Gott hat ein Herz

Lesedauer etwa 5 Minuten

Predigt zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, Lesejahr B

(bezugnehmend auf Eph 3,8-19 und Joh 19,31-37)

Liebe Brüder und Schwestern!

Gott besitzt ein menschliches Herz. Gebildet aus dem Fleisch eines blutjungen israelischen Mädchens. Nach etwa neunzehn Tagen, knapp drei Wochen, hat dieses kleine Herz zum ersten Mal geschlagen:

Rund 90000 Mal pro Tag rund 11000 Tage lang ohne Unterbrechung – so habe ich überschlagsmäßig ausgerechnet.

Dieses Herz hat nicht nur geschlagen, es hat gebrannt. Es hat gebrannt und ist doch nicht verbrannt. Der brennende Dornbusch ist ein alttestamentliche Vorausbild für dieses Herz: Gott hat bei diesem Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte seinen Namen, sein Wesen als Gott-Emmanuel, offenbart hat.

Diese Selbstoffenbarung Gottes hat im Herzen Jesu ihre irdisch nicht mehr überbietbare Erfüllung erreicht: Hier steht das Herz Gottes offen für alle. Kommt alle zu mit ruft Jesus uns zu:

„Nehmt mein Joch auf mich und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ (Mt 11,29)

Schließlich wurde dieses Herz am Holze des Kreuzes für uns durchbohrt. Und da hat sich – wie der Evangelist Johannes schreibt – das Schriftwort erfüllt:

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben.“ (Joh 19,37)

Im Schauen dieses Geheimnisses liegt unser Heil. Lange konnte ich mit der Herz Jesu Verehrung nicht allzu viel anfangen. Mir standen die oft recht kitschigen Herz Jesu Bilder vor Augen, die im besten Fall sentimentale Gefühle wecken, für mich aber eher abstoßend wirkten. Mittlerweile bin ich jedoch überzeugt, das gerade die Herz Jesu Betrachtung für die kirchliche Glaubensleben von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung ist.[1]

Dieses Bild sagt nämlich mehr als tausend Worte sagen können. Es spricht eine tiefere Dimension in uns an, an die Begriffe und Erklärungen nicht heranreichen. Es spricht uns in der Tiefe an, es berührt unser Herz: Es geht darum, mehr und mehr die Liebe Gottes in Jesus Christus „zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt“, wie Paulus uns heute sagt (Eph 3,19).

Im Herzen seins Sohnes offenbart uns Gott seine grenzenlose Liebe zu uns. Das Herz Jesu ist ein Symbol für seine göttliche, alles Begreifen übersteigende Liebe zu uns. In diesem von Liebe entflammten Herzen Jesu wird Gottes Liebe zu uns sichtbar – eine Liebe die größer nicht gedacht werden kann, ja eine Liebe die größer ist als alles, was gedacht werden kann und deshalb für uns vielleicht wenig greifbar, weil zu abstrakt, zu anschauungsleer ist – sie wird für uns anschaulich. Im Jesu Herzen ist Gottes Liebe zu uns gewissermaßen verdichtet und bekommt sie eine leibhaft-konkrete Gestalt.

Wir brauchen ein solches Anschauungsbild seiner unermesslichen Liebe. Wenn wir immer und immer wieder auf das Herz des Sohnes Gottes schauen, dann bleiben wir nicht dieselben. Wir beginnen uns zu verändern. Und auch unser Herz beginnt sich zu verändern, zu verwandeln.

Gott macht seine Verheißung wahr und schenkt uns ein neues Herz und einen neuen Geist. Er nimmt das Herz von Stein aus unserer Brust und gibt und ein Herz von Fleisch. Unser Herz wird dem Herzen Jesu ähnlich. Diese Verwandlung unserer gebrochenen Herzen geschieht durch den Heiligen Geist. Denn die Liebe Gottes ist, wie Paulus sagt, in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

So ist nach biblischer Vorstellung unser Herz also gewissermaßen der Ort unserer Teilhabe am göttlichen Leben, unserer Teilhabe an der dreifaltigen Liebe. Wenn unser Herz rein und offen ist, dann kann Gott in uns Wohnung nehmen und wir können Gott mit dem Herzen schauen, wie Jesus es uns in den Seligpreisungen ja auch verheißt.

Der Blick auf Jesu Herz entzündet unser Herz. Dabei geht der Weg vom äußerlichen Schauen, zum Berührt- und Entzündetwerden hin zur Vereinigung und zur Ekstase.

Mich fasziniert immer wieder der folgende Gedanke: Wenn wir Gottesdienst feiern und uns um den Altar versammelt haben, dann befinden wir uns gleichsam in Zentrum des Universums, dessen Mittelpunkt das Herz Jesu ist! Wir ruhen dann wie der Lieblingsjünger aus an der Seite, am Herzen Jesu. Wie Maria lauschen wir seinen Worten, die Geist sind und Leben schenken.

Und wenn wir dann die eucharistischen Gestalten empfangen, dann nehmen wir das Herzblut Jesu in uns auf. Durch unser Herz fließt dann sein Blut und sein Liebesstrom beginnt in und aus unserem Herzen auf alle Menschen, auf die ganze Welt zu fließen.

Die Mönche auf dem Berg Athos sagen: „Beten heißt sein Herzblut vergießen.“

Lasst uns den Herrn heute aus ganzem Herzen darum bitten, das Er unsere Herzen mit seinem immerwährenden Gebet erfülle, mit dem Herzensgebet, auf dass der Liebesstrom, welcher aus seinem göttlichen Herzen fließt durch unsere Herzen in die Welt fließt und alles reinigt und heilt, was krank ist.

Ich möchte schließen mit einem Wort eines großen Heiligen der Orthodoxie, des hl. Seraphim:

„Wenn der Herr dein Herz wieder erwärmt haben wird durch seine Gnade und in Einheit mit dem Heiligen Geist, dann wird dein Gebet ohne Unterbrechung fließen und wird immer mit dir sein, dir Freude geben und dich ernähren.“

Mein persönlicher Zugang zur Herz-Jesu-Verehrung ist das Herzensgebet geworden. Jenseits aller diskursiven Erwägungen geht ein liebender Blick von Herz zu Herz – auch mit geschlossenen Augen: Es ist ein Herzensblick, denn man sieht bekanntlich nur mit dem Herzen gut. ↑

Amen.

 

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