Die Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,1-39)

Lesedauer etwa 5 Minuten

Ein Brunngengespräch…

Das betrachtete Evangelium erzählt uns von einer ungewöhnlichen Begegnung an einem Brunnen. Bereits die Umstände dieser Begegnung zwischen der samaritischen Frau und dem fremden Wanderer sind bedeutungsschwer: Indem der durstige Wanderer ein Gespräch mit der Samariterin anknüpft, begeht er einen doppelten Tabubruch. Die jüdische Sitte verlangte vom Mann strenge Zurückhaltung gegenüber Frauen. Der Wanderer setzt sich darüber hinweg. Aber nicht nur das. Die Frau, die er anspricht, ist eine Samariterin, und die Samariter wurden von den Juden verachtet. Sie galten ihnen als Sektierer, mit denen man keinen Umgang pflegt. Auch darüber schreitet der Wanderer hinweg.

…in der Mittagshitze

Ein weiteres Detail, das man leicht übersehen kann, ist bedeutsam. Es ist die sechste Stunde – die Mittagsstunde. Die Historiker sagen uns, dass es für eine Frau der damaligen Zeit unüblich war, in der größten Mittagshitze zum Brunnen zu gehen, um Wasser zu schöpfen. Welchen Grund könnte die samaritische Frau für ihr merkwürdiges Verhalten gehabt haben? Der weitere Verlauf des Gesprächs gibt uns einen Anhaltspunkt: „Fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist auch nicht dein Mann“, so wird ihr gesagt (vgl. Joh 4,18). Die Frau lebt also in ungeordneten, für die damalige Zeit geradezu skandalösen Beziehungsverhältnissen! Möglicherweise meidet sie soziale Kontakte, weil sie die Schmähungen der anderen Frauen fürchtet. Sie kommt der sozialen Ächtung zuvor, indem sie selbst das einsame Dasein einer Außenseiterin auf sich nimmt.

Ein Blick in die Tiefe…

Bedeutungsvoll ist schließlich ein weiterer unscheinbarer Umstand. Das Gespräch findet – wohl nicht zufällig – an einem Brunnen statt. In der Tiefenpsychologie ist der Brunnen ein Symbol für den Zugang zur „Dimension der Tiefe“, zur Welt des Unbewussten, zum verborgenen Reich der Seele.

Der bekannte Arzt und Psychologe Viktor Frankl, der Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie, hat einmal ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Der unbewusste Gott“ (vgl. Ders.: Der unbewußte Gott. Psychotherapie und Religion, München 71988). Frankl formuliert in diesem Buch die These, dass der Mensch eine Beziehung zu Gott auch dann haben kann, wenn er nicht darum weiß; wenn ihm eine Beziehung zu Gott gar nicht bewusst ist und er sich womöglich für ungläubig oder religiös unmusikalisch hält. Diese Beziehung(smöglichkeit) kann nämlich vergessen und ins Unbewusste verdrängt sein, wo sie aber weiterhin – sozusagen im Verborgenen – existiert und weiterwirkt.

Wie ist Frankl auf diesen Gedanken gekommen? Ganz einfach. Nicht wenige seiner Klienten, die sich für Atheisten oder Agnostiker hielten, haben ihm Träume erzählt, die in der Analyse eindeutig religiöse Symbole und religiöse Themen zum Vorschein brachten. Soweit so gut und was sagt uns das? Wenn Frankl recht hat, dann könnte es sein, dass gar mancher, auch wenn er mit der Kirche und mit Gott nicht viel am Hut hat, Gott viel näher ist als er selbst vermuten würde. Wenn Frankl recht hat, dann könnte es sein, dass er jemand braucht, der ihm hilft, die religiöse Sprache seiner Seele zu verstehen.

Die ganze Wahrheit…

Zurück zu unserem Brunnengespräch! Die Frau ist nicht wenig erstaunt, dass der fremde Wanderer überhaupt mit ihr spricht. Ist sie doch eine Frau und eine Samariterin noch dazu. Noch mehr muss sie die Aussage der Wanderers in Staunen versetzt haben: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der mit dir spricht, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (vgl. Joh 4, 10). Die Frau versteht zunächst gar nichts. Doch in ihrem Herzen macht sich eine diffuse Sehnsucht nach dem lebendigen Wasser, welches ihr dieser Fremde verspricht, bemerkbar: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe!“ (vgl. Joh 4,15).

Doch Jesus schickt sie weg. Sie soll ihren Mann holen und dann wieder kommen. Als sie Jesus auf ihre Antwort hin, „Ich habe keinen Mann“, auf ihr Beziehungschaos anspricht, erreicht ihr Staunen eine dramatische Zuspitzung. Ihr bleibt buchstäblich der Mund offen stehen: Da steht jemand vor ihr, der sie durch und durch kennt. Ein Fremder, der ihr zu Herzen spricht; einer der sogar um die Abgründe und die Verzweiflung weiß, die sie so gut es geht vor allen verbirgt. – Und dieser Fremde verurteilt sie nicht. Er schaut sie an. In seinem Blick spiegeln sich Güte und Verständnis.

Eine Quelle bricht auf…

In diesem Augenblick geschieht es, dass in der Dimension der Tiefe die Quelle aufbricht: Die Frau erkennt, dass sie in all ihren Männergeschichten eigentlich etwas ganz anderes gesucht hat. Sie erkennt, dass die Quelle der Geborgenheit und des Glück, das sie so verzweifelt gesucht nicht dort zu finden ist, wo sie gesucht hat. Sie erkennt, dass der Mann, der ihr gegenübersteht ein Prophet sein muss. Einer, der ihr den Weg zur Quelle weist.

Je weiter das Gespräch fortschreitet, desto mehr offenbart ER sich ihr. Schließlich erkennt und bekennt sie ihn als den Retter; als denjenigen, der die verschüttete Lebensquelle in ihr wieder zum fließen gebracht hat. Ihr Mund geht schier über von der Freude, die in ihrem Herzen aufquillt. Die Samariterin hat ihre soziale Schande mit einem Mal vergessen und eilt zu ihren Stammesgenossen. Sie „ließ den Wasserkrug stehen, eilte in den Ort und sagte zu den Leuten: Kommt her, sehr, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias? Da liefen sie hinaus und gingen zu Jesus“ (Joh 4,28-30).

Willst auch du dich auf den Weg zum Brunnen machen? Dich von Jesus seinem Wort ansprechen lassen, um aus der sprudelnden Quelle das Wasser des Lebens schöpfen zu können und aus der Quelle zu trinken, die in der Dimension der Tiefe, am Grund der Seele entspringt – dort wo Gott den Menschen berührt?

 P. Dominikus Kraschl OFM

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