Denn die Sehnsucht ist schon Licht…

Denn die Sehnsucht ist schon Licht…
Vom französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry stammt das tiefsinnige Wort:
„Wenn du ein Schiff bauen willst, trommle nicht erst die Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Die Sehnsucht ist eng mit dem Menschsein verbunden. Obwohl allen vertraut, bleibt sie doch eine geheimnisvolle Kraft. Niemand weiß genau, woher sie kommt und wohin sie geht, und doch kann sie unserem Leben und Streben Flügel verleihen.
Der Gedanke an ein ersehntes Gut weckt im Menschen eine Ahnung, die einen Weg weist und verleiht ihm unermüdliche Ausdauer das ersehnte Ziel zu suchen und zu erreichen. In der Sehnsucht übersteigt sich der Mensch. Er gibt sich nicht mit dem Gegebenen zufrieden, sondern sucht etwas Größeres. Er geht auf das Ganze. Kompassnadel der Transzendenz. Der Mensch: das Wesen der Sehnsucht.
Im Evangelium begegnen uns zwei Menschen, Simeon und Hanna, die der Spur ihrer Sehnsucht gefolgt sind und das Ziel ihrer Suche erreichen: … .
Simeon und Hanna stehen für ganz Israel, ja für die ganze Menschheit, die jener Sehnsucht folgen, die Gott in das Herz des Menschen hineingelegt hat. In den Augen der Welt mag ein Leben, das aus Fasten, Beten und Warten besteht, wenig aufregend, ja geradezu armselig erscheinen.
Die Sehnsucht lehrt uns auf der einen Seite, dass die Dinge der Welt nicht halten, was sie versprechen. Sie kann sich auf dieses und jenes richten: Auf Geld, Macht, Sex, Luxus, Schönheit oder Erfolg und immer muss sie, wenn sie ehrlich ist, sagen: Nein, das ist es nicht, was mir entspricht – auch wenn diese Dinge aufs Erste eine fast unwiderstehliche Faszination auf uns ausüben und uns in ihren Bann ziehen. Früher oder später stellen wir fest, dass sie sich in Versprechungen erschöpften. Die großen religiösen Traditionen der Menschheit haben vielfältige Strategien entwickelt, eine gewisse Indifferenz gegenüber den Verheißungen der Welt, die uns vielversprechend anlachen, zu kultivieren.
Auf der anderen Seite ist die Sehnsucht ein inneres Licht, das uns Orientierung gibt – aber wohin führt sie uns eigentlich? Ja, das ist eine gute Frage, deren Antwort keineswegs auf der Hand liegt.
Im Tempel berühren sich die Sehnsucht des Menschen, der sich immer mehr als Frage nach Gott erkennt, und die erste Erfüllung dieser Sehnsucht: Jesus als die Antwort Gottes: als bleibende Zusage, dass der Mensch, welcher der Spur der Sehnsucht folgt, bereits dem nahe ist, der die Sehnsucht einmal endgültig erfüllen wird.
„Wer sich sehnt, ist nicht lichtlos. Denn die Sehnsucht ist schon Licht.“ (Bettina von Arnin)
Der Mensch ist das Wesen der Sehnsucht. Es könnte scheinen als ob es die Sehnsucht wäre, die den Menschen immer wieder in alle möglichen Formen der Sucht treibt.
Sucht ist nichts anderes als fehlgeleitete Sehnsucht. Jede Sucht hat einmal als Suche begonnen, ist dann aber bei Ersatzobjekten hängen geblieben. In all den kleinen und großen Süchte, die unser Herz besetzen und von innen her zersetzen, suchen wir das Richtige am falschen Ort. Wir suchen Gott, indem wir weltliche Wirklichkeiten vergöttern, die mehr verheißen als sie geben können.
Die Sehnsucht muss kultiviert werden. Wir brauchen eine neue Kultur der Sehnsucht. Jüdisch-christliche Kultur – liturgische Jahr mit seinen beiden großen Fastenzeiten vor Weihnachten und Ostern – der Sehnsucht nach Gott, die aus der Zuversicht lebt, dass diese Sehnsucht nicht ins Leere geht, weil die Erfüllung dieser Sehnsucht in Jesus Christus bereits begonnen hat.
Zweifache Aufgabe: Widerspruch und Vorbild. Die Aufgabe der Kirche ist es auch, die Sendung Jesu fortzuführen: nämlich aufzudecken, was im Herzen der Menschen ist: Die Götzen und ihre hohlen Versprechungen zu entlarven. Damit wird sie auch zu einem ein Zeichen, dem widersprochen wird. Aber das muss wohl so sein.
Simeon und Hannah lehren uns, Männer und Frauen brennender Sehnsucht zu sein.
Der Mensch ist als Wesen der Sehnsucht suchtgefährdet. Aber er ist auch das einzige Wesen das gottfähig ist. Das ist seine Würde.
