Predigt zu Apg 1, 15-17. 20a.c-26 (Wahl des Matthias)

Lesedauer etwa 5 Minuten

»Credo sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam«. Zum 7. Sonntag der Osterzeit. In: Christoph Heinemann (Hg.): GOTTES WORT IM KIRCHENJAHR 2011. Das Werkbuch für Verkündigung und Liturgie. Lesejahr B – Band 2., Echter: Würzburg 2012, S. 189-190

„Credo sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam“

Im großen Glaubensbekenntnis bekennen wir uns zur heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Dabei mag sich der eine oder die andere fragen: „Was ist damit eigentlich gemeint?“ Was „katholisch“ heißt, ist schnell erklärt. Das griechische Wort „kata-holon“ bedeutet wörtlich soviel wie „allumfassend“. Es bezeichnet ursprünglich keine bestimmte Konfession, sondern die Universalität der Kirche, die zu allen Völkern auf dem Erdkreis gesandt ist. Etwas schwieriger ist zu erklären, inwiefern die Kirche „apostolisch“ genannt wird. Die heutige Lesung, die von der Wahl des Matthias zum Apostel berichtet, kann uns darüber einigen Aufschluss geben. Dazu ist allerdings ein wenig auszuholen.

„Und er schuf zwölf.“

Die Apostolizität der Kirche geht auf Jesus zurück. Beim Evangelisten Matthäus lesen wir, dass Jesus unter seinen Jüngern zwölf erwählte, die er auch „Apostel“ nannte. Dass Jesus genau zwölf und nicht neun oder zehn erwählte, war kein Zufall, sondern Programm; ein programmatischer Akt, der die Zeitgenossen Jesu hellhörig gemacht haben muss: Die Zwölfzahl erinnert an die zwölf Stämme des aus­erwählten Volkes Israel. Genauso wie das Gottesvolk des alten Bundes auf die zwölf Stammväter gegründet worden war, so gründet Jesus die Kirche auf die zwölf Apostel. Das aber bedeutet: Jesus schafft ein neues Volk Gottes, ein „neues Israel“.

Die „Zwölf“, wie sie im Evangelium auch genannt werden, waren also nicht einfach nur besonders enge Mitarbeiter Jesu. Sie waren ein von Jesus eingesetztes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Gott begonnen hat, sein endzeitliches Gottesvolk zu sammeln; ein Zeichen, dass mit Jesu Kommen etwas ganz Neues anbricht. Aus diesem Grund musste die Zwölfzahl nach dem Ausfall des Judas, der zum Verräter geworden war, wieder aufgefüllt werden.

Kriterien für das Apostelamt

Petrus, der Sprecher der Apostel, ist es, der die Initiative ergreift, um das vakante Apostelamt neu zu besetzen. Er benennt zunächst zwei grundlegende Kriterien auf das Amt des Apostels: Erstens muss der Kandidat „einer von den Männern [sein], die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus der Herr bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes“. Und zweitens muss er „Zeuge der Auferstehung“ sein.

Es genügt augenscheinlich nicht, den Auferstandenen erfahren zu haben. Nein, die österliche Erfahrung soll zurückgebunden sein an den konkreten Jesus der Geschichte. An denselben Jesus, der sie gerufen, für den sie alles verlassen haben, dem sie nachgefolgt sind. Mit dieser ersten Bedingung wird sichergestellt, dass die Botschaft von Ostern nicht nur eine Sache religiöser Schwärmer ist, sondern in der realen Geschichte dieser Welt verankert ist.

Die zweite Bedingung macht demgegenüber deutlich, dass es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Gegenwart geht. Zeuge der Auferstehung zu sein, heißt bezeugen, dass Jesus nicht Vergangenheit und damit tot ist, sondern dass er lebt und gegenwärtig ist. Der christliche Glaube ist Oster­glaube! Zeugen der Auferstehung sind diejenigen, welche die bleibende Gegenwart Jesu erkennen und bekennen.

Gesandte an Christi statt

Auch der weitere Verlauf des Wahlvorgangs ist bemerkenswert: Nachdem die versammelten Jünger zwei geeignete Kandidaten gefunden haben, machen sie sich nicht sogleich daran, eine Wahl zu treffen, sondern sie gehen ins Gebet: Letztlich soll nicht das Los ent­scheiden, auch nicht Petrus in seiner Autorität als Sprecher der Apostel oder die Gemeinde durch eine demo­kratischen Wahl, sondern Jesus Christus selbst. Er sollte sich den neuen zwölften Apostel auswählen, so wie er auch die übrigen elf selbst ausgewählt und berufen hat.

Wir haben es hier nicht nur mit einem nüchternen Wahlbericht zu tun, sondern mit einer befreienden Botschaft. Sie besagt: Die Personen, die ein Amt in der Kirche innehaben, sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Die Personen wechseln. Das Entscheidende ist der Auftrag, den sie an Christi statt ausführen. Das ist keine Geringschätzung der Amtsträger, sondern heilsame Relativierung. Worin aber, so ist noch einmal zu fragen, besteht dieser Auftrag, dem das Amt dient? Und was hat das alles mit uns zu tun?

Nach katholischem Verständnis ist jeder Bischof ein Nachfolger der Apostel. Als solcher steht er in einer ununterbrochenen Kette von Zeugen, die sich bis zu einem der zwölf Apostel zurückführen lässt: die sogenannte „apostolische Sukzession“. Jeder Bischof soll ein Garant dafür sein, dass die brennende Fackel des Glaubens von Generation zu Generation unverfälscht weitergegeben wird. Das Amt des Bischofs ist dabei kein anderes als das der ersten Apostel: Zeuge des Auferstandenen zu sein. Darin besteht das Apostelamt.

Wenn wir uns im Glaubensbekenntnis dazu bekennen, dass die Kirche apostolisch ist, dann bekennen wir uns dazu, dass sie auf das Glaubenszeugnis der Apostel gegründet ist. Der Schatz des Glaubens ist uns anvertraut, damit wir ihn bewahren; bewahren können wir ihn aber nur, indem wir ihn in Wort und Tat bezeugen. In diesem weiteren Sinn können und sollen wir alle Apostel sein: Gesandte des Auferstandenen und Botschafter der sich selbst verschenkenden Liebe Gottes. Und sollten uns einmal von Glaubenszweifeln befallen, so gilt immer noch: Das Fundament, auf das wir mit unserer Taufe gestellt worden sind, ist solide. Es ist das Fundament der zwölf Apostel mit Christus als seinem Eckstein.

P. Dominikus Kraschl OFM

 

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