„Gehst du durchs Wasser, ich bin bei dir…“

Lesedauer etwa 4 Minuten

Taufansprache, Lesungen: Jes 43,1-3a.5.7; Ev. Lk 18,15-17

(1) Taufe und Namensgebung hängen eng zusammen. Wir sind gewohnt zu sagen, dass wir auf den Namen getauft wurden, den uns unsere Eltern gegeben haben. Achten wir genau auf den Text der Lesung, dann wird allerdings deutlich, dass diese Redensart nicht ganz der Denkungs­art der Schrift entspricht: „Fürchte dich nicht, […] denn ich habe dich beim Namen gerufen“ (Jes 43,1). Und dann: „Jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre geschaffen, gemacht und geformt“ (Jes 43,7). Ausgehend von diesem Schriftwort muss man sagen: N. wird heute nicht auf seinen/ihren eigenen Namen, sondern auf den Namen Gottes getauft! Der Name Gottes ist nicht einfach irgendein Name. Die heilige Schrift erzählt uns, dass Gott sich dem Mose beim brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch als „Jahwe“ zu erkennen gegeben hat. Der Gottesname ist nicht nur Name, er ist Programm. Denn „Jahwe“ bedeutet soviel wie: „Ich bin da“ bzw. „Ich bin für euch da“ (vgl. Ex 3,14). Auf den Namen Gottes getauft zu werden bedeutet deshalb soviel wie: auf die Gemeinschaft mit Gott getauft zu werden.

Der Lesungstext kleidet diese Glaubenswirklichkeit in ausdrucksstarke Bilder: „Gehst du durchs Wasser, ich bin bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort.“ Und: „Wenn du durchs Feuer gehst, wirst nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen“ (Jes 43,2). Diese poetischen Verse rühren uns an. Sie könnten beim kritischen Zeitgenossen aber auch Zweifel folgender Art aufkommen lassen: Sind gläubige Menschen nicht wirklichkeitsfremde Träumer? In unserer Welt regieren doch kalte und unpersönliche Naturgesetze. Der Mensch scheint den Naturgewalten und Schicksalsmächten – hier exemplarisch an Wasser und Feuer verdeutlicht – nicht nur auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Er scheint überdies in ein sinnleeres Universum hingeworfen, in dem er letztlich nicht mehr ist als ein kurz aufflackerndes Lichtlein ist, eine Welle, die so schnell wieder verebbt, wie sie entstanden ist.

Die Lesung will sicher nicht darauf hinaus, dass Gott für die Gläubigen stets die Naturgesetze aufhebt. Vielmehr will zum Ausdruck gebracht sein, dass es eine noch tiefere Wirklichkeit als die vordergründig beobachtbare gibt: eine Wirklichkeit, gegen der die Naturgewalten nichts ausrichten können. Es ist die Gemeinschaft mit Gott. Es ist Gottes Liebe, die in Jesus für uns sichtbar und erfahrbar geworden ist. Deshalb schreibt der hl. Paulus im Brief an die Römer: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ (Röm 8,36). Und er antwortet: „Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,38-39).

N. wird heute im bzw. auf den Namen des dreieinen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft. Gott ist in sich Liebesgemeinschaft und er will uns in diese Liebesgemeinschaft mit hinein nehmen. „Gott ist freudvollste Liebe.“ Er hat uns geschaffen, weil er Mitliebende seiner selbst haben möchte (vgl. Duns Scotus, Sent III d 7 q 4).

(2) Das schönste und vollkommenste Abbild der dreieinen Liebesgemeinschaft Gottes ist die christliche Ehe. N. wurde in eure eheliche Liebesgemeinschaft hineingeboren. In dieser Gemeinschaft soll N. lernen, was es bedeutet, zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Nicht zu letzt aus diesem Grund habt ihr euch heute ausdrücklich dazu bereit erklärt, eurem Kind eine christliche Erziehung angedeihen zu lassen.

Das was ihr tut, ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Im Evangelium hören mahnt uns Jesus: „Wer nicht wie eine kleines Kind voller Vertrauen zu Gott kommt, dem bleibt das Himmelreich verschlossen. Den Kindern gehört das Reich Gottes“ (vgl. Lk 16f). Liebe Eltern: Die christliche Erziehung ist keine Einbahnstraße. Die göttliche Pädagogik hat es so eingerichtet, dass die Eltern in der Schule des Himmelreiches ebenso viel lernen können wie ihre Kinder. Wenn Jesu Wort zutrifft, dann wird euer/eure N. der denkbar beste Anschauungsunterricht des Glaubens für euch sein, den man sich vorstellen kann: So wie N. euch vertraut, so dürft ihr gemeinsam auf Gott vertrauen; darauf vertrauen, dass er euch trägt, selbst wenn euch euer Weg durchs Wasser oder durchs Feuer führen sollte!

(3) Das Evangelium macht ein Weiteres deutlich: Hauptakteur dieser heiligen Feier ist Jesus selbst. Wenn ich sage, dass ich den/die kleine N. jetzt taufen werde, dann stimmt das nur im Rahmen einer vordergründigen Betrachtung. Vielmehr wird das, was wir im Evangelium gehört haben, jetzt Wirklichkeit werden: Jesus, von dem wir glauben, dass er als der Auferstandene jetzt wirklich und wahrhaft in unserer Mitte ist, wird N. in seine Arme nehmen und ihn/sie beim Namen rufen. Er selbst wird ihn/sie taufen und ihm/ihr seinen göttlichen Segen spenden (vgl. Lk 18,15). Weil ich als Amtsträger nicht in meinem Namen, sondern im Namen Jesu handle, werden die Worte keine leeren Worte sein, sondern sie werden eine neue Wirklichkeit stiften: N. wird durch sie ein Gotteskind werden. Uns bleibt es, zu staunen und zu danken.

Amen.

 

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