenden Fall freilich in einer zweifachen Weise interpretieren: Zum einen lässt sich sein „Sehen der Masern“ als metaphorische Ausdrucksweise auffassen. In diesem Fall will der Arzt „eigentlich“ soviel sagen wie: „Ich erkenne, dass Sie sich mit Masern infiziert haben, indem ich von beobachtbaren Symptomen auf das Vorliegen der Krankheit schließe.“ Zum anderen ist es aber auch denkbar, dass der Arzt gar nicht bewusst von den Symptomen auf die Krankheit schließt, sondern die Symptome gleichsam unwillkürlich als Manifestationsweise der Krankheit wahrnimmt. In diesem Fall könnte man durchaus behaupten, dass er die Krankheit sieht – direkt, insoweit sie sich in bestimmten Symptomen manifestiert, indirekt, soweit die Symptome in der Regel mit einschlägigen körperlichen Dysfunktionen einhergehen.
Bei allen Formen indirekter Wahrnehmung muss gewährleistet sein, dass sich ein indirekter Wahrnehmungsgegenstand über einen direkten Wahrnehmungsgegenstand identifizieren lässt. Es bedarf deshalb, um einen Vorgang X vermittelt über einen Vorgang Y wahrnehmen zu können, regelhafter Beziehungen zwischen X und Y, die eine verlässliche Identifizierung von Y über X möglich machen.
Die Regelhaftigkeit muss jedoch nicht notwendig kausaler, sie kann auch konventioneller Natur sein. In diesem Sinn konnte Wittgenstein die Wahrnehmung eines Gesichtsausdrucks als beispielsweise traurigen oder fröhlichen Gemütsausdruck mit dem Sprachverstehen vergleichen. Um einen Gesichtsausdruck als Gemütsausdruck zutreffend erfassen und entsprechend auf ihn reagieren zu können, muss man (sozial verinnerlichten) grammatischen und semantischen Regeln folgen können, die körperliche Vorgänge mit seelischen Erlebnisweisen verknüpfen – ähnlich wie Wörter und Begriffe in der menschlichen Sprache verknüpft werden.[36] Die Beziehung zwischen äußerer Mimik und innerem Erleben ist Wittgenstein zufolge deshalb weniger kausaler als vielmehr begrifflicher Art.[37]
Die bisher angestellten Überlegungen lassen sich auf die Frage anwenden, ob sich fremdpsychische Zustände wahrnehmen lassen. Aus der Selbst- und Fremdbeobachtung wissen wir, dass seelische Vorgänge und Zustände sehr oft eng an körperliche Vorgänge und Verhaltensweisen gekoppelt sind. Die Korrelation bildet die Grundlage der Wahrnehmbarkeit seelischer Zustände über physische.
Paradigmatische Beispiele für körperliche Vorgänge, die gewöhnlich eng an seelische Zustände gekoppelt sind, sind etwa (unwillkürliche) „Veränderungen der Mimik, der Gestik, der Körperbewegungen, der Körperhaltung, der Stimmqualität, der Sprechgeschwindigkeit sowie sichtbare Aspekte der physiologischen Erregung wie z. B. Erröten, Zittern, Blässe“.[38] Im sozialen Miteinander beziehen wir uns oft auf typische Verhaltensmuster und Handlungsweisen. Unter ihnen spielen sogenannte Ausdruckshandlungen eine zentrale Rolle, mit deren Hilfe wir innere Vorgänge und Einstellungen zum Ausdruck bringen und mitteilen.[39] Ob wir einzelne, mehr oder minder unwillkürlich ablaufende körperliche Vorgänge oder zusammenhängende Verhaltensweisen betrachten – entscheidend ist, dass zwischen körperlichen und seelischen Vorgängen regelhafte Korrelationen bestehen, die eine automatisierte Identifizierung der seelischen über die körperlichen Zustände ermöglichen.
Im Folgenden möchte ich versuchen, die Gelingensbedingungen der Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände zu skizzieren. Dabei knüpfe ich an wahrnehmungsphilosophische Überlegungen an und blende die komplexen physiologischen Mechanismen aus, die bei der Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände zum Tragen kommen.[40]
V. Bedingungen für die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände
Im vorgehenden Abschnitt wurde argumentiert, dass ein enger empiristischer Wahrnehmungsbegriff weder der Theoriebeladenheit der Wahrnehmung noch der Möglichkeit indirekter Wahrnehmung Rechnung zu tragen vermag. Im Anschluss an diese Kritik wurde erläutert, dass die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände, wenn es eine solche gibt, als Form indirekter Wahrnehmung aufzufassen ist. Im nun folgenden Abschnitt möchte ich die Gelingensbedingungen explizieren, welche erfüllt sein müssen, um einem Subjekt zuschreiben zu können, fremdpsychische Zustände wahrzunehmen.
Zutreffende Wahrnehmungsurteile sind, so hatte ich betont, nicht das Ergebnis bewusster Überlegungs- und Schlussfolgerungsprozesse. Andernfalls könnte man nicht mehr von Wahrnehmungen sprechen. Allerdings dürfen Wahrnehmungsurteile auch nicht nur zufällig zutreffend sein, wenn wir in einem epistemischen Sinn von Wahrnehmung sprechen. Was aber macht, so ist abschließend zu fragen, ein zutreffendes Wahrnehmungsurteil zu einer Wahrnehmungskenntnis?[41]
Meines Erachtens sollte man nicht fordern, dass das Subjekt der Wahrnehmung einen kognitiven Zugang zu den (sein Wahrnehmungsurteil rechtfertigenden) Gründen haben muss, um von Wahrnehmungserkenntnis sprechen zu können. Die damit gegebenen Anforderungsbedingungen wären in vielen Fällen nicht leicht zu erfüllen. Zugleich aber schreiben wir Subjekten in Alltagszusammenhängen auch dann Wahrnehmungserkenntnis zu, wenn sie sich die Gründe, die ihr Wahrnehmungsurteil rechtfertigen, nicht bewusst werden können. Wenn die kleine Petra beispielsweise aus dem Fenster sieht und zum zutreffenden Urteil gelangt, dass es schneit, dann billigen wir ihr wohl auch dann zu, den Sachverhalt, dass es schneit, erkannt zu haben, wenn sie mit der Frage, was sie in diesem Urteil rechtfertigt, völlig überfordert wäre.
Insbesondere im Fall der Wahrnehmung liegt es nahe anzunehmen, dass zutreffende Wahrnehmungsurteile dadurch zur Wahrnehmungserkenntnis werden, dass sie in der richtigen Art und Weise zustande kommen. In Bezug auf die Frage, was „in der richtigen Art und Weise zustande kommen“ bedeutet, gibt es mehrere Vorschläge. In der erkenntnistheoretischen Diskussion der letzten Jahrzehnte wurden insbesondere kausale und reliabilistische Wahrnehmungstheorien ausführlich diskutiert.[42] Im Folgenden werde ich davon ausgehen, dass ein zutreffendes Wahrnehmungsurteil eine Wahrnehmungserkenntnis darstellt, wenn es durch einen ordnungsgemäß funktionierenden kognitiven Mechanismus hervorgebracht wird. Ein kognitiver Mechanismus stellt ein Vermögen der Überzeugungsbildung und -erhaltung dar. Er funktioniert angemessen, wenn er macht, wozu er (gemäß seinem Bauplan) gemacht ist.[43] Das wiederum ist der Fall, er darauf ausgereichtet ist, zutreffende Überzeugungen hervorbringen und diese unter geeigneten Bedingungen auch hervorbringt.[44]
Dieser kognitive Mechanismus, der unserer Wahrnehmungserkenntnis zugrunde liegt, hängt eng mit unserer biologischen Natur zusammen. Zugleich geht er über sie hinaus. Da Anschauungen ohne Begriff, mit Kant gesprochen, blind bleiben würden, benötigen wir Kategorien und Konzepte, die eine propositional strukturierte Wahrnehmung allererst ermöglichen. Diese Kategorien und Konzepte werden durch Spracherwerb, Sozialisation sowie Lernerfahrungen vielfältigster Art erworben. Man muss demzufolge viel wissen, um etwas als etwas wahrnehmen zu können. Dies sei an drei Beispielen verdeutlicht: (i) Um eine Avocado als solche wahrnehmen zu können, muss man mit dem Ausdruck „Avocado“ erfolgreich umgehen können. Dazu wiederum gehören das Wissen, dass mit dem Ausdruck eine exotische Frucht bezeichnet wird sowie die Fähigkeit, ein typisches Exemplar dieser Frucht phänotypisch von anderen exotischen Fruchtsorten unterscheiden zu können. (ii) Dass eine Person ihre Unsicherheit in einer geselligen Runde gekonnt überspielt, lässt sich nur wahrnehmen, wenn man einen geschulten psychologischen Blick besitzt. Ein derartiges Wahrnehmungsvermögen ist nicht einfach angeboren, sondern verdankt sich intensiver Beobachtung und Einübung. (iii) In einigen Bereichen gibt es Experten oder Talente, die über außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeiten verfügen. Man denke etwa an den Weinkenner oder hochsensitive Menschen.
Die angeführten Beispiele sollen deutlich machen, dass der kognitive Mechanismus, der unserer Wahrnehmung zugrunde liegt, sowohl ein Evolutions- als auch ein Kulturprodukt darstellt. Es handelt sich um eine dynamische Größe – und zwar sowohl in individual- als auch kultur- und sozialgeschichtlicher Hinsicht.
In Bezug auf die Bedingungen erfolgreicher Wahrnehmung ergibt sich in diesem Fall das folgende Bild:
Einem Subjekt S ist zuzuschreiben, dass es einen Sachverhalt p wahrnimmt, wenn
- p der Fall ist,
- S urteilt, dass p besteht,
- (2) durch einen Wahrnehmungsapparat vermittelt wurde, der
- Stimuli aus der Umwelt (Inputs) so verarbeitet, dass S spontan zum Urteil gelangt, dass p besteht (Output),
- darauf ausgerichtet ist, wahre Urteile zu generieren und unter geeigneten Bedingungen auch mit hoher Wahrscheinlichkeit wahre Urteile generiert,
- der Wahrnehmungsapparat der Umwelt, in der S urteilt, dass p, angepasst ist,
- keine Störquellen vorliegen.
Eine konkrete, durch Wahrnehmung zustande gekommene Wahrnehmungsüberzeugung ist demnach dann wahrscheinlich wahr, wenn das Wahrnehmungsvermögen eines Subjekts ordnungsgemäß funktioniert, dasselbe in einer für es geeigneten Umgebung ausgeübt wird und keine Störquellen vorliegen. Dieses Modell der Gelingensbedingungen faktiver Wahrnehmung lässt sich auf der Basis der bisherigen Ausführungen auf die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände übertragen:
Ein Subjekt S nimmt demzufolge wahr, dass eine von S verschiedene Person P einen psychischen Zustand vom Typ B hat, wenn
- P tatsächlich einen psychischen Zustand vom Typ B hat,
- S körperliche Zustände P´s vom Typ A sensorisch perzipiert,
- S urteilt, dass P einen psychischen Zustand vom Typ B hat,
- (3) durch einen kognitiven Mechanismus vermittelt wurde, der
- sensorische Stimuli aus der Umwelt (Inputs) so verarbeitetet, dass S spontan urteilt, dass P einen psychischen Zustand vom Typ B hat,
- darauf ausgerichtet ist, wahre Urteile zu generieren und aufgrund seiner Funktionsstruktur unter geeigneten Bedingungen mit hoher Wahrscheinlichkeit wahre Urteile generiert,
- psychische Zustände vom Typ B regelartig an körperliche Zustände vom Typ A gekoppelt sind, so dass sich psychische Zustände (mit hoher Wahrscheinlichkeit) über beobachtbare körperliche Zustände identifizieren lassen,
- der kognitive Mechanismus dem (kulturellen) Kontext angepasst ist, in dem S urteilt, dass P einen psychischen Zustand vom Typ B hat,
- keine Störquellen vorliegen,
- [nicht notwendige Bedingung] körperliche Zustände von P in S ein mehr oder weniger ausgeprägtes (Mit)Erleben eines psychischen Zustands vom Typ B auslösen.
Bedingung (8) stellt keine notwendige Bedingung für die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände dar. Sie ist lediglich dann erfordert, wenn diese Wahrnehmung ein Moment des Mit- oder Einfühlens in den psychischen Zustand des anderen umfasst. Im Anschluss an Paul Ekman lässt sich in diesem Zusammenhang zwischen kognitiver Empathie („Ein-sicht“ in fremdseelische Zustände) und emotionaler Empathie („Ein-fühlung“ in fremdseelische Zustände) unterscheiden: „Kognitive Empathie lässt uns erkennen, was ein anderer fühlt. Emotionale Empathie lässt uns fühlen, was der andere fühlt […]“[45] Die Begriff der Wahrnehmung fremdseelischer Zustände umfasst, sofern Wahrnehmung kognitiv gefasst wird, stets eine kognitive Komponente, zu der eine emotionale hinzukommen kann, aber nicht muss.
Betrachten wir abschließend ein Beispiel: Die kleine Petra nimmt wahr, wie ihre Mutter weint, schluchzt und zittert. Dieser phänomenale Eindruck wird von ihr unwillkürlich als körperliche Manifestation des seelischen Zustands der Trauer ihrer Mutter wahrgenommen. Vermutlich lernte und verinnerlichte die kleine Petra im Laufe ihres kurzen Lebens, dass das Erleben von Trauer sich in den genannten körperlichen Vorgängen, Zuständen und Verhaltensweisen äußert. Dieses Zusammenhangs muss sie sich (im Angesicht ihrer Mutter) ebenso wenig bewusst sein, wie sie sich dessen bewusst ist, dass unsere Sprache Worte in regelhafter Weise mit Bedeutungen verknüpft, wenn sie eine Aussage versteht. Indem Petra dieses Verhalten bei ihrer Mutter wahrnimmt, erfasst sie dieses spontan als Ausdrucksgestalt tiefer Trauer (kognitive Empathie). Die Wahrnehmung des seelischen Zustands ihrer Mutter in Petra kann darüber hinaus ein emotionales Echo hervorrufen, das sie selbst traurig werden lässt (emotionale Empathie). Die emotionale Empathie geht über das Phänomen der sogenannten Gefühlsansteckung hinaus, da es eine kognitive Komponente enthält.[46] Es handelt sich um ein erlebnismäßiges Anteilnehmen am seelisch-geistigen Zustand einer anderen Person. Es setzt die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme ebenso voraus wie die Möglichkeit, sich in den inneren Zustand einer anderen Person hineinzuversetzen.[47]
Das Vermögen der Wahrnehmung fremdpsychische Zustände kann mehr oder weniger gut ausgebildet sein. Es muss ebenso wie die menschliche Sprache erlernt und eingeübt werden. Die Anlage zur Ausübung dieses Vermögens mag angeboren sein. Die Entwicklung der Anlage hängt von genetischen, sozialen und kulturellen Bedingungen ab, weshalb das Vermögen fremdpsychische Zustände verlässlich wahrzunehmen, von Person zu Person stark variieren kann.
VII. Fazit
Der vorliegende Beitrag widmete sich der Frage, ob sich fremdpsychische Zustände wahrnehmen lassen. Für eine derartige Möglichkeit sprach unter anderem unsere alltägliche Sprachpraxis. Gegen eine solche Möglichkeit schien zu sprechen, dass psychische Zustände nicht empirischer Natur sind und deshalb nicht eigentlich Gegenstand der Wahrnehmung sein können. Dieser Einwand ist allerdings nur stichhaltig, wenn man ein enges empiristisches Verständnis von Wahrnehmung voraussetzt. Gegen ein solches Wahrnehmungsverständnis spricht die Theoriebeladenheit von Wahrnehmungsurteilen ebenso wie die Möglichkeit indirekter Wahrnehmung. Es wurde deshalb vorgeschlagen, die Wahrnehmung fremdpsychischer Zustände als Form repräsentationaler Wahrnehmung aufzufassen und deren Gelingensbedingungen im Anschluss an die proper function-Theorie der Wahrnehmung zu explizieren. Die Frage, ob sich fremdpsychische Zustände wahrnehmen lassen, scheint unter diesen Voraussetzungen positiv beantwortet werden zu können.
Anmerkungen
- Vgl. A. Turing, Computing Machinery and Intelligence. In: Mind 59 (1950), 433-460. Vgl. darüber hinaus: Copeland, B. Jack, The Essential Turing. The ideas that gave birth to the computer age, Oxford 2004. ↑
- Vgl. Turing, Computing Machinery and Intelligence, 442. ↑
- Turing schlug ursprünglich vor, einen Teleprinter zu gebrauchen. Vgl. Turing, Computing Machinery and Intelligence, 433. ↑
- Vgl. Turing, Computing Machinery and Intelligence, 442-454. ↑
- Vgl. Homepage der Universität Reading, http://www.reading.ac.uk/news-and-events/releases/PR583836.aspx (Zugriff: 10.10.2014) ↑
- Vgl. z. B. D. Chalmers, The Conscious Mind, New York 1996. ↑
- Vgl. P. Marton, Zombies vs. materialists: The battle for conceivability. In: Southwest Philosophy Review, 14 (1998), 131-138. ↑
- H. Goller, Emotionspsychologie und Leib-Seele-Problem, Stuttgart 1992, 124. ↑
- Vgl. S. Gallagher & D. Zahavi, The Phenoenological Mind, Oxford 2008, 172. ↑
- Vgl. B. Schmitz, Wittgenstein über Sprache und Empfindung. Eine historische und systematische Darstellung, Paderborn 2002, 243. ↑
- „p“ steht hier für Sachverhalte der Struktur: Objekt bzw. Vorgang x hat Eigenschaft F. Zur Unterscheidung zwischen epistemischem und nicht-epistemischem Sehen vgl. F. Dretske, Seeing an Knowing, London 1969, 4-77. ↑
- Dasselbe gilt für Eigenschaften konkreter Objekte und Vorgänge sowie für Sachverhalte, die sie konstituieren. ↑
- Die dispositionale Farbtheorie ist nicht die einzig mögliche, wird aber m. E. am ehesten unserer alltäglichen Redeweise gerecht. Vgl. R. Schumacher, Was sind Farben? Ein Forschungsbericht über die Wahrnehmung und den Status sekundärer Qualitäten. In: Information Philosophie (2/2005), XXX; Ders., Perception and Reality. From Descartes to the Present, Paderborn 2004. ↑
- Die Grenzen zwischen propositionalem „wahrnehmen als“ und vorpropositional(-phänomenalem) wahrnehmen (als) sind vermutlich nicht scharf. So deutet etwa manches darauf hin, dass Kleinkinder ihre Mutter als von sich und der Umwelt verschieden wahrnehmen, bevor sie die Konzepte „ich“, „Mutter“, „Umwelt“ verstehen. ↑
- Vgl. R. Schumacher, Philosophische Theorien mentaler Repräsentation. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie (5/1997), 785-815. ↑
- Zur Unterscheidung zwischen direkten und indirekten propositionalen Wahrnehmungen vgl. W. Detel, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Stuttgart 2007, 26f. ↑
- Im Übrigen ist der einzige Fall einer Korrelation zwischen psychischen und physischen Zuständen, den wir jemals direkt beobachten konnten, unser eigener. John Stuart Mill schlug deshalb vor, die Erkenntnis fremdpsychischer Zustände als induktive Verallgemeinerung unseres eigenen Erlebens im Sinne eines Analogieschlusses aufzufassen: Ich beobachte zunächst gesetzesartige Korrelationen zwischen meinen seelischen und körperlichen Zuständen. Darüber hinaus stelle ich fest, dass andere Menschen sich in vergleichbaren Situationen ähnlich verhalten und dass ihr Organismus dem meinen ähnelt. Dies lässt mich per analogiam darauf schließen, dass körperliche Verhaltensweisen eines bestimmten Typs bei mir ebenso wie bei den anderen mit psychischen Zuständen eines bestimmten Typs gekoppelt sind. Zur Problematik, vgl. XXX ↑
- Nicht für alle Bewusstseinszustände gilt, dass sie direkt zugänglich sind. Das Bewusstsein, sich in einem Bewusstseinszustand zu befinden, kennzeichnet reflexive Bewusstseinszustände. Nicht-reflexive Bewusstseinszustände (d. h. wenn jemand p wahrnimmt, ohne sich bewusst zu sein, dass er p wahrnimmt) können zwar in der Regel in reflexive Bewusstseinszustände überführt werden. Es gibt jedoch Ausnahmen. Beispielsweise können Babys und Kleinkinder sich bis zu einem gewissen Alter nicht dessen bewusst machen, dass sie ihre Mutter lächeln sehen. Auch ist es mitunter möglich, dass eine Person alle äußeren Anzeichen eines psychischen Zustands zeigt (z. B. Verhaltensweisen, die auf Angst oder Verliebtheit hindeuten), in ihrem Erleben aber keinen entsprechenden psychischen Zustand bemerkt. Ein Grund dafür könnte sein, dass sie diese Möglichkeit verdrängt hat. Vgl. dazu etwa C. Jäger, „Affective Ignorance“. In: Erkenntnis 71 (2009), 123-139. In derartigen Fällen mag der psychische Zustand einer Person aus drittpersönlicher Perspektive u. U. angemessener beurteilt werden können als aus erstpersönlicher. Derartige Ausnahmefälle stellen jedoch keinen Einwand gegen die These dar, dass Subjekte im Regelfall über einen privilegierten erstpersönlichen Zugang zu ihren psychischen Zuständen verfügen. Im Übrigen geht es hier weder darum zu behaupten, wir hätten nur aus der Perspektive der ersten Person Zugang zu unseren psychischen Zuständen, noch darum zu behaupten, wir hätten immer einen (quasi-)infalliblen erstpersönlichen Zugang zu denselben. Behauptet werden soll vielmehr, dass wir allein aus der Perspektive der ersten Person einen direkten Zugang zu unseren psychischen und mentalen Zuständen haben können und dass die Natur dieser Zustände sich nicht unabhängig von ihrer introspektiven Gegebenheitsweise erschließt. ↑
- Zu den folgenden Punkten vgl. z. B. D. Kraschl, Relationale Ontologie. Ein Diskussionsbeitrag zu offenen Fragen der Philosophie, Würzburg 2012, 2011-255, bes. 232-235. ↑
- U. Meixner erörtert und verteidigt in Two Sides of Being. The Reassessment of Psycho-Physical Dualism (Paderborn 2004) rund zwanzig unterschiedliche Argumente gegen den Physikalismus; darunter viel diskutierte aktuelle Argumente wie Nagels Fledermaus, Jacksons Mary, Searles Chinesisches Zimmer, Chalmers Zombie und das Argument aus dem invertierten Spektrum (vgl. Kap. III-V). ↑
- Vgl. Art. „Behaviorismus“. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hrsg. v. Jürgen Mittelstraß, Bd. 1, Stuttgart/Weimar 1995 (korr. Nachdruck), 274. ↑
- Auch das Gehirn wurde von einigen Behavioristen mit einer „black box“ verglichen. Vgl. allerdings B. F. Skinner: Was ist Behaviorismus?, Reinbek 1978, 239, wo diese Metapher als nicht angemessen zurückwiesen wird. ↑
- B. F. Skinner, Wissenschaft und menschliches Verhalten, München 1973. ↑
- Von der Position des nicht-reduktiven Physikalismus sehe ich hier ab, weil er eine empirische Wahrnehmbarkeit von psychischen Zuständen gerade nicht ermöglicht. ↑
- David Lewis, New work for a theory of universals, in: Australiasian Journal of Philosophy 61 (1983), 343-377, hier: 361 (Übersetzung: D.K.) ↑
- Vgl. z. B. B. P. Göcke (Hg.), After Physicalism, Notre Dame 2012. ↑
- Empirische Studien im Bereich der Wahrnehmungsforschung stützen diese Einschätzung. Vgl. z. B. C. Teufel & P. Fletcher & G. Davis, Seeing other minds: attributed mental states influence perception. In: Trends in Cognitive Sciences 14 (2010), 376-382. ↑
- Vgl. F. Kutschera, Ungegenständliches Erkennen, Paderborn 2012, 18. ↑
- Vgl. ebd., 18. ↑
- Ebd., 18. ↑
- Vgl. auch W. Sellars einflussreiche Kritik „am Mythos des Gegebenen“. Vgl. Ders., Empiricism and the Philosophy of Mind. In: H. Feigl and M. Scrivens (Hgg.), Minnesota Studies in the Philosophy of Science, Bd. 1, Minneapolis 1956, 253-329. ↑
- Vgl. Y. Bossart, Ästhetik nach Wittgenstein. Eine systematische Rekonstruktion, Heusenstamm 2013, 37. ↑
- Vgl. Detel, Erkenntis- und Wissenschaftstheorie, 12-47; weiterführend: R. Schantz (Hg.), Wahrnehmung und Wirklichkeit, Heusenstamm 2009. ↑
- Von exzeptionellen Wahrnehmungsweisen wie mystische Wahrnehmungen im Sinne William Alstons oder sogenannten außersinnlichen Wahrnehmungen, wie sie die Paranormologie untersucht, sehe ich hier ab. ↑
- Vgl. N. Block, Mental Pictures and Cognitive Science. In: Philosophical Review Nr. 93 (1984), 577-607, hier 513. ↑
- Vgl. L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 245: „Das Physiologische ist hier ein Symbol für das Logische.“ ↑
- Vgl. A. Rust, Wittgensteins Philosophie der Psychologie, Frankfurt a.M. 1996, 186. Vgl. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 245: „Das Physiologische ist hier ein Symbol für das Logische.“ ↑
- Vgl. Goller, Emotionspsychologie, 124. ↑
- Vgl. R. Ginters, Die Ausdruckshandlung. Eine Untersuchung ihrer sittlichen Bedeutsamkeit, Düsseldorf 1976. ↑
- Vgl. z. B. M. Gazzaniga u. a. (Hg.), Cognitive Neuroscience: The Biology of the Mind, New York 42008. ↑
- Dasjenige, was Erkenntnis bzw. Wissen von einer ggf. persönlich gerechtfertigten, aber nur zufällig wahren Überzeugung unterscheidet, nennt Planinga „warrant“. Vgl. z. B. A. Plantinga, Warranted Christian Belief, New York/Oxford 2000, xi. ↑
- Vgl. z. B. T. Grundmann, Der Wahrheit auf der Spur. Eine Verteidigung des erkenntnistheoretischen Externalismus, Paderborn 2003. ↑
- Vgl. A. Plantinga, Warrant and Proper Function, New York 1993, 4. Die Rede von einem Bauplan impliziert nach ihm nicht schon einen intelligenten Designer: „it is perhaps possible that evolution (undirected by God or anyone else) has somehow furnished us with our design plans“ (ebd. 21). ↑
- Vgl. A. Plantinga , Plantinga, Warrant: The Current Debate, Oxford 1993. ↑
- P. Ekman, Gefühle lesen, München 2007, 249. Das Vermögen, fremdpsychische Zustände wahrzunehmen, hängt eng mit dem zusammen, was man Empathiefähigkeit oder Einfühlungsvermögen nennt. Bestimmt man den Ausdruck Emphatiefähigkeit als das Vermögen, fremdseelische Zustände wahrzunehmen, ist er bedeutungsgleich mit dem hier untersuchten Phänomen. Der Ausdruck wird jedoch oft in einem etwas weiteren Sinn gebraucht, der willentliche Prozesse des Überlegens und Schlussfolgerns mitumfasst. So bestimmt William Ickes Empathie etwa als „komplexe Form des psychologischen Rückschlusses, bei der Beobachtung, Erinnerung, Wissen und schlussfolgerndes Denken kombiniert werden, um Einsichten über die Gedanken und Gefühle anderer zu erlangen.“ Ders. (Hg.), Empathic accuracy, New York 1997, 2 (Übersetzung: D. K.). ↑
- Zum Begriff der Gefühlsansteckung vgl. M. Scheler, Wesen und Formen der Sympathie. Der „Phänomenologie d. Sympathiegefühle“, Bonn 21923,25ff. ↑
- Die neurologische Basis für die Phänomene der emotionalen Empathie und der Gefühlsansteckung sind vermutlich Spiegelneurone. Vgl. G. Rizzolatti & C. Sinigaglia, Empathie und Spiegelneurone – die biologische Basis des Mitgefühls, Frankfurt 2008. ↑
